Autor Thema: Hören was der andere sagt  (Gelesen 12786 mal)

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Offline Claudia

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Hören was der andere sagt
« am: 14. September 2007, 13:43:15 »

Egal was jemand sagt: Wir hören nur darauf, was er

a. beobachtet
b. fühlt
c. braucht
d. erbittet


Rosenberg stellt die These auf:
Hören Sie auf das, was andere Menschen brauchen, und nicht auf das, was sie über Sie denken.


Als Beispiel nimmt er einen Mann, der einem Nachbarn in einer Notfallsituation seinen neuen Wagen geliehen hat.


Seine Frau sagt: Du bist ein Dummkopf, dass Du einem völlig Fremden vertraust.

Würde er diese Nachricht Nicht-empathisch aufnehmen, würde er sich entweder selbst die Schuld geben, indem er die Aussage persönlich nimmt: Äh... ja, ich bin ein Dummkopf, dass ich das gemacht habe

oder er würde anderen die Schuld geben, indem er sie verurteilt:
Du bist zu misstrauisch

Gibt er jedoch Empathie, ist er in der Lage, ihre Du-Botschaften komplett auszublenden, sondern die Bedürfnisse und Gefühle seiner Frau zu verstehen:

Machst Du Dir Sorgen, weil Du gern hättest, dass wir uns in solchen Situationen besser absichern?
Er spürt die Gefühle und Bedürfnisse des anderen.




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Offline Sonnenkind

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Re: Hören was der andere sagt
« Antwort #1 am: 14. November 2007, 19:20:29 »
Hallo!

Gibt es zu dem Thema Tipps, wie man sich im Alltag daran erinnern kann, was gerade wichtig an Empfindungen ist?

Ich finde das Beispiel sehr interessant und möchte gerne mehr dazu erfahren.

GLG
Sonnenkind

Offline Claudia

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Re: Hören was der andere sagt
« Antwort #2 am: 15. November 2007, 00:05:05 »
Hallo, Sonnenkind,


ich verstehe die Frage nicht richtig. Kannst Du mir bitte genauer sagen, was Du brauchst, wenn Du schreibst:
Zitat
wie man sich im Alltag daran erinnern kann, was gerade wichtig an Empfindungen ist?


Herzliche Grüße schickt

Claudia
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Offline Fynn

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Re: Hören was der andere sagt
« Antwort #3 am: 15. November 2007, 08:02:28 »
Hallo Sonnenkind, hallo Claudia,

ich kann das gut verstehen und sehe den Unterschied zwischen Theorie und Praxis auch, - leider. Ich schreibe hier kaum, obwohl ich registriert bin und das Thema ansich absolut spannend finde. Ich kann auch Rosenberg absolut nachvollziehen, kenne das Buch. Ich kann ihn in jedem Satz völlig nachvollziehen, verstehen. Und da habe ich dann das Gefühl, es gibt dem kaum noch etwas hinzuzufügen, - weil da einfach alles stimmig ist und *paßt.*

Ich denke schon, das ich MEIN Verhalten ändern muß, nicht das des anderen. Das kann ich nicht. Aber es ergibt sich ja immer auch von allein durch mein eigenes Verhalten. Und *giraffisch*ist nicht selten schwerer als englisch. ( das ich übrigens auch nicht kann  )

Rainer

mutabor

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Re:Hören was der andere sagt
« Antwort #4 am: 31. Juli 2011, 07:14:06 »

Rosenberg stellt die These auf:
Hören Sie auf das, was andere Menschen brauchen, und nicht auf das, was sie über Sie denken.


Hallo Ihr Lieben,

was brauchen Menschen und was ist ein Mensch überhaupt?

Ich stelle mir eine Extremsituation vor:
Jemand will sich vor Deinen Augen töten, wenn Du ihm nicht einen guten Grund nennen kannst, dass er weiterleben sollte.

Was braucht ein solcher Mensch?

Mir fällt in dieser Situation auf, dass in seiner Aussage ganz viel ist, was verdeckt mitschwingt.

Dieser Mensch sagt:
  • Ich fühle mich schlecht.
  • Ich bin bereit einen extremen Gewaltakt begehen.
  • Ich mache mich davon abhängig, dass Du Dich richtig verhältst.
  • Was richtig ist, bestimme ich selber.
  • Ich versuche auf Dich ganz viel Druck auszuüben, damit Du in meinem Sinne handelst.
  • Ich verstehe mich selber als sehr schwachen Menschen und Dich als sehr starken Menschen.
  • Ein Bewusstsein dafür, er den stärksten Druck auf meinen Gesprächspartner ausübt, hat dieser Mensch wahrscheinlich in dieser Situation nicht. (Stimmt das so?)
  • Ein Bewusstsein dafür, dass er ganz viel Lebensenergie in sich trägt, hat er wahrscheinlich nicht. (Stimmt das so?)
  • Ebenso wenig, dass er wirklich viele seiner Problem lösen könnte, würde er diese Lebensenergie in geschickter Weise einsetzen. (Stimmt das so?)


  • Was braucht so ein Mensch?
  • Wann braucht er es?
  • Was ist mein Ziel in dieser konkreten Situation?
  • Was wäre mein Ziel über längere Zeit im Umgang mit ihm – zum Beispiel als Angehöriger.
  • Worin sehe ich eigentlich den Sinn des Lebens?
  • Was brauche ich selber, um eine solche Situation gut durchleben zu können?

Das sind nur einige Fragen, die sich mir stellen, ich könnte.
Die Frage im Zentrum ist:
  • Was nehme ich eigentlich wahr von meinem Gegenüber oder von mir selber?
Ich habe inzwischen eine Vermutung: das, was wir wahrnehmen, ist, woran wir glauben, wie die Welt funktioniert. Erst ist unser Glaube da und dann bestätigen wir dies scheinbar durch unsere Wahrnehmung.

Ich traue meiner Wahrnehmung nur noch sehr bedingt. Trotzdem habe ich nur diese eine und ich kenne keine andere Möglichkeit, als danach zu handeln.

Wenn Rosenberg an den Anfang seines Vier-Schrittes eine Frage stellt: Habe ich Dich richtig verstanden? Dann holt mich diese Haltung ab. Ich kann ganz differenziert sagen, was die Welt nicht ist. Mehr nicht.

Einem Selbstmörder – wie oben – kann ich nichts sagen. Ich habe keinen Grund zu bieten. Und was er braucht? Ich kann ahnen, weil ich mich hineinversetzen kann. Mehr nicht.

Was ich bieten kann: meine Bereitschaft, mich dem eigenen Leben zu stellen. So, da bin ich. Du möchtest Kommunikation betreiben, du möchtest Macht ausüben? Dann mach!

Die stärkste Haltung, die ich mir in einer Kommunikation vorstellen kann, ist die Kapitulation: ich weiß es nicht. Ich kann es aller Voraussicht nicht. Ich bin bereit zu akzeptieren, was Du machst. Ich bin bereit es zu erleben.

Offline Claudia

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Re:Hören was der andere sagt
« Antwort #5 am: 31. Juli 2011, 10:34:04 »
Moin, Mutabor!

Das ist jetzt schon der dritte Beitrag, vor dem ich ratlos sitze.
Unglaublich viele Details listest Du auf, denen ich nur zustimmen kann. Ich denke auch, dass wir die Welt nur ausschnittweise wahrnehmen. Ich bin ein großer Fan des Konzepts der Kapitulation. Mir gefällt das, was Du von Dürr eingestellt hast. Und doch bleibt bei mir immer ein Unbehagen, was genau Dir jemand von GfK erzählt hat, oder, vielleicht schlimmer, was genau Du mit dem Etikett GfK erlebt hast, denn meine Erfahrungen scheinen so ganz anders zu sein.


Ich habe einen spannenden Vortrag von Klaus Renn zum Thema Focussing, in dem er zum Beispiel ausführt, dass auch unsere Organe Dinge wahrnehmen. Falls das Thema für Dich interessant ist, würde ich Dir den Vortrag gern zur Verfügung stellen.



Du schreibst,
Zitat
Ich stelle mir eine Extremsituation vor:
Jemand will sich vor Deinen Augen töten, wenn Du ihm nicht einen guten Grund nennen kannst, dass er weiterleben sollte.

Was braucht ein solcher Mensch?

Ich fand dieser Tage einen Artikel über die Tötungen in Norwegen. Ein junger Mann stand dem Schützen Auge in Auge gegenüber. Er sagte sinngemäß zu ihm: Du wirst doch nicht aus einen Norweger (Landsmann) schließen? Daraufhin erschoss Breivig den Jungen neben dem Sprecher. Wer weiß, was einen Menschen aufhalten kann...

Mutabor,
ich bin mir nicht sicher, worum es Dir wirklich geht.

Ist Deine Sorge, dass die GfK ein in sich abgeschlossenes System ist, dass nicht flexibel genug auf das Leben reagiert?  Hast Du die Befürchtung, dass die vier Schritte eher einengen als öffnen? Ich würde gern wirklich verstehen, was Deine tiefe Besorgnis ist, die Du mit den vielen Beispielen untermauerst.


Es gibt viele Stellen, in denen Marshall selbst immer wieder sagt, dass die vier Schritte nur beispielhaft sind und dass sie lediglich die Chance erhöhen können, gesehen oder gehört zu werden oder der Erfüllung einer Bitte näher zu kommen. Ich dachte heute morgen, wenn ich einen Schacht in einem Hochhaus habe, dann gibt es diverse Möglichkeiten, den Höhenunterschied zu überwinden. Die vier Schritte können dabei wie ein Treppengeländer hilfreich sein. Ich hangele mich an ihnen entlang. Ich habe eine Vorstellung (erarbeitet), wo ich hin will. Ich habe von Leuten gehört, die eine senkrechte Fassade hinaufkraxeln können. Und es gibt so coole Typen, die schaffen es selbst über längere Stecken, ein Seil hinaufzuklettern, die brauchen keine Treppe. Und dann kann ich mich natürlich vom Hubschrauber absetzen lassen oder versuchen, mit dem Fallschirm eine Punktlandung auf dem Dach zu machen...
Ich bin nicht besonders wagemutig und klammere mich deshalb oft an das Treppengeländer der vier Schritte. Nicht mal das gelingt mir so oft, wie ich es gern hätte! Freitagabend auf dem Nachhauseweg habe ich meinen Sohn angerufen und gefragt, ob wir zusammen grillen wollen. Nach einigem Hin und Her ergab sich, dass der andere Teil der Familie als Abendbrot bereits Pizza aufgetaut hatte und damit war das Thema Grillen erledigt. Ich habe erst am nächsten Tag realisiert, dass ich auf der Strategie-Ebene agiert hatte. Wahrscheinlich wäre ich weiter gekommen, wenn ich meinen Sohn angerufen hätte und gesagt: Ein Wochenende ohne Planung und Termine liegt vor mir. Ich fühle mich einsam. Wärst Du bereit, nach der Arbeit für eine halbe Stunde bei mir vorbeizukommen?

Für mich hat GfK nicht in erster Linie mit dem anderen zu tun, sondern mit mir. Es ist ein Werkzeug, mich selber besser kennen zu lernen, mehr über meine Bedürfnisse zu erfahren und mich dafür einzusetzen, dass ich sie erfülle. Der Weg vom Innen zum gegenüber lässt sich mit den vier Schritten leichter beschreiten. Mein Versuch am Freitag, mich einfach an die Liane zu schwingen, ist gerade mal wieder grandios gescheitert.


Mutabor, ich kopiere dieses Post jetzt auch in den "Kritik"-Thread, weil ich Dinge, die hier und dort geschrieben sind, miteinander vermischt habe.

Meine Bitte an Dich:

Würdest Du benennen, welche Deiner Bedürfnisse durch den Einsatz der GfK unerfüllt bleiben? Ich merke, dass ich zu einer intellektuellen Debatte nicht in der Lage bin, aber ich möchte mich trotzdem mit Dir austauschen.

Wie geht es Dir mit diesen Worten?

Gruß,

Claudia
 
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Offline Sina

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Re: Hören was der andere sagt
« Antwort #6 am: 09. Mai 2013, 11:20:58 »
Ich bin etwas irritiert, weil ich unter der Überschrift "Beobachtung" etwas anderes vermutet hatte,
als die einfühlende Suche nach den Bedürfnissen des Anderen.

Geht es nicht anfangs erst mal darum, objektiv wertfrei auszudrücken,
was man gesehen, oder was man gehört hat?
Und diese Beobachtung sauber von der eigenen Bewertung zu trennen?

« Letzte Änderung: 09. Mai 2013, 11:25:32 von Sina »