Autor Thema: unsere Sprache - Diagnose: machen Fehler  (Gelesen 5472 mal)

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mutabor

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unsere Sprache - Diagnose: machen Fehler
« am: 08. August 2011, 10:28:45 »
Ich möchte hier einen Gedanken aus dritter Hand weitergeben, den ich für fundamental halte – leider kann ich die Ursprungsquelle nicht benennen, selber habe ich ihn in einer Supervision gehört. Ich habe diesen Gedanken deutlich weiter ausgebaut.

Wenn mir jemand sagt, dass jemand „einen Fehler gemacht“ habe, dann würde ich gerne solche Personen in den Arm nehmen und trösten, denn ich vermute inzwischen, dass da ein großes Missverständnis vorliegt.

„Jemand hat einen Fehler gemacht.“

Das Problem ist nicht das Verständnis um den Begriff „Fehler“, sondern unser Verständnis hinter dem Sachverhalt „gemacht“.

„Ich mache eine Türe zu“, sagen wir, wenn wir eine Handlung begehen, die einen Vorsatz bedingt. Ich will, dass die Tür zu ist. Dadurch erlange ich die Befriedigung eines Bedürfnisses und deshalb handle ich nach diesem Vorsatz. D.h. das Verb „machen“ setzt eine zielgerichtete Absicht und Handlung voraus.

Schon in dem  Ausdruck „Ich mache mir Sorgen“, komme ich da an die Grenzen meiner Logik, denn dies hieße: ich setze mich vorsätzlich in den Zustand des Sorgens, um die Befriedigung eines Bedürfnisses zu erreichen. Ist das wirklich so?

Wenn ich den Satz: „Ich mache einen Fehler“ ansehe, dann wird er aus meinem Verständnis regelrecht FALSCH! Wenn ich bewusst einen Zustand herbeirufe, der ein „Fehler“ ist, dann nennt man das Sabotage. Da wird vorsätzlich etwas zerstört, um die eigenen Ziele hinterhältig durchzusetzen. Sabotage wird immer gegen jemand anderen gemacht und ist ein Mittel eines Kampfes vermutlich mit ungleichen Mitteln. Sabotieren wird nur derjenige, der offen seine Meinung nicht vertreten darf. Sabotage gehört zu den Mittel des Widerstandes gegen totalitäre Systeme.

Ich möchte fragen, hat es jemals einen Menschen gegeben, der einen Fehler gemacht hat oder ist dies nicht ein tragisches Missverständnis der Welt?

Wer sagt, jemand macht einen Fehler, der lebt in einer Welt:
-   die sich in einem Kampf befindet
-   in der er selber ohnmächtig einer viel stärkeren Macht ausgesetzt ist,
-   in der er keine Mittel als den Hinterhalt hat,
-   in der eine Notsituation nur noch durch Zerstörung der eigenen Existenzgrundlage abzustellen ist (französische Arbeiter haben ihre Holzschuhe gegen ihre Ausbeutung in die Maschinen geschmissen – Arbeitskampf).

Wenn man bei der Idee des Fehlers bleiben will, dann werden Fehler nicht „gemacht“, sondern sie „PASSIEREN“: unbeabsichtigt.

Und derjenige, dem einen Fehler passiert, verdient unseren Trost, weil er doch genauso wie wir unter dem Fehler leidet.

Einen überführten Saboteur wird man strafen, weil man ihn als Schuldigen sieht. Aber auch damit tut man ihm unrecht: Saboteur und Fabrikbesitzer und Käufer der Ware, sind in einem System gefangen, in dem die Bedürfnisse der einen höher eingeschätzt werden als der anderen und auch damit wäre die Strafe nur noch ein weiterer Schritt in der Eskalation, die immer wieder in einem Kampf auf Leben und Tod endete (heute ist der Montag nach der ersten Rückstufung der Kreditwürdigkeit der USA – alle Welt achtet jetzt auf die Börsen).

Dies ist nicht meine Sicht der Welt und nicht mein Ziel.

Fehler passieren, sie passieren immer und besonders dort, wo KEINE FEHLERTOLERANZ besteht. In diesem Sinne habe ich großes Mitgefühl für all die Leute, die in unserer Gesellschaft bestraft werden. Ich halte sie allesamt für unschuldig, denn hinter allem steht ein verzerrtes Gedankengebäude. – Vielleicht sollten wir mal überlegen, ob es nicht an der Zeit wäre sich bei den Täter in unserer Gesellschaft zu entschuldigen.

Entschuldigen hieße: mein Denken ist unrealistisch und meine Beurteilung deiner Handlung ist grundlegend fehlerhaft, deshalb ist deine Strafe ebenso unrealistisch.

Ich plädiere dafür einen Dialog zu eröffnen zwischen den ehemaligen Tätern und Opfern, um eine neue Sicht der Welt zu formulieren. Ich hoffe, dass das Neue wesentlich freundlicher wird - und zwar für beide Seiten und den Rest der Welt.

Und wie man eine solche Utopie angeht? - Mit dem Gedanken, dass unser Verständnis von Fehler selber fehlerhaft ist...  :wolf0:
« Letzte Änderung: 10. August 2011, 06:27:15 von mutabor »

Offline Claudia

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Re:unsere Sprache - Diagnose: machen Fehler
« Antwort #1 am: 10. August 2011, 20:39:39 »
Zitat
  Schon in dem  Ausdruck „Ich mache mir Sorgen“, komme ich da an die Grenzen meiner Logik, denn dies hieße: ich setze mich vorsätzlich in den Zustand des Sorgens, um die Befriedigung eines Bedürfnisses zu erreichen. Ist das wirklich so?   


Genau so ist es.

Danke für diesen Hinweis, Mutabor.

Ich vermute, dass man sich mit Sorgen machen die Bedürfnisse nach Verbindung und Kontrolle erfüllt.

Wie geht es Dir bei diesem Gdanken?


Gruß,

Claudia
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mutabor

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Re:unsere Sprache - Diagnose: machen Fehler
« Antwort #2 am: 11. August 2011, 08:11:35 »
Hi Claudia,

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie unsicher ich bei solchen Gedanken bin, die ich hier aufschreibe.

Ich komme mir so vor, als würde ich an einem fahrenden Auto, die Reifen wechseln, denn ich merke, dass meine Sprache selber die Sicht auf die Dinge verändert, während ich spreche.

Hinter der Frage: machen wir uns Sorgen, steht doch die Frage, ist das Leben eigentlich vorbestimmt oder / und habe ich in einem (welchen?) Umfang Einfluss darauf oder ist das vielleicht die völlig falsche Frage dazu.

Ich bin so erzogen, wass ich denke: ein Leben, welches ich nicht kontrollieren kann, macht mir Angst, aber bei genauer Betrachtung sehe ich darin nur eine Kette von Vorurteilen.

Und das größte Vorurteil ist vielleicht unsere Vorstellung von dem, was wir "ich" nennen. Wenn ich mir Vorträge von Wolf Singer anhöre oder eine moderne Kritik an Descartes, dann bin ich verwirrt.

Ich denke, dass unsere Sprache nicht mehr das abbildet, was wir an scheinbarem Wissen angesammelt haben. Mein Lebensgefühl (so weit ich das ausmachen kann) sagt mir dazu: ich fühle mich wie ein fünf jähriger Junge, der staunend vor der Welt, unserer Sprache, meinem Erleben und den vielen Gedanken dazu steht.

Wenn Du mich fragst, wie es mir dabei geht, dann komme ich nach einiger Beobachtung zu einem verblüffendem Schluss: ich fühle mich pudelwohl! Ich will nichts kontrollieren und mit der Idee etwas kontrollieren zu wollen, fällt auch die Angst ab, etwas nicht kontrolliert zu haben.

Und dann beginnt wieder der Versuch, die Welt mit sprachlichen Mittel abzubilden....

Mir fällt dazu eine Idee von Khalil Gibran ein. Er hat im Propheten über Gesetze geschrieben, ich deute das um zu einer Sache der Weltanschauung, trotzdem passt es für mich:

Die Menschen lieben es Gesetze zu machen, noch mehr lieben sie es diese Gesetze wieder zu zerstören. Sie gleichen darin Kindern, die Sandburgen bauen. - Es gibt noch einen anderen Menschenschlag. diese versuchen Gesetze in Stein zu meißeln: ihnen wird das Leben eher zu einem Zwang.

Spiel oder Zwang? Welches Lebensgefühl hast denn Du? Hinter dem "Bedürfnis nach Verbindung" steht doch eine Interpretation oder Beobachtung (?), dass es nämlich im Leben überhaupt so etwas gibt wie den Zustand, dass ich nicht mit den anderen in Verbindung stehe.

Spannend. Was heißt das denn "alleinesein"?
Ich frage mich, ob ich jemanls schon einmal alleine war. Und wieso ich sofort die Idee habe, dass dies natürlich ein unangenehmer Zustand war.......

"alleine" - "all eins"

Ich vermute, dass die Welt sehr anders ist, als es unsere Worte nehelegen.

Liebe Grüße
m

mutabor

  • Gast
Re:unsere Sprache - Diagnose: machen Fehler
« Antwort #3 am: 11. August 2011, 17:52:38 »
Ich möchte hier einen Dialog wiedergeben, der mir gezeigt hat, dass wir mit unserer Sprache ganz viel transportieren, was nicht ausgesprochen wird, was für uns aber scheinbar die Realität ist.

Bitte stellt euch jemanden vor, der übermüdet ist und über Schlafstörungen klagt. Alle Versuche wieder schlafen zu können sind fehl geschlagen. Das war die zweite, dritte Nacht in Folge ohne durchgehenden Schlaf.



Ich: Was würde ihnen denn jetzt helfen sich ein bisschen besser zu fühlen?

Gegenüber: Ich müsste wieder schlafen können.

I: Sie beschreiben, was sie alles versucht haben, um wieder einzuschlafen – und es hat nicht geklappt. Ich frage deshalb noch einmal, was könnten sie jetzt machen, damit es ihnen ein Stückchen besser ginge.

G überlegt und antwortet: ich müsste vielleicht anders darüber (das Schlafen) denken.

I überlege, dann: Können sie sich vorstellen, warum ich bei dem Satz: „ich müsste vielleicht anders darüber denken“ stutzig werde.

G überlegt bis sie sagt: Ich glaube wegen des „müsste“.

I: Ja. Müsste ist ein Zwang. Wenn ich schlafen möchte und ich kann es nicht, dann hilft Zwang wenig weiter. Schlaf kommt spontan und ist wohl das Gegenteil eines Zwanges. – Ich habe eine Idee, schreiben sie doch mal den Satz auf: „ich müsste vielleicht anders darüber denken“. Wie könnte man einen solchen Satz ähnlich formulieren, so dass er vielleicht mehr stimmig wird.

G überlegt: ich sollte vielleicht anders darüber denken.

I: Okay, das „müsste“ ist jetzt zu einem „sollte“ geworden, fällt ihnen noch eine andere Formulierung ein?

G überlegt lange: Nein.

I: Wer redet denn normalerweise: „du musst“ oder „du sollst“?

G: Die Polizei. – Der Lehrer.

I: Okay, wenn sie schlafen wollen, dann reden sie so zu sich, als seien sie ein Lehrer. Meinen sie, dass sie dann gut einschlafen können?

G lacht: Nein.

I: Fällt ihnen noch eine Formulierung ein, so dass der Satz mit dem Denken freundlicher wird?

G überlegt: Ich darf anders denken?

I: Nun, denken Sie doch einmal  - nicht die Polizei steht an ihrem Bett, sondern ihre beste Freundin. Was würde die denn zu ihnen sagen, damit sie besser einschlafen könnten.

G ratlos.

I: Nun, stellen sie sich mal vor, ihre beste Freundin kommt da zur Tür rein, was würde sie sagen.

G’s Gesicht stahlt auf und sie beginnt zu lächeln.

I: Haben sie das gemerkt? Sie strahlen! Wenn ihre beste Freundin in Zimmer kommt, dann beginnen sie zu strahlen! Würde ihre beste Freundin zu ihnen sagen: du musst anders denken?

G wieder ernst: Nein, sie würde …. Sie würde sagen: du kannst anders darüber denken.

I: Können? Das wäre eine Frage der Potenz – wie bei einem Leherer, der benotet ihre Fähigkeit, würde das ihre Freundin sagen?

G: Möchtest Du anders darüber denken? - Willst du anders darüber denken?

I: Wie stehen sie zu ihrer besten Freundin?

G: ?

I: Was empfinden sie, wenn sie ihr gegenübersitzen?

G wieder strahlen: ich freue mich.

I: Wie hieße denn der Satz, mit dem Denken, wenn sie das Wort „Freude“ einsetzen?

G: Ich freue mich anders zu denken?

I: Ich glaube fast, es gibt noch ein stärkeres Wort für die Verbindung zwischen zwei wirklich guten Freundinnen – also solchen, wo man anfängt zu strahlen, wenn man an sich denkt!

G überlegt lange: Liebe.

I: Ja, ich liebe es anders zu denken.



Alle Sätze werden aufgeschrieben, zum Schluss füge ich einen Satz an, der mir selber sehr nahe geht: Mein Herz bringt es zum Singen, wenn ich anders denke. Ich schreibe diesen Satz, weil er von mir kam, in Klammern unter die Liste. Dort steht:

ich müsste vielleicht anders darüber denken

ich sollte vielleicht anders darüber denken

ich darf vielleicht anders darüber denken

ich möchte anders über das Leben denken

ich freue mich anders über das Leben denken

ich liebe mich anders über das Leben denken

(mein Herz bringt es zum Singen, wenn ich anders über das Leben denke)

I: ist ihnen aufgefallen, dass sie auf einmal nicht mehr vom „Denken“ gesprochen haben, sondern vom „Leben“ - das ist mir auch passiert!?

G ist in Gedanken und mir wird jetzt erst bewusst, dass sie zwischen den letzten Sätzen immer  wieder zum Fenster hinaus guckt.



In dem banalen Satz: „ich muss anders drüber denken“ ist eine Situation enthalten, die eine Beziehung beschreibt zwischen einem Polizisten / Lehrer und mir. Wenn ich den Inhalt des Satzes so modifiziere, dass er die Botschaft der besten Freundin enthält, dann ist der Zwang herausgefiltert und dort kommt die neue Beziehung hinein.

Für mich ist in unserer Sprache die Beziehung zu Menschen hinterlegt und wenn ich meine Sätze unterschiedlichen Menschen in den Mund lege, verändere ich die Beziehungsebene und den Inhalt des Gesagten. Und wenn ich mich geschickt anstelle, dann wird meine Beziehung zu meiner Umwelt freundlicher und der Inhalt des Gedankens verändert sich rapide.

Ich denke, das ist eine Form der Manipulation, ich habe jemanden an der Hand geführt, aber es war ein Erlebnis, zu sehen wie da eine Veränderung stattfand: es begann jemand zu strahlen...

mutabor

  • Gast
Re:unsere Sprache - Diagnose: machen Fehler
« Antwort #4 am: 12. August 2011, 09:03:27 »
Was mich mein Schwiegervater gelehrt hat.

Mein Schwiegervater ist eine Person, die sehr vieles in ihrem Leben auf die Beine gestellt hat. Ich empfinde tiefe Bewunderung für diesen Menschen.

Zugleich hat er Eigenschaften, die ihn zu einer Herausforderung für seine Umgebung machen: er hat s c h e i n b a r immer recht, weiß s c h e i n b a r immer wo es entlang geht und warum s c h e i n b a r die anderen unrecht haben. – In unseren frühen Gesprächen hat dieser Mann mir s c h e i n b a r den letzten Nerven geraubt, ich fühlte mich aggressiv, wütend und war ein Bündel Angriff.

Was hat mich so erregt? Mein Stiefvater sprach immer von den „Gutmenschen“. Damit war die Idee verbunden, dass es Menschen gibt, die sich solange um andere Menschen sorgen, bis sie völlig ausgenützt waren. Er vertrat diese Meinung sehr vehement und militant!

Für mich war dies in einem absurden Widerspruch zu seinem gelebten Leben, denn nicht nur dass er sich politisch eher links-orientiert betätigt hatte, dass er viele Demos organisiert hatte, nein, er war das Familiemitglied, das sich fürsorglich um Nachbarn kümmerte, als sie krank waren und das in einem Ausmaß, das meine Fürsorglichkeit bei weitem überschritt.

Ich sagte einmal über ihn, dass niemanden kenne, der als Linksradikaler, mehr rechtsradikale Ansichten teilt. Eine Person, die sich ausschließlich schwarz oder weiß zeigt und zerrissen erscheint.

Mein Gefühl sagte mir, dass in seinem Verhalten und meiner Reaktion darauf ein Geheimnis liegt.

„Gutmenschen“. Ein Begriff der in meiner Sprach überhaupt nicht vorkommt. Ich war ehrlich gesagt entsetzt über diese Sprache. Als ich mal ein bisschen mehr als den Wikipediaartikel im Netz gelesen  hatte, bin ich auf Göbbels gestoßen.

Mein Schwiegervater hatte in seiner Sprache einen verdeckten Hinweis!

Ich überlegte, ob die radikalen Sätze, die er sagte, einen Sinn machten, wenn ich mir vorstelle, dass er sich in seinem Reden mit Göbbels und seiner Jugend in der Nazizeit auseinander setzt. Seine rechtsradikalen Thesen, hörten sich für mich wie NS-Propaganda an. - Und seine fürsorgliche Seite, die ja auch so deutlich ausgeprägt war?

Könnte es sein, dass dies ebenso ein kommunikativer Akt zu der NS-Ideologie war? In dieser so guten, menschlichen Seite widersprach er dieser Ideologie.

Könnte es sein, dass mein Schwiegervater, sich sein Leben lang mit der NS-Erziehung, die jeder (?) damals abbekommen hatte, auseinandergesetzt hatte? Dies wäre ein Zeichen für einen sehr sensiblen, sehr getroffenen, ja fast gezeichneten Menschen, der an dem damaligen System vielleicht fast kaputt gegangen war, deshalb die Extreme, deshalb die Vehemenz.

Ich fragte mich, ob es sein könnte, dass er während er sich mit mir unterhielt, so tat als ob Göbbels mit am Tisch säße? Das ist natürlich eine Interpretation, ein Bild, das zum Ausdruck bringen soll, wie seine erlebte Wirklichkeit wohl ist.

Wie macht man das im Systemischen? Mit zirkulären Fragen:
Ich stellte mir die Frage:

Wenn ich Göbbels fragen würde, was er zu den unerbittlichen Gedanken meines Schwiegervaters sagen würde, dann würde der Göbbels meiner Gedanken STOLZ auf ihn bekunden, weil er doch den Gedanken des „Gutmenschen“ so gut weiterführt.

Wenn ich mir vorstellen würde, was der Göbbels seiner Gedanken, sagen würde, dann höre ich eine Hasspredigt. Ich stelle mir vor, dass ein Göbbels meinem Schwiegervater die NS-Ideologie in Ohr schreit.

Umgekehrt tobte mein Göbbels, wenn er hörte, dass mein Schwiegervater sich so rührend um unsere MS-kranke Nachbarin kümmerte – die müsse in KZ.

Und wenn ich dies mit seinen Ohren hören würde, dann fiel mir ein, dass Göbbels selber einen Klupfuß hatte und dankbar für solche Menschen ist, die sich auch um ihn kümmern und ihn nicht ins KZ schicken.

Solche Gedanken sind widersprüchlich und verwirrend, genauso erlebe ich ihn.

Ich bekam auf einmal die Vorstellung, dass dieser wütende Mensch vor mir, der so scheint als wäre er der WOLF in Person, der überhaupt keine Empathie für andere aufbringt, jemand ganz anderes ist: mein Schwiegervater saß in seinen Gedanken nicht an einem Tisch mit mir, sondern in seinen Gedanken saß er mit Göbbels an einem Tisch. – Klar, mein Schwiegervater sah vermutlich in mir Göbbels und er tobte. – Ich - Göbbels – Klar, dass es in mir zu randalieren begann!

Wenn ich annehme, dass meine Phantasien richtig sind, dann passiert mit mir etwas: ich werde betroffen, ruhig, traurig, ich sehe nicht mehr ein Gespräch über den Islamismus, sondern ich sehe einen geliebten Menschen, der tief in seinen Gedanken verstickt ist und die Gedanken sind der Horror. Ich empfinde Mitgefühl, manchmal Mitleid. Auf jeden Fall habe ich das Gefühl ihm so nahe wie nur irgendetwas zu sein! Dies ist mein Schwiegervater und ich erlebe tiefe Bande zwischen uns.

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An anderer Stelle habe ich die Geschichte von Hannah Arendt und Hans-Peter Dürr beschrieben. – Eine Jüdin integriert einen Arier direkt nach dem 2 Weltkrieg, der tief verstört war und hilft ihm zu einem guten Leben – Ergebnis: ein Alternativer Nobelpreis (Nobelpreis für die richtige Lebensführung).

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Die GfK setzt an den Anfang ihres Vierer-Schrittes die Empathie die auf reine Beobachtung und nicht auf Wertung gründet.

Wenn ich mir meine Erfahrung mit GfK-lern vor Augen hole, dann habe ich den Eindruck, dass diesem Satz etwas mitschwingt, über das nicht weiter gesprochen wird: es gibt den Zustand, dass jemand nicht empathisch ist. Es gibt den Zustand, dass jemand nicht in Verbindung zu jemand anderem steht.

Ich glaube, dass diese Idee nicht ganz richtig ist: ich glaube, dass alle Menschen immer empathisch waren und sein werden. Die können gar nicht anders! Ich glaube eher, dass sich Menschen Vorstellungen machen über die Welt, die sie umgibt. Und diese Realitäten können sehr weit von einander abweichen.

Ich glaube, dass mein Schwiegervater sehr empathisch ist, sonst würde er nicht so vehement auftreten. Ich glaube, dass er in sich einen krassen Kampf erlebt und für diese Realität, lebt er ein tolles Leben: seine Ehe hat gehalten, die Kinder haben sich nicht abgewendet! Er ist nicht aus dem Job geschmissen worden. Obwohl er wahrscheinlich die Grenze zur psychischen Krankheit passiert hat.

Ich glaube nicht, dass er ein WOLF ist, auch wenn er alle Verhaltenmuster der Wölfe aufweist. Er lebt vielleicht als Lamm in einer Gedankenwelt, in der lauter Wölfe ihn jagen. Und deshalb erlebt er wohl Situationen, die aus seiner Sicht Notwehrsituationen sind. D.h. jeder würde sich so oder ähnlich verhalten! Sowohl ich selber wie auch jeder andere.

Ich denke die Frage, ob jemand empathisch ist geht an der Sache vorbei. Nicht ob er es ist, sondern womit er empathisch ist, ist die Frage.

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Im Systemischen gibt es die Wunderfrage:

Stellen sie sich bitte vor, sie gehen so wie immer ins Bett,
lesen vielleicht noch etwas oder hören mp3-Player,
alles ist so wie immer, sie machen das Licht aus,
denken vielleicht noch ein bisschen an den Tag und
schlafen ganz ruhig ein. -
DANN nachts kommt eine Fee und löst ihr Problem!
Es ist einfach weg.
Woran würden sie am morgen erkennen, dass sie kein Problem mehr haben?

Wenn ich mir wieder vorstelle, was mein Schwiegervater – jetzt nach all diesen meinen Gedanken – sagen würde, wäre das Wunder, dass er begreift, dass der 2. Weltkrieg vorbei ist. Und er könnte es daran erkennen, dass ich ihn liebe.

mutabor

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Re:unsere Sprache - Diagnose: machen Fehler
« Antwort #5 am: 13. August 2011, 07:40:14 »
... wenn mir das einmal mit einer Person gelingt, dann kann es mir immer wieder gelingen.

Wenn mir das mir einer Person wie mit meinem Schwiegervater gelingt, dann kann mir das mit jeder Person gelingen.

Wenn mir das mit jeder Person gelingen kann, dann gelingt mir das auch mit mir selber.

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Ich denke, das ist nicht mehr steigerbar, sondern nur noch anwendbar.

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Mir wird immer klarer, dass ich die GfK toll finde UND zugleich für mich zu eng.

Ich grüße alle, die sich mit diesen Themen beschäftigen und melde mich aus dem Forum ab - klar mit einem Zitat von Khalil Gibran:

Der Prophet
Da sprach ein Rechtsgelehrter: Wie verhält es sich mit unseren

Gesetzen, Meister?
Und er antwortete:
Es macht euch Freude, Gesetze zu erlassen; doch noch lieber umgeht ihr sie.
So wie spielende Kinder Sandburgen am Meeresstrand errichten, um sie dann unter
großem Gelächter zu zerstören.
Doch während ihr eure Sandburgen baut, schwemmt das Meer immer mehr Sand an.
Und wenn ihr eure Sandburgen vernichtet, lacht das Meer mit euch. Wahrlich, das
Meer freut sich stets für den Unschuldigen.

Offline Plejaden

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Re:unsere Sprache - Diagnose: machen Fehler
« Antwort #6 am: 13. August 2011, 13:18:09 »
Hallo Mutabor,

in den letzten Wochen habe ich hier viel von Dir gelesen und wahrgenommen, wie intensiv Du Dich beschäftigst und auseinandersetzt mit der Sprache, die Verbindung schafft oder auch blockiert.

Manches Mal hatte ich einen kleinen Gedanken dazu - aber von der Fülle der Zitate und Verweise und Deinen Ausführungen dazu war ich etwas überfordert, weil ich nicht die Muße hatte, alles genau zu durchdenken und nachzuvollziehen. So habe ich dann auch den kleinen Gedanken nicht geschrieben.
Aber die Beiträge bleiben hier und ich werde einiges noch einmal lesen.

Schade, dass Du Dich gleich wieder abgemeldet hast.

Danke Für das Teilhabenlassen an dem, was Dich bewegt - und Danke für diesen Satz: "alleine" - "all eins"

Alles Gute wünscht Dir
Plejaden

Offline Claudia

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Re:unsere Sprache - Diagnose: machen Fehler
« Antwort #7 am: 13. August 2011, 19:11:25 »
Hallo, Mutabor,

Deine "Gutmensch"-Geschichte hat  mich total fasziniert. Ich erlebe Ähnliches in meiner eigenen Familie. Meine Strategie ist, dem anderen Einfühlung zu geben. Ich schaffe das ungefähr zwei Stunden, dann muss ich weg.


Die Sozialisation im Dritten Reich hat furchtbare Spuren hinterlassen.
Danke, dass Du noch einmal den Finger drauf legst.

In einem Punkt stimme ich mit Dir nicht überein.

Du schreibst,

Zitat
Mir wird immer klarer, dass ich die GfK toll finde UND zugleich für mich zu eng.


In meiner Fantasie hast Du die Tiefe und Mächtigkeit der GfK noch nicht kennen lernen dürfen. Ich kenne kein System, keine Schule, keine Philosophie, die so viel Raum gibt.

In meiner Fantasie hast Du Menschen kennen gelernt, die ein GfK-Hütchen aufhatten, und das Verhalten dieser Menschen hat nicht Dein Bedürfnis nach Wachstum, Klarheit, Kongruenz und vielleicht Sinnhaftigkeit und noch ein paar andere Sachen stillen können. Und ich behaupte, dass das nicht an der GfK lag.

Was sagste nun?


Liebe Grüße hinterlässt


Claudia


in der Hoffnung, dass Du mal wieder reinschaust.
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