Autor Thema: Babygiraphe hat Zweifel  (Gelesen 7861 mal)

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Offline miaflorentine

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Babygiraphe hat Zweifel
« am: 28. Oktober 2012, 13:38:34 »
Liebes Forum,

ich durfte heute beitreten und freue mich sehr darüber. Ich möchte mich kurz vorstellen. Ich heiße Mia, bin 28 Jahre alt und habe einen 5 jährigen Sohn, lebe in Niedersachsen.  Ich selbst habe eine Kindheit erlebt, in der Angst eine übergeordnete Rolle spielte und in der ich meine Autonomie scharf begrenzt wurde. Einfühlung und Verständnis erlebte ich selten. Ich fühlte mich hinsichtlich der Erziehung meines eigenen Kindes unsicher und hatte auch Angst, alte Muster weiterzugeben. Aus diesem Grund machte ich mich vor eineinhalb Jahren auf die Suche nach einem Erziehungsmodell. Wertschätzend und authentisch, sollte es sein.
Ich stieß auf die Bücher von Britta Hahn, die mich sehr positiv inspiriert haben und denen ich viele gute Ansätze entnehmen konnte. Weiterführend beschäftigte ich mich nun lange Zeit mit Rosennbergs Gfk- laß viele Bücher, schaute Seminare und bin nun, auf der Suche nach Austausch, hier gelandet.

Worüber ich mich gerne austauschen würde, ist folgendes:
Bei uns ist die Freude der Freiwilligkeit eingekehrt. Ich/Du musst haben wir aus unserem Wortschatz gestrichen. Ich drücke meine Bedürfnisse aus und bin bemüht, die meines Kindes zu erfassen und Einfühlung zu schenken, wenn es gebraucht wird. Es hat mich ehrlich gesagt viel Mut gekostet, auf Bestrafung und Forderungen zu verzichten, weil sie in meiner eigenen Kindheit so präsent waren und ich die unbestimmte Angst hatte, mein Kind könne mir dadurch "entgleiten". Aber Rosenbergs Ideen von Gewaltfreiheit, der Energie des wollens, der Freude am Geben, der Verbindung von Bedürfnissen, das unterlassen von Verurteilungen und statt dessen das schenken von Einfühlung, haben mich regelrecht entflammen lassen, vor Begeisterung. All dass, was mir als Kind gefehlt hatte, schien plötzlich greifbar und auch für mich endlich lebbar. Ich bin entschlossen, diesen Weg zu gehen, denn er macht mich glücklich und deckt sich mit meinen Überzeugungen.
Doch leider stoße ich an erste gefühlte Grenzen. Mein Umfeld ist voller Unverständnis. Für den Großteil ist es unverständlich, wie man in der Erziehung auf Forderungen verzichten kann. Ich höre ständig "es gibt halt Dinge die man tun muss, dass müssen Kinder lernen!" "Wie bitte, Du verzichtest auf Strafe, ja wie soll das denn gehen? Kinder brauchen Grenzen!" Ich versuche dann zu erklären, dass ein wertschätzender Umgang nicht heißt, dass man sein Kind nicht begrenzt. Wenn mein Sohn Eis zum Frühstück möchte, dann respektiere ich seinen Wunsch nach Selbstbestimmung, kann seinen Wunsch aber dennoch nicht erfüllen, weil seine Gesundheit mir wichtig ist. TROTZDEM DARF ER SEINEN WILLEN BEHALTEN.
Aber manchmal fühle ich mich überfordert. Im Kindergarten lehnt er das aufräumen ab, weil er "grade andere Bedürfnisse hat!" die Erzieher sind schon wirklich ganz großartige, offene und herzliche Menschen, die den Willen der Kinder und die Kinder als kleine Persönlichkeiten respektieren. Aber nach solchen Aussagen, werde ich als Mama dann mit der Frage konfrontiert, was ich denn nun bitteschön möchte, wie darauf reagiert wird! Ich bin generell ein unglaublich unsicherer Mensch und es fällt mir schwer für mich einzustehen. In solchen Momenten stottere ich etwas, von natürlichen Konsequenzen, dass Lukas dann am nächsten Tag erst Spielzeug bekommt, wenn er sich entscheiden kann, sie auch wieder einzuräumen. Doch dann bin ich mir selbst nicht mehr sicher, ob dieser Vorschlag im Sinne der GFK ist, oder doch eine Strafe.
Zudem hat mein Sohn gerade eine hoch emotionale Phase. Er wirkt oft wie eine kleine Bombe, die jeder Zeit vor Wut explodieren kann. Wenn ich versuche ihm Einfühlung zu geben, oder gar über meine Bedürfnisse zu sprechen, dann schreit er einfach und möchte nichts hören. Ich bin keine ewig redende Mama, ich handel auch, wenn es angezeigt ist und scheue durchaus keine Situationen, in denen mein Kind ein Wille nicht erfüllt werden kann. Aber ich bekomme es immer mehr mit der Angst zu tun und weiß nicht mehr, wie ich "richtig", also im Sinne der GFK reagiere, wenn mein Sohn
- Dinge aus Wut kaputt macht
- In der Wut kneift
- Minutenlang laut schreit
... und ich mit Einfühlung nicht weiter komme, weil er nichts hören möchte, in seiner Wut. Ich bin damit restlos überfordert, weil mein Umfeld zum einen regelrecht triumphiert "Siehst Du, dass passiert, ohne Strafe, ohne Forderungen..." und zum anderen, weil ich selbst als Kind diese Wut nicht haben durfte, dafür verurteil und bestraft wurde und ich daher keine Erfahrung habe und auch selbst in Wut gerate.
Gestern hatten wir zum Beispiel folgende Situation:
Ich habe das Bedürfnis nach Ruhe und es ist mir wichtig, ein Schreiben aufzusetzen. Mein Sohn sucht den Kontakt und so biete ich ihm an, sich zu mir zu setzen und Bügelperlen zu legen. Scheinbar hat mein Kind aber andere Bedürfnisse, denn nach 2 Minuten hat er keine Lust mehr, springt auf dem Sofa herum, stellt sehr bestimmt Forderungen nach Süßem und Fernsehen, die ich nicht erfülle, weil er bereits von beidem etwas bekommen hat. Mein Sohn gerät darüner zunehmend in Ärger und sucht immer stärker den Konflikt. Ich nerve ihn, mit den Geräuschen, die die Tastatur macht und soll damit aufhören. Ich biete ihm an, den Raum zu verlassen, wenn es ihm stört, bleibe aber bei meiner Tätigkeit. Da schreit mein Sohn mich an "Aufhören, Stop, aufhören!" Ich kann schreien aufgrund meiner Vergangenheit generell schlecht aushalten und jetzt, wo ich Ruhe und Konzentration brauche erst recht. Ausserdem fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass mein Sohn zwar intensiv meine Nähe sucht, mich andereseits aber anschreit, als würde ich ihm hinterherlaufen und mit Forderungen überschütten. Schreiend verlässt mein Sohn den Raum und setzt sich im Schlafzimmer auf mein Bett. Da ich ahne, was als nächstes passiert, gehe ich hinterher und als ich mit ihm sprechen möchte, beginnt er zu schreien, wie von Sinnen. Ich bin erschrocken und verärgert zugleich und schliesse die Tür hinter mir, weil ich endlich Ruhe brauche und sage dies auch. Doch kurze Zeit später kommt mein Kind aus dem Raum, schaltet das Licht aus, bewirft mich, leuchtet mir mit der Taschenlampe in die Augen. Natürlch ahne ich, dass er das Bedürfnis nach gemeinsamen Spiel hat, aber zum einen ist mir meine Tätigkeit unaufschiebbar wichtig (was nicht die Regel ist) und zum anderen bin ich auch nicht bereit mich auf diese reizende Art einzulassen. Und üblicherweise tritt er auch anders an mich heran, mit einer Freude, von der ich mich gerne anstecken lasse. Jetzt werde ich energisch und mir entfährt "Ich möchte jetzt endlich Ruhe. Ich habe Dir angeboten, sie mit mir zu teilen, wenn Du aber anders spielen möchtest, dann geh jetzt endlich raus und such etwas eigenes!"Schreieend verlässt mein Sohn den Raum, rennt in sein Zimmer und ich höre es poltern. Ich zögere kurz, entschliesse aber dann, ihm hinterher zu gehen und ihn auf seinen Ruheplatz zu setzen, damit die Spielsachen heilbleiben können. Als ich sehe, was mein Sohn kaputt gemacht hat, überkommt mich große Wut und obwohl ich weiß, dass wir die Regel haben, dass wir uns in Wut nicht anfassen, halte ich es für richtig, ihn auf seinen Stuhl zu bringen und hebe ihn hoch. Beim tragen kneift und haut er und ich werde wütender und fühle mich gänzlich hilflos. Es macht mich traurig, aber ziemlich unsanft setze ich ihn auf den Stuhl und komme gar nicht dazu, etwas zu sagen, denn das Gebrüll geht nun erst richtig los. Und da passiert es: Ich brülle genauso zurück, davon, dass es nun reicht und meine Grenze grade überschritten ist. Als er nichts hört, greife ich (zum ersten Mal im Leben meines Sohnes) auf eine äußerst gewaltvolle Handlung zurück und halte ihm kurz den Mund zu. Als mir bewusst wird, wie anders ich mich gerade verhalte, als ich es mir gewünscht habe, stehe ich nur vor ihm und das brüllen tut weh in meinen Ohren. Ich sage ihm, dass ich gleich die Beherrschung verliere und weiß selbst nicht, was ich damit meine. Mein Sohn wurde noch niemals geschlagen und so ist diese Drohung Gott sei dank nicht so gewaltvoll, wie sie es sein könnte und dennoch bin ich entsetzt, weil ich kurz darauf nicht mehr sagen kann, ob dieser Impuls zu schlagen nicht doch in mir aufgeblitz ist. Ich ziehe mich schnell zurück, erschrocken vor mir selbst und mein Sohn wirft Sachen herunter, haut auf das Klavier. Der Stuhl ist kein Ort und so trage ich ihn auf die Toilette, weil man dort die Tür schliessen kann. Ich komme nicht dazu das Angebot zu machen, dass er jeder Zeit zu mir kommen kann, wenn er seine Wut anders ausdrücken kann und bereit ist zu sprechen, weil er schreit und haut. Ich schliesse die Tür und fühle mich wie in einem Alptraum. Bevor ich dazu komme, nachzudenken, schießt in der Toilette das Wasser übers Waschbecken und das Toilettenpapier durch die Gegend. Ich könnte nun alles weiter laufen lassen und hoffen, dass das Chaos hinterher bewältigbar ist, aber ich entscheide wieder ganz spontan, meinen Sohn auf den Stuhl zurück zu setzen und diesen in die Mitte des Raumes zu stellen, wo nichts in greifbarer Nähe ist. Dann ziehe ich mich zurück und weine. Das erste Mal war ich richtig verzweifelt. Nebenan schreit mein Kind "Sch... Mama, Du meckerst nur rum, ich will, dass Du tod bist!" Normalerweise bringen mich seine Wutausdrücke nicht in Wallung. Ich sage dann, dass ich ihn so nicht anhören möchte und gehe, mit der Bitte, er möge zu mir kommen, wenn er seine Wut anders ausdrücken kann. Aber in dieser Situation fühle ich mich verwundet und es trifft mich.
Irgendwann kommt die Wende . Mein Sohn schreit "Du hast mich nicht mehr lieb" und ich spüre, dass er jetzt die Gewissheit braucht, dass ich es tue. Ich gehe zu ihm und ganz schnell entspannt sich die Lage und wir kommen ins Gespräch. Ich erfahre, dass mein Sohn sehr unzufrieden damit ist, dass ich ihn in Wut angefasst habe.
Das Ganze hängt mir noch heute nach und war auch in dieser Intensität das erste Mal. Könnte mir Jemand sagen, was ich hätte anders machen können?
Ich habe soviel geschrieben und weiß nicht, ob Jemand überhaupt bis hierher ließt. Aber ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn es so wäre und mir Jemand seine Erfahrungen mit gewaltfreien Begrenzen mitteilen könnte.
Herzlichst, Mia

Offline Claudia

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #1 am: 28. Oktober 2012, 23:10:51 »
Hallo, Mia,

ich habe Deine Zeilen nur überflogen. Morgen möchte ich genauer darauf eingehen.

Vielleicht gibt es ja noch mehr Mit-Leser, die sich durch Deine Zeilen angesprochen fühlen.

Gruß


Claudia
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Offline miaflorentine

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #2 am: 28. Oktober 2012, 23:26:44 »
Liebe Claudia,
ich freue mich sehr über Deine Aufmerksamkeit!
Gute Nacht und liebe Grüße

Offline Claudia

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #3 am: 29. Oktober 2012, 09:29:07 »
Liebe Mia,


beim Lesen Deiner Beschreibung wurde mir ganz eng um die Brust, ich habe Verzweiflung und Entsetzen gefühlt. Wenn ich die "Sünden" aufführe, die ich mir in der Erziehung meines Sohnes "zuschulden" kommen ließ, würde ich vermutlich von diversen Zeitgenossen am liebsten gesteinigt. Es hat lange gedauert, bis ich mir zugestehen konnte, dass ich es so gut gemacht habe wie ich es vermochte. Auch ich war einmal ein geprügeltes Kind, und es war mir ein Horror zu erleben, wie ich in hocheskalierten Situationen genau in die Muster zurückgefallen bin, die ich aus meiner Kindheit kannte...



Mich würde interessieren, wo Du auftanken kannst. Hast Du eine GfK-Gruppe, wo Du für Deinen Weg Empathie bekommst? Es gibt eine DVD, in der Marshall über Kindererziehung spricht. Und darin sagt er, er habe fünf Minuten einfühlsam mit seinen Kindern sein können, und dann habe er Freunde anrufen müssen und sich eine Stunde Einfühlung geben lassen. Ich glaube, ohne eine unterstützende Giraffengemeinschaft ist es doppelt und dreifach schwer, mit solchen Situationen klarzukommen.

Ich bin inzwischen Oma und hoffe, mit meiner kleinen Enkeltochter (1) Dinge besser machen zu können. Wertvoll sind für mich die Bücher von Jesper Juul und zwei meiner GfK-Freundinnen sind Familylab-Trainerinnen. Infos findest Du dazu unter
http://www.familylab.de/

Ist das irgendwie hilfreich für Dich?


Herzliche Grüße

Claudia
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Offline miaflorentine

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #4 am: 29. Oktober 2012, 14:38:01 »
Liebe Claudia,

wenn ich lese, dass ich nicht verurteilt werde, dann fühlt sich das wohl an. Und in mir ist auch wieder aktiviert worden, mich jetzt nicht selbst zu verurteilen, sondern mir zu sagen, dass ich bestmöglich gehandelt habe und gleichzeitig nach Lösungen suchen will, damit es das nächste Mal anders gehen kann. Inzwischen ist etwas Zeit vergangen und ich habe die Situation noch mehrfach reflektiert. Jetzt würde ich meinem Sohn beim nächsten Mal lieber mehr Einfühlung geben weil ich glaube, er ist in diese Wut geraten, weil ich mein eigenes Bedürfnis ziemlich rabiat durchgesetzt habe. Ich habe schon den Wunsch, dies auch zukünftig mal wieder zu tun- denn im täglichen Ablauf gibt es eben manches, was ich nicht verschieben möchte. Aber ich werde die Situation entzerren, indem ich mir und meinem Kind Einfühlung schenke, bevor die Gefühle überkochen.
Ich glaube da hatte sich von meiner Seite auch viel angestaut, Zweifel, Anspannung wegen einem wichtigen bevorstehenden Termin, sodass ich es in einer Reaktion gipflen ließ, in der mein Kind spüren sollte, dass auch ich wichtige Bedürfnisse habe. Hätte ich mich vorher besser auseinander gesetzt mit mir, hätte es dazu nicht kommen müssen.
Ich freue und bedanke mich für Deine Hinweise. Ich habe eine Dame aus dem Familylap hier gleich nebenan, die auch schon mal bei uns war.
Kannst Du mir sagen, wie diese Dvd von Rosenberg genau heißt? Ich finde seine Geschichten über seine eigenen Erfahrungen immer sehr erheiternd und würde mich auch sehr freuen, mal etwas spezifisch zur GFk mit Kindern zu lesen, da ich bisher nur etwas über allgemeine GFK gesehen, gelesen habe, bis auf Britta Hahn.

Nein, leider habe ich keine GFK Gruppe. Ich könnte mir vorstellen, dass es diese in Hamburg gibt. Aber ich bin leider aus gesundheitlichen Gründen etwas eingeschränkt, arbeite aber gerade an einer Verbesserung. Denn mir positive Inspiration, dass würde ich unheimlich gerne.

Was Du geschrieben hast ist sehr hilfreich und ich freue mich. Vielen herzlichen Dank!

Offline Claudia

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #5 am: 29. Oktober 2012, 16:08:40 »
Hallo, Mia,


in Hamburg gibt es in der Tat mehrere Gruppen an nahezu allen Werktagen. Die Rosenberg-DVD findest Du hier:


http://www.auditorium-netzwerk.de/AutorInnen/P-Q-R/Rosenberg-Marshall/Rosenberg-Marshall-Gewaltfreie-Kommunikation-mit-Kindern-und-Jugendlichen::6121.html


Für mich hinterlässt sie mehr Fragen als Antworten, aber am Schluss der zweiten DVD erläutert er einer Mutter, wie Einfühlung geht, und das allein ist für mich sehenswert!


Herzliche Grüße

Claudia





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Offline matameko

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #6 am: 29. Oktober 2012, 16:32:23 »
Hallo Mia, hallo Claudia,

ich möchte ein Erlebnis mit euch teilen. Ich war letzte Woche mit einer Freundin und deren Kinder im Urlaub. Es gab eine Situation, in der mich die achtjährige Tochter getreten und etwas von mir gefordert hat. Ich hab ihr gesagt dass ich gerade Ruhe brauche und sie das bitte sein lassen soll. Sie hat weiter gemacht. Ich hab sie gefragt, ob es ihr gerade Spaß macht mich zu ärgern. Sie denkt kurz nach und sagt "Ich möchte Kämpfen spielen". Dadurch konnte ich mich in der Situation anders verhalten. Wir haben uns etwas "gebalgt", ich hab sie an den Füßen nach oben gehoben usw. "Schade, dass wir nicht gleich stark sind, sonst hätten wir noch mehr Spaß daran". "Das macht auch so schon Spaß!" Das ganze lief dann ohne Treten und Kneifen ab und wir haben beide den körperlichen Kontakt genossen.

Ich glaube dass es manchmal Situationen gibt, in denen sich die Wut über ältere Geschichten mischt mit dem Bedarf im Arm gehalten zu werden, so wütend angenommen zu sein wie man gerade ist. Jemanden zu kneifen ist eine Möglichkeit körperlichen Kontakt aufzunehmen ohne sich "eine Blöße zu geben".
Jemanden zu Beißen ist vielleicht auch das letzte Mittel um aus einer Machtlosigkeit/Ohnmacht heraus zu treten. "Immer nimmt meine große Schwester einfach meine Sachen ohne mich zu fragen. Ich hab ihr schon oft gesagt dass sie mich fragen soll! Sie ist so groß und stark und ich kann nichts tun."

Meine momentane Strategie für verfahrene Situationen mit Kindern, in denen es körperlich wird und sie mir weh tun möchten ist  folgende:
- Zu sagen "Aua, das tut weh. Hör bitte auf."
- Das Kind so halten, dass es mich nicht beißen, kneifen, schlagen kann.
- Zu sagen "Ich möchte dir nicht wehtun. Ich weiß nicht was ich tun kann außer dich festzuhalten! Hast du einen Vorschlag?"
- "Ich werde dich gleich loslassen. Wenn du wieder anfängst zu kneifen halte ich dich wieder fest."
- "Ich hab dich so gerne und das Festhalten ist anstrengend für mich. Ich möchte dass wir liebevoll miteinander umgehen."
- "Wir können uns balgen. Aber ohne Kneifen und Schlagen, ok?"

Was meint ihr dazu? Am schönsten fände ich natürlich wenn es so weit erst garnicht kommt.

Im Bezug auf GFK mit Kindern kann ich sehr das Buch "Von der Erziehung zur Einfühlung" empfehlen: http://www.bookbutler.de/compare?isbn=9783936855647

Ich finde es schön, wenn Kinder auch mal ihre Wut ausleben können. Dazu braucht es ein gewisses Maß an Sicherheit. Manche Kinder haben leider viel zu viel Angst ihre Wut herauszulassen, da sie dann mit schlimmen Konsequenzen rechnen müssten.

Wenn ein Kind eine Person zur Verfügung hat, die ihm empathisch zuhören kann, kann es glaube ich sein dass es unbewusst Wut-Situationen herausfordert um angesammelte Verletzungen zu heilen. Wenn ein Kind auf eine "Kleinigkeit" überraschend wütend reagiert geht es vielleicht um etwas anderes, das tiefer sitzt. "Das ist doch garnicht so schlimm, dass deine Schwester diesen einen Stift genommen hat. Du hast doch noch fünf andere. Deshalb brauchst du sie nicht zu beißen." => "Wurde dir schon mal etwas weggenommen?" "Ja, die nimmt mir immer alles weg! Wuahhaahhhaa!!! Und neulich ist sie einfach in mein Zimmer obwohl ich allein sein wollte."

Ich habe die intensive Zeit mit den Kindern sehr genossen und sehr viel von ihnen gelernt.

Liebe Grüße,

Stefan

 


« Letzte Änderung: 29. Oktober 2012, 16:34:03 von matameko »

Offline miaflorentine

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #7 am: 29. Oktober 2012, 16:56:05 »
Liebe Claudia,
vielen Dank für den Link. Auf der Seite kann ich mein Bedürfnis nach neuen Informationen und lernen ja rauf und runter stillen. Freude. Danke!  :)

Lieber Stefan,
ich such grad nach Worten, um meiner großen Freude über deinen Beitrag auszudrücken! Wut die sein darf! Ich spüre förmlich, wie selbst mein "inneres Kind" bei der Vorstellung voller "Wohl" ist. Ich hatte bisher keine Ideen, wie ich Wut "sein lassen kann". Mit deinem Beitrag hast Du mir zum ersten Mal eine Idee davon gegeben und dass ist sehr, sehr kostbar für mich. Ja, so möchte ich es für mein Kind gestalten. Festhaltend habe ich einige Eltern erlebt und es hat mich vor Schreck geschüttelt. So eine gewaltvolle Geste, bei vielen. Und wie lange sie diese Macht noch haben, bis ihr Kind stark genug ist sich zu wehren ist fraglich. Aber als ich von deinem festhalten laß, bzw. begleitet von deiner Empathie, da konnte ich mir vorstellen, es zu versuchen. Versuchen indem Sinne, auszuprobieren, wie mein Sohn das erlebt. Als schützenden Rahmen, oder vielleicht als Übergriff.
Auch für die Buchempfehlung meinen herzlichen Dank! Ich will es mir unbedingt bestellen. Gerade lese ich "Ich will verstehen, was Du wirklich brauchst" Giraffentraum. Auch phantastisch.
Liebe Grüße Mia
P.s. Ich habe Marshall so in Erinnerung, dass man sich nich bedankt, oder entschuldigt, sondern nur sagt, was in einem lebendig ist. Aber geht es euch auch so, dass ihr es als schwierig empfindet? Jetzt zum Beispiel. Ich habe versucht meine Freude mitzuteilen, aber ich mag einfach so gerne Danke sagen. Und wenn ich jemanden in der Bahn anrempel, dann will ich auch danke sagen und nicht "Mein Bedürfnis nach Achtsamkeit ist gerade nicht erfüllt, dass bedaure ich...."

Offline matameko

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #8 am: 29. Oktober 2012, 18:57:36 »
@Claudia
Danke für den Link! Diese DVDs hab ich noch nicht. Betonung liegt auf "noch", da ich sie mir direkt bestellt habe. :)

@Mia
Freut mich sehr, dass mein Betrag kostbar für dich ist. Ich sehe die Anwendung von Macht auch als  eine Gradwanderung. Ich möchte das Festhalten möglichst nur nutzen um mich selbst oder dritte zu schützen und nicht um das Kind für seine Wut zu bestrafen. Wenn ich stark gebissen und getreten werde kann ich natürlich auch selbst sauer werden, an meine Grenzen kommen. Dann gilt es auf der Hut zu sein, das Schöne im Gegenüber nicht aus den Augen zu verlieren. Gleichzeitig möchte ich auch gut für mich selbst sorgen.

Im Bezug auf "Danke" und "Entschuldigung": Niemand verbietet dir "Danke" zu sagen. Wenn du allerdings die Wahl hast: Jemand sagt "Danke" zu dir oder jemand erklärt dir, was du getan hast, was sein/ihr Leben bereichert hat und wie es ihm/ihr damit geht. Was würdest du lieber hören? :)

Wenn ich bei "Entschuldigung" nicht den Eindruck habe, dass ich an etwas schuldig bin, sondern mit meinem unerfülltem Bedürfnis in Kontakt bin, kann das Wort meinen Bedarf nach Leichtigkeit im Ausdruck erfüllen. Auf das Wort "Entschuldigung" zeitweise zu verzichten kann eine schöne Übung sein. Es kommt glaube ich nicht so auf die Mechanik der Worte an sondern auf die Einstellung dahinter. Ich mag die Kombination aus dem Wort und die Nennung des Bedürfnisses: "Entschuldigung. Ich wäre gerade gerne achtsamer gewesen."   

Ich war eine Zeit lang in Kalifornien. Wenn mir auf der Arbeit jemand auf einem engen Flur begegnete, war es üblich "Excuse me" zu sagen. Das bedeutet so viel wie "Ich achte deinen Raum wenn ich an dir vorbei gehe." Das hat mir sehr gefallen. Im Deutschen habe ich leider noch keine Entsprechung gefunden, da mir das "Verzeihung" im Vorbeigehen irgendwie zu förmlich klingt. :)

Offline miaflorentine

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #9 am: 29. Oktober 2012, 19:17:58 »
Hallo Stefan,
ich erinnere mich gerade bei deinen Worten daran, dass ich ein Seminar von Rosenberg gesehen habe, indem eine Frau wissen wollte, was für sie denn bliebe, wenn Jemand ihre Bedürfnisse nicht erfüllt und vielleicht trotz aller Einfühlung Gewalt anwendent. Auf seine Antwort habe ich wie ein Flitzebogen gewartet, weil ich mir diese Frage auch ständig gestellt hab. Sie war dann so simpel, wie genial: Schützende Macht. Niemals als Racheakt, niemals, um anderen Schmerz zurück zu geben, nur um zu schützen.
Am nächsten Tag war ich bei einer neuen Ärztin, die mir sofort ins Wort viel mit "Wischi Waschi, damit kann ich nichts anfangen" und mich mehrfach unterbrach und mir als Mensch überhaupt nicht zugewandt schien. Ich bin dann aufgestanden, habe mich für Ihre Zeit bedankt und bin gegangen. Ich dachte, ich hätte die schützende Macht angewandt, aber dann wurde mir bewusst, dass ich sie strafen wollte und ihr zeigen wollte: So behandelt man Patienten nicht. Als ich das gemerkt hab war ich ziemlich enttäuscht. Seit dem stelle ich immer wieder fest, dass ich Menschen behandel, in der Absicht ihnen weh zu tun, wenn sie mich verletzt haben. Mein Mann vergisst etwas, dass mir wichtig war und ich sage Dinge, damit er sich schlecht fühlt :( Das würde ich gerne anders machen. Aber der Wolf sitzt tief drin  :wolf0:

Deinen Gedankenansatz- festhalten als schützende Macht, bevor vielleicht eigene Grenzen überschritten werden und damit die soziale Einheit gefährdet ist, finde ich gut. Ich werde meinen Sohn mal fragen, wie er sich damit fühlen würde, oder es einfach ausprobieren. Bisher haben wir die Regel, in Wut fassen wir uns nicht an und dass ich das beachte ist meinem Sohn auch sehr wichtig. Aber wenn ich nicht in Wut bin, sondern vorher festhalte, dann ist es ja im Sinne dieser Regelung.
Ich kann noch gar nicht abschätzen, wie ich dabei empfinde. Mal sehen.
Es ist eben auch so, dass die Alternativen, die ich bisher als das Beste empfunden habe, sind, meinen Sohn auf den stillen Stuhl zu setzen, oder zu bitten in sein Zimmer zu gehen. Ich betone zwar, der Stuhl ist keine Strafe, sondern ein Ort, wo die Wut behalten werden darf und das rausschicken ist keine Ablehnung, sondern wird begleitet mit einem "Deine Wut ist okay, aber bitte komm wieder, wenn du sie so ausdrücken kannst, dass ich sie hören kann und sicher fühlen darf" aber ich glaube, er fühlt sich trotzdem so weggeschickt mit seiner Wut. Und das möchte ich ja nicht. Ich möchte ihn auch in der Wut annehmen.
Spontan kommt mir aber grad ganz plötzlich, dass ich das mit dem festhalten nicht möchte. Jetzt, wo ich es mir näher forstelle wird er sich wehren, denke ich. Dennoch, ich will mit ihm darüber sprechen.

Ja, ich höre lieber wie jemand mein Leben bereichert hat :)Ich finde Deine Idee, beides zusammen zu fügen ganz klasse, für den Anfang. Ich hätte jetzt fast danke gesagt, aber ich sage statt dessen: Diese Idee bereichert mich, weil ich sie selbst nicht hatte und es mir damit wieder etwas leichter fallen wird, ein Stück mehr giraphisch zu sein.

Oh ja, dass gefällt mir auch. Mein eigener Raum ist etwas sehr wichtiges für mich. Lg und....... Danke ;)

Offline matameko

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #10 am: 30. Oktober 2012, 13:18:41 »
Hi Mia,

einen Kinderstuhl hatte ich nicht zur Verfügung. Der hätte den Vorteil, dass man
nicht ausversehen etwas fester drückt, wenn sich das Kind ruckartig bewegt um einen
doch noch in die Hand zu beißen.
Ob es für das Kind ok ist, gehalten zu werden und ob das Festhalten nach einer Weile in
ein "liebevolles im Arm halten" übergehen kann, hängt glaube ich auch stark von der
Beziehung ab. Bei mir war es z.B. so, dass ich einen vierjährigen Jungen an den Armen
gehalten habe um zu vermeiden dass er mich beißt. Ich wusste in dem Moment nicht
was ich sonst tun konnte. Das habe ich ihm auch gesagt (siehe oben). Gefallen hat es
ihm nicht. Aber ich glaube dass er mich auch verstanden hat. Nach einer Weile ist das
Schreien in ein Weinen übergegangen und ich habe ihn gefragt ob er möchte dass ihn
seine Ma in den Arm nimmt. Das hat er bestätigt und ich habe ihn dann übergeben.
Das war kurz vor dem Schlafen gehen. Am nächsten Morgen sind wir zusammen zum
Bäcker gegangen um Brötchen zu holen und haben uns sehr gut verstanden.
Ich habe ihm gesagt, dass ich mir Sorgen gemacht habe, ob er mich denn noch mag,
weil wir uns gestritten hatten und dass ich allerdings den Eindruck habe, dass heute
wieder alles ok ist. Er bestätigte mir das mit einem Nicken und ich war erleichtert.

>...Das würde ich gerne anders machen. Aber der Wolf sitzt tief drin
Ja, das ist wohl ein lebenslanger Prozess. Eine Lehrerin aus Frankreich soll mal gesagt
haben "GFK ist nicht schierig, aber üngewoohnt" ...
Die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen ist manchmal schon eine
Herausforderung.

Liebe Grüße,

Stefan




Offline miaflorentine

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #11 am: 30. Oktober 2012, 16:57:51 »
Lieber Stefan,

danke für den Austausch mit Dir, er hat mich sehr bereichert! Ich werd weiter daran arbeiten, eine große Giraffe zu werden und hoffe, dass wir noch einmal wieder miteinander schreiben werden :)
Viele liebe Grüße
Mia

Offline miaflorentine

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Re: Babygiraphe hat Zweifel
« Antwort #12 am: 02. November 2012, 01:22:33 »
Um das Thema abzuschliessen möchte ich hier eine Nachricht an eine neue GFK- Bekanntschaft einstellen, der ich mich sehr verbunden fühle. Ich habe das Thema mit ihr genauer angeschaut und bin zu einigen Ergebnissen gekommen, die hier folgen. Ich danke Claudia und Stefan für Ihre Anteilnahme und Unterstützung!

a, da spürst Du richtig. Eine gewisse mutlosigkeit genau in diesem Sinne hat von mir Besitz ergriffen. Und ich spüre ganz deutlich meine Grenze. Ja richtig, ich mag es auch so sehen, dass es eine Chance ist. Und das möchte ich vor allem für mich auch an dieser Stelle noch mal ganz deutlich klar machen: ich hab zu sehr auf mein Kind geschaut und darauf, was da nicht kommt (Akzeptanz), oder zuviel kommt (Wut). Ich fühle mich damit gerade unwohl, weil das nicht meiner Vorstellung von Wertschätzung und Verantwortung übernehmen entspricht. Ich wollte den Akzent auch gar nicht so darauf legen, dass MEINE BEDÜRFNISSE teilweise nicht akzeptiert werden, sondern es ist eher die Angst, dass mein Kind nicht (von mir) lernt, so für sich zu sorgen, dass andere nicht verletzt werden. Ich hab sein Verhalten MIR gegenüber da irgendwie als symbolische Messlatte "missbraucht" ohne zu bedenken, dass ich in dieser Beziehung zu erst auf mich schauen will, weil es meinen Werten entspricht. Ich hab ihm da Verantwortung übertragen, die nicht zu ihm gehört. Danke, dass ich anhand deiner Antwort da eine gewisse Klarheit wieder gefunden habe, die mir aus lauter Verunsicherung in den letzten Tagen abhanden gekommen war.

Ja, in mir heult wirklich ein Wolf. Und der flüstert- Du machst es nicht richtig, mit deinem Kind. Du gibst ihm nicht die Ressource mit, sich in dieser Welt mit anderen zu verbinden. Wenn ich Dich sagen höre, dass Dir ein Ungleichgewicht auffällt (welches ich verspüre), dann fühle ich mich ganz beschämt weil mir bewusst wird, dass ich eben doch irgendwie aufgerechnet habe. Und das entspricht überhaupt nicht meiner Vorstellung von Liebe und Freude schenken. Ich habe mich da irgendwie in "guter Absicht" gesorgt. Es ging dabei gar nicht so sehr um das Gefühl, selbst zu kurz zu kommen sondern eben eher um die Befürchtung, dass sein Verhalten mir gegenüber stellvertetend für irgendeinen Mangel ist, den ich vielleicht zu verantworten habe, weil ich was "falsch" mache. Dabei ist mein Kind so großzügig zu allen, trägt so gerne zu Freude anderer bei und schenkt Trost, wenn Jemand traurig ist. Und er hat so ein feines Gespür für die Bedürfnisse andere. Als er bei einer Bekannten von mir war, da hat er Abends zu Hause berichtet, dass es dem Kind nicht gut ginge, weil seine Mama Grenzen überschritten hätte. Ich bin dann selbst hin, um ein gutes Gespräch zu führen und meine Unterstützung anzubieten, falls eine Überforderung vorliegt und habe sofort gespürt, was mein Kind gemeint hat.
Warum ich das vor lauter Angst, dass mein Kind das Falsche ins Leben mit nehmen könnte in letzter Zeit nicht mehr gesehen habe macht mich ganz betroffen.
Und bei deinem Satz "Da frage ich mich, ob es auch Möglichkeiten gäbe die Bedürfnisse deines Kindes so zu erfüllen, dass es dir nicht soviel 'abverlangt' dich nicht so 'hintenanstellen' musst mit deinen Bedürfnissen" wird mir auch schlagartig klar, dass ich in dieser Hinsicht komplett aus den Augen verloren habe, was ich mir vorgenommen hatte und doch auch meinem Kind als Möglichkeit vorleben wollte: Mit Freude geben und Dinge nur mit der Energie des wollens tun, nicht des müssens. Und die Bedürfnisse meines Kindes bestmöglich erfüllen, ohne etwas zurück zu erwarten- ja, dass will ich. Und weißt Du, was mir gerade total klar wird? Ich wollte zwar nicht so sehr, dass mein Sohn meine Bedürfnisse erfüllt- wie es mein Text vermuten ließ, weil ich selbst noch so unklar war worauf ich hinaus wollte- ich wollte aber etwas anderes von ihm: Bestätigung! Erfolge sehen. Für MEINE Ideen der gewaltfreien Kommunikation. Ich wollte einen Erfolg sehen, der MIR in meiner Verunsicherung sagt "Du machst alles richtig". Wie beim freiwilligen helfen, wo ich täglich sehe, wieviel Freude er daran hat und wie gerne er jetzt den Tisch abräumt. Genauso wollte ich hier sehen: Du lebst deinem Kind vor, achtsam auch mit anderen Bedürfnissen zu sein, also soll er jetzt, nachdem ich achtsam mit ihm war bitte zeigen, dass er die "Lektion" gelernt hat, damit ich mich besser fühle und nicht mehr zweifeln muss. Das ist ja total wolfsmäßig, gruselig. Ich bedaure, dass ich ihm aufgelastet habe, was meiner Vernatwortungentspricht. Nämlich mir Bestärkung zu suchen für den Weg, den ich für richtig halte.

Was passiert, bevor ich im Wutland lande ist eine kurze Verunsicherung. Und dann kommen sofort die Urteile und in dem Moment denke ich mir, dass es richtig ist authentisch zu sein und jetzt auch mal "für mich einzustehen". Ich kann das schlecht erklären. Als Kind durfte ich nicht wütend sein. Das wurde sofort im Keim erstickt und verurteilt. Ich fürchte, wenn mein Sohn sich nun in Wut an mir reibt habe ich bislang noch nicht die Ressourcen, damit gelassen umzugehen.
Und deswegen kann ich deine Frage, wie mein Sohn seine Wut den ausdrücken könnte, nicht beantworten. Ich weiß es einfach nicht, so sehr ich auch überlege. Sachen runter schmeißen: nicht in Ordnung: schreien: nicht in Ordnung, beißen: nicht in Ordnung: hauen: nicht in Ordnung, spucken: nicht in Ordnung. Da bleibt nicht mehr viel, oder???
Ich habe dieses Thema für mich lediglich soweit bearbeitet, dass ich wußte: Ich will in der Wut nicht mein Kind wegschicken. Ich will nur nicht seine Verhaltensweisen akzeptieren. Das sieht aber in der Realität wohl doch anders aus. Weil offenbar will ich, dass er still auf dem Stuhl sitzt, oder in sein Zimmer geht, oder neben mir wütend ist, aber dann bitte schön, ohne dass ich was merke und im stillen. Ich hab ihm zwar gesagt: hier darfst du deine Wut auch behalten, will aber quasi alles, was dazu gehört nicht aushalten. Ich bin ganz erschrocken. Kannst Du mir helfen, hier genauer hinzuschauen und einen Weg zu finden, der meinen Werten mehr entspricht? Wenn ich höre : In Wut sein dürfen, dem Kind die Sicherheit geben, seine Wut auch bei mir zu leben, dann tanzt mein inneres Kind vor Freude. Aber ich weiß nicht, wie ich das umsetzen kann.

Einen Gedanken, der mich so unter Druck gesetzt hat, dass ich aus dem Gleichgewicht geraten bin war auch der hier: Die Gfk kann auch missbrauch sein. Der kam mir so bei dem freiwilligen Helfen. Dass man das auch leicht als Strategie missbrauchen könnte, wenn man nicht gleichzeitig immer wieder bestärkt, dass es eine bitte ist, keine Forderung. Und dass er dies nicht für mich, sondern nur aus Freude heraus tun soll. Und wenn er mal nein sagt, dann freue ich mich auch, weil er für sich sorgt.
Aber dann kam der Gedanke, dass es ja auch für das "Bedürfnisse erfüllen" gilt. Das war der Moment, andem ich meine einige Male ziemlich ruppig durchgesetzt hatte, in der Überzeugung, dass auch dies eine wichtige Lernerfahrung für ihn sei. Ja, danach habe ich die ganze Zeit gesucht, DAS kam vor der Wut. Ich bin einfach völlig verunsichert und da schliesst sich der Kreis auch. Für diese Verunsicherung wollte ich Bestätigung von meinem Kind.