Autor Thema: Wie empathischer Kontakt verhindert wird  (Gelesen 7501 mal)

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Offline Claudia

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Wie empathischer Kontakt verhindert wird
« am: 10. September 2007, 22:39:54 »
Aus "Gewaltfreie Kommunikation" von Marshall B. Rosenberg (S. 114)


Meine Freundin Holly Humphrey hat einige weit verbreitete Verhaltensweisen entdeckt, die uns davon abhalten, dass wir mit anderen in empathischen Kontakt treten können. Hier einige Beispiele solcher Hindernisse:


1. Ratschläge „Ich finde, Du solltest...“, „Warum hast Du nicht?“
2. Noch eins draufsetzen „Das ist ja noch gar nichts. Hör erst mal, was mir passiert ist
3. Belehren „Das kann sich in eine ganz positive Erfahrung verwandeln, wenn Du nur...“
4. Trösten „Das war nicht Dein Fehler, Du hast Dein Bestes getan.“
5. Geschichten zum Besten geben „Das erinnert mich an die Zeit...“
6. Über den Mund fahren „Komm, lach mal wieder, lass Dich nicht so hängen“
7. Bemitleiden „Ach, Du Armer...“
8. Verhören „Wann hat das angefangen?“
9. Erklärungen abgeben „Ich hätte ja angerufen, aber...“
10. Verbessern So“ ist das nicht gewesen...


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... Der Glaube, wir müssten Situationen in Ordnung bringen und dafür sorgen, dass es anderen wieder besser geht, hindert uns daran, präsent zu sein. Menschen in heilenden Berufen oder Psychotherapeuten sind besonders anfällig für diesen Glauben. In einem Seminar mit 23 Psychologen stellte ich einmal die Aufgabe, Wort für Wort aufzuschreiben, wie sie auf einen Patienten reagieren, der sagt:

Ich fühle mich sehr deprimiert. Ich sehe keinen Grund mehr weiterzumachen.

Ich sammelte ihre Antworten ein und erklärte: „Ich werde jetzt laut vorlesen, was jeder einzelne als Antwort geschrieben hat. Versetzen Sie sich in die Person, die ihre depressiven Gefühle geäußert hat, und heben Sie jedes Mal die Hand, wenn Ihnen ein Satz das Gefühl gibt, verstanden worden zu sein.“

Die Hände wurden nur bei drei der 23 Sätze gehoben.  Fragen wie „Wann hat das angefangen?“ gehörten zu den am häufigsten geäußerten Entgegnungen. Sie geben den Anschein, dass der Fachmann die notwendigen Informationen für die Diagnose bekommt, damit er dann das Problem behandeln kann.  (Anm. von Claudia: Aber wenn ich mein Auto in die Inspektion gebe, ist es für mich total in Ordnung, wenn der Meister fragt, wann der Motor angefangen hat zu stottern). Ein derart intellektuelles Erfassen eines menschlichen Problems blockiert jedoch genau die Art der Präsenz, die wir für Empathie brauchen. Wenn wir über die Worte eines Menschen nachdenken und darauf hören, wie sie in unsere Theorie passen, dann schauen wir  auf den Menschen – wir sind nicht bei ihm. Die wichtigste Zutat zur Empathie ist Präsenz. Wir sind ganz da für den anderen und seine Erfahrungen. Diese Qualität der Präsenz unterscheidet Empathie von vernunftmäßigem Verstehen und auch von Mitleid. Auch wenn wir uns manchmal dafür entscheiden, Mitleid zu haben, indem wir das fühlen, was die anderen fühlen, sollten wir uns bewusst machen, dass wir in dem Moment des Mitleidens keine Empathie geben.
« Letzte Änderung: 16. Juni 2008, 17:06:42 von Claudia »
Unsere neuen oder erneuerten Beziehungen sind durchweg in Augenhöhe

Offline Fynn

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Re: Wie empathischer Kontakt verhindert wird
« Antwort #1 am: 21. November 2007, 12:37:21 »
  Was hat Dich so verletzt,
  das Du verletzen mußt, um es zu heilen ?
  Zitat : Reinhard Mumm, Therapeut, Bad Herrenalb
« Letzte Änderung: 21. November 2007, 12:39:32 von Fynn »