Autor Thema: Ich bin verantwortlich für das, was ich sage; nicht dafür, was du verstehst!  (Gelesen 20168 mal)

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Offline Ulli_B65

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Ich bin verantwortlich für das, was ich sage; nicht dafür, was du verstehst!

Diesen Spruch habe ich heute auf einem T-Shirt gelesen. Ich fragte die Besitzerin, ob sie Gewaltfreie Kommunikation betreibe. Sie bejahte das.

Erst fand ich es toll, diese Weisheit auf einem T-Shirt zu finden und auf diese Weise einen wichtigen Gedanken der GfK zu verbreiten. Er ist in meinen Ohren wahr an sich - und trotzdem ...

Ich ließ den Spruch noch einmal auf mich wirken und bemerkte, dass in mir ein ungutes Gefühl entstand. Nicht direkt Schmerz, aber nahe dran. Ein bissschen Einsamkeit -  und dann blitzte es endlich bei mir, warum: Wenn das jemand zu mir sagt, schafft das keine gute Verbindung zwischen uns. Nach Einfühlsamkeit klingt das nicht. Sondern, als ob man jemanden abwehren muss, auf seinen Platz verweisen, Distanz wahren. Jemanden nicht an sich heranlassen.

Natürlich ist da auch der Gedanke: Da braucht jemand gerade mächtig Schutz. Das wäre dann die empathische Vermutung bzw. Kurz-Einfühlung in denjenigen, der diesen Spruch als Botschaft auf einem T-Shirt trägt.

Es würde mich interessieren, wie dieser Spruch auf euch wirkt - wie geht es euch damit?

Grüße

Ulli
« Letzte Änderung: 29. Mai 2013, 23:17:22 von Ulli_B65 »

Detlef

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Liebe(r) Ulli,

mir hat gefallen wie Du Deine Gefühle beschreibst.

Wenn ich von solchen oder ähnlichen Sprüchen überrascht werde, spielt sich ähnliches in mir ab. Der Überraschungsmoment, dann kommt Widerspruch oder Zustimmung. Hier spürte ich in mir gleich ein Unbehagen. "Da ist jemand der egoistisch ist und mich ermahnt, wenn Du etwas gegen meine Entscheidungen hast, hast Du ein Problem!" Egal ob dieser Mensch mit dem was er sagt oder tut auf meine Rechte übergreift. Wenn ich mich verletzt fühle, dann ist mein Gegenüber unschuldig? Hat dieser Mensch sich einen Freiraum geschaffen, ohne meine Bedürfnisse zu respektieren?

Das sind meine Überlegungen so aus dem Bauch raus. Ich bin gespannt welche Gefühle offenbar werden.

Danke für Deinen Beitrag

Detlef

Offline Ulli_B65

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Lieber Detlef,
die weibliche Form ist richtig. Danke, dass du im Kopf hattest, dass er für beide Geschlechter stehen kann.

Du schreibst: "Da ist jemand egoistisch"

Ich würde es relativieren: Auf jeden Fall habe ich in einem solchen Moment den Eindruck, dass der andere mich gar nicht im Blick hat. Gesehen werden ist dann bei mir im Minus. Passt das auch für dich?

Und  du schreibst: "mich ermahnt, wenn Du etwas gegen meine Entscheidungen hast, hast Du ein Problem!"

Wenn etwas Gesagtes eine solche Interpretation bei dir nach sich zieht, also, dass es so gemeint war, dann ist das Gesagte vermutlich eine Forderung gewesen - ein Nein ist nicht vorgesehen.
Derjenige vermeidet in meinen Augen eine Bitte, die vielleicht abschlägig entschieden werden könnte.

Du schreibst: "Egal ob dieser Mensch mit dem was er sagt oder tut auf meine Rechte übergreift"

Das Wort "Rechte" mag ich nicht so gern, aber "mein Raum" oder "mein Hoheitsbereich" würde für mich gut passen.

"Wenn ich mich verletzt fühle, dann ist mein Gegenüber unschuldig?"

Da hätte ich jetzt gern ein konkretes Beispiel. Sonst kommt von mir ein: "Kommt drauf an".

Wie du etwas aufnimmst, beruht ja auf deiner eigenen Bedürfnislage. Nehme ich mal ein krasses Beispiel: Jemand nimmt etwas aus deiner Wohnung mit, ohne dich zu fragen oder dir Bescheid zu geben.

Du könntest sauer sein, weil er dein Eigentum nicht achtet. Ist es ein Gegenstand, den du schon lange entsorgen wolltest, bist du vielleicht eher froh. Trotzdem glaube ich, dass hier doch das "Allgemeinübliche" entscheidend ist. Wenn wir nicht gerade kommunistisch erzogen worden sind, haben die meisten es nicht gern, wenn man sich fremdes Eigentum aneignet und man kann durchaus damit rechnen, dass der andere nicht erfreut reagiert.

In dem Fall würde ich dir voll zustimmen bei deinem Satz "Hat dieser Mensch sich einen Freiraum geschaffen, ohne meine Bedürfnisse zu respektieren?" und genau das weist auf die fehlende Verbindung hin.

Der andere Mensch hat mich nicht im Auge, er guckt nicht rüber auf die andere Seite, sondern registriert nur seine eigenen Belange.

Die "gute Verbindung" ist aber das A und O, das ich immer wieder aus Büchern herauslese. Ich bin mit dieser Frage (Freiraum) zu Simran Kaur Wester gegangen, denn diese Frage beschäftigt mich schon länger; und sie sagte: Dieser Mensch riskiert, dass die Verbindung leidet.

Es kommt dann wahrscheinlich auf den Einzelfall an, ob sie es wirklich tut (wie gesagt, du könntest ja auch erleichtert sein, dass dieser scheußliche Gegenstand endlich aus deiner Wohnung raus ist).

Ich will nochmal zurück zu meinem Eröffnungsbeitrag.

Ich glaube, dass das eine Art Abgrenzung ist, sich vom anderen nicht berühren zu lassen. Denn wenn man verinnerlicht hat, dass der andere sich seine Gefühle selbst macht, dann kann man ohne Schuldgefühle oder Selbstvorwurf hören, was beim anderen los ist. 'Aha, so geht es dir, wenn ich x tue oder y sage'. Und bei einer guten Verbindung fragt man dann auch: Was kann ich machen, damit es uns beiden gleichermaßen gut geht?

Ich hatte letztens einen kleinen PN-Crash in einem Hobbyforum. Da hat jemand recht erbost auf meine Worte reagiert. Ich schrieb dann: "Ich kann in meinen Worten nicht sehen, was du aus ihnen heraus gelesen hast. Nun denn, so ist es bei dir angekommen. Zu versuchen zu klären, wie ich es gemeint habe, würde vermutlich tatsächlich für uns beide nervig werden, also lasse ich es an dieser Stelle gut sein."

Es war wohl noch nicht wirklich empathisch, aber ich habe erst einmal akzeptiert, dass diese Person das so aufgefasst hat, wie sie es aufgefasst hat Ich wusste ja, dass ich es anders gemeint hatte und daher wusste ich auch, dass der Rest bei ihr stattfand - das Kopfkino, für das ich nur ganz bedingt etwas konnte.

Mir macht es spaß, hier zu schreiben und mich auseinanderzusetzen und deine orte haben auch bei mir wieder einen Gedankenprozess angeregt. Danke dafür.

Grüße Ulli

Offline matameko

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Hallo ihr beiden,

ich habe den Eindruck, dass bei dem Spruch auf dem TShirt das "nur" und das "nicht" viel ausmachen, wie auch der Blickwinkel.
Würde es euch bei folgender Version genau so gehen wie bei der ersten Variante,
oder würdet ihr das eher anziehen wollen?

"Du bist verantworlich für das was du sagst
und ich trage die Verantwortung für das
was ich höre."

 

Detlef

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Liebe matameko,

ich möchte das geschriebene noch ein wenig auf mich wirken lassen. Meine Eindrücke werde ich in Kürze schildern.

@Ulli, auch auf Deine Ausführungen möchte ich noch einmal tiefer eingehen. Im Moment bin ich ein wenig Überlastet. Bald werde ich wieder etwas Luft haben.

Herzlichst
Detlef

Offline Sina

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Zitat von: ulli
Ich glaube, dass das eine Art Abgrenzung ist, sich vom anderen nicht berühren zu lassen.
Ja so kommt es mir auch vor.
Das klingt für mich wie ein "Nein".

Spontan ging es mir auch so wie dir:
"Ach wie schön, da läuft jemand mit nem GfK-Shirt rum!"

Doch dann hatte ich das Gefühl dass ich abgewehrt würde.
Ja ich weiß, es ist ein Pseudo-Gefühl, aber es tauchte tatsächlich auf,
ehe ich bewusst etwas gedacht habe.
:)

Natürlich hört man das so ähnlich auch immer wieder bei Rosenberg.
Allerdings bedankt er sich oft, wenn er falsch verstanden wurde,
dass man ihm das sagt und er die Gelegenheit bekommt,
sich noch mal klar auszudrücken.

Also er übernimmt oft (oder immer?) die Verantwortung dafür,
dass andere ihn falsch verstanden haben.
Oder hab ich da grad was furchtbar missverstanden?


~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

In "Gewaltfreie Kommunikation..." Kapitel 5 "Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen"
schreibt Rosenberg, dass wir im Prozess der Befreiung durch 3 Stadien gehen:
1.   Emotionale Sklaverei: Wir übernehmen die Verantwortung für die Gefühle anderer.
2.   Rebellisch: Wir wollen für die Gefühle der andern nicht mehr verantwortlich sein.
2.   Befreit: Wir übernehmen die Verantwortung für unsere Absichten und Handlungen.

Die Aufschrift auf dem Shirt klingt für mich nach dem 2. Stadium "Rebellion".



"Du bist verantworlich für das was du sagst
und ich trage die Verantwortung für das
was ich höre."
Da sind die Rolle vertauscht, bei ullis T-Shirt wäre ich der Sagende,
bei deinem Shirt wär ich der Hörende.

Jja, es gefällt mir etwas besser.

Obwohl diese Trennung ja auch nicht wirklich verbindend ist...
« Letzte Änderung: 11. Juni 2013, 18:30:26 von Sina »

Detlef

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"Du bist verantworlich für das was du sagst
und ich trage die Verantwortung für das
was ich höre."

Lieber matameko,

hier nun meine erste Einschätzung zu Deinem Zitat:
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich es hier mit jemandem zu tuen habe, der sich gerne herausreden möchte. "So habe ich es nicht gemeint, ich kann ja nichts dafür, wenn es bei dir so angekommen ist." Auf dieser Ebene eskalieren viele Meinungsverschiedenheiten.

In Kleinigkeiten mag das Zitat eine gönnerhafte Größe bedeuten. Aber warum bin ich Verantwortlich für das was ich höre? Jemand trifft in meinem inneren die Saite des Mitgefühls. Mir fällt hier die Bettlerkolonne in den Städten ein. Manche möchten durch ihr schauspielerisches Darstellen von Armut in mir etwas zum klingen bringen. Wenn ich nicht meine Vernunft einsetze und mich nur von meinem Gefühl leiten lasse, unterstütze und setze meine Kraft nicht für die wirklich Bedürftigen ein. So gibt es in allen Lebensbereiche Menschen die andere ein "schlechtes Gewissen" einreden wollen. Warum sollte ich mich verantwortlich fühlen für das was ich gehört habe?

Im Buch "Begegnung fördern" habe ich den Hinweis unter dem Thema "Jemanden am Ohr ziehen" folgendes gelesen. (hier geht es um Mediation) "Sind Sie bereit, mit eigenen Worten wiederzugeben, was Sie gehört haben, das die andere Person braucht?" Um dann abzustimmen was wirklich gesagt wurde und wie es auf mich gewirkt hat und was ich wirklich gehört habe.

Ich habe mich mit den Sprachunterschiede beschäftigt. Dabei las ich folgende Aussage: "Es gibt verschiedene Arten von Kommunikation: Soziologen unterscheiden zwischen High-Kontext- und Low-
Kontext-Kulturen; diese unterscheiden sich in Direktheit, Expressivität und Emotionalität der Worte." Unter anderem wird das Gehörte in High-Kotext Sprachen an der Mimik und Gestik bewertet. Und dann hätte ich wieder ein Problem zu der oben zitierten Aussage.

So meine kurzen Einschätzungen, es bleibt interessant!

Herzlichst

Detlef
« Letzte Änderung: 12. Juni 2013, 08:42:54 von Detlef »

Offline matameko

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Ich finde, dass unsere Diskussion sehr schön die Aussage
des Spruchs untermalt. :) Egal wie wir den TShirt- Spruch formulieren
würden, es gäbe vermutlich immer noch einige Menschen, die die Schönheit
darin nicht sehen möchten/können.

>Warum sollte ich mich verantwortlich fühlen für das was ich gehört habe?
Hat jemand gesagt dass du das solltest? ;)
Da das "Hören" in dir drin passiert und du die Möglichkeit hast darauf Einfluss
zu nehmen ... bist glaube ich du die Person, die das "Hören" macht?

Egal wie viel Mühe man sich gibt, eine Botschaft zu formulieren: es gibt
keine 100 %ige Garantie, dass mein Gegenüber diese Botschaft so versteht,
wie ich sie ursprünglich gemeint habe:

*Gesendete Botschaft nicht unbedingt zwingend gleich empfangene Botschaft.*

Es geht in der GFK glaube ich einfach nur darum, dass man das aufm Schirm hat. Denn
ziehe ich diese Möglichkeit solcher Übertragungsschwierigkeiten/Missverständnisse
in Betracht, kann ich leichter wieder eine Verbindung herstellen.   

Da wir das Wort "Verantwortung" oft mit "möglichen Strafen" statt mit Wertschätzung
assoziieren, ist die Formulierung vielleicht etwas unglücklich gewählt.

>Obwohl diese Trennung ja auch nicht wirklich verbindend ist..
Interessanter Blickwinkel. Statt einer Trennung könnte man es genau so
als Verbindung oder Gemeinsamkeit interpretieren? Es gibt einen Sack Kartoffeln zu tragen
(die Verantwortung). Ich packe an der einen Seite an, du an der anderen und
wir tragen ihn zusammen?

Eine extended Version des Spruches (um die Gegenseitigkeit explizit auszusprechen)
wäre noch
"Du bist verantworlich für das was du sagst
und ich trage die Verantwortung für das
was ich höre.
Ich trage die Verantworung für das was
ich sage und du trägst die Verantwortung
für das was du hörst."

Dadurch dass unsere Körper getrennt sind (so sehe ich das gerade mal) und der Schall
zwischen uns üblicher Weise durch die Luft übertragen wird, gibt es halt eine naturgegebene
Trennung.

Jemanden die Verantwortung für das was in ihr/ihm vorgeht zuzugestehen sehe ich als eine Form von Wertschätzung.

Wenn jemand z. B. behaupten würde, dass er 100%ig weiß was in mir vorgeht, ohne mich vorher zu fragen, würde mir das nicht gefallen. Meine Gefühle und Bedürfnisse liegen primär in meiner Verantwortung. Wenn ich z.B. die Verantwortung für die Gefühle meiner Partnerin übernehmen wollen würde, könnte das in eine Art "Beziehungs-Terrorismus" ausarten. Dass mir ihre Gefühle auch noch wichtig sind, wenn sie sie selbst erzeugt (= ihre Bedürfnisse sie erzeugen = sie die Verantworung dafür hat) ist auch klar.

Noch ein Spruch :):
"Ich gestehe dir die Verantwortung für das zu was du hörst. Da mische ich mich nicht ein."


« Letzte Änderung: 12. Juni 2013, 12:18:51 von matameko »

Detlef

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Lieber matameko,

dass habe ich völlig übersehen gehabt:

>>Warum sollte ich mich verantwortlich fühlen für das was ich gehört habe?
>Hat jemand gesagt dass du das solltest?
>Da das "Hören" in dir drin passiert und du die Möglichkeit hast darauf Einfluss
>zu nehmen ... bist glaube ich du die Person, die das "Hören" macht?

eine schöne Erklärung! Für jene die in GFK geübt sind, ist es gut erst einmal durchzuatmen und sich die vier Fragen im Kopf zu holen.

Neulich habe ich ein beratendes Gespräch geführt und versucht bei dem verbalen Angriff gegen den nicht anwesenden Mann, nach den eigenen Bedürfnissen des Klienten zu fragen. Es war nicht möglich diesen dazu zu bewegen, seine Gefühle zu erkennen, geschweige zu benennen.

Liebe Grüße

detlef

Offline Sina

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Ich finde, dass unsere Diskussion sehr schön die Aussage
des Spruchs untermalt. :) Egal wie wir den TShirt- Spruch formulieren
würden, es gäbe vermutlich immer noch einige Menschen, die die Schönheit
darin nicht sehen möchten/können.
Stimmt! Ich gehöre definitiv auch dazu! ;)
Ja tatsächlich, mir fehlt die Empathie darin.

Mit Empathie tu ich mich sowieso bisschen schwer,
dagegen hab ich inzwischen kaum noch Probleme mit der Abgrenzung.
Ich bin dann allerdings meist eher unhöflich
und sag so was wie: "Hör doch mal richtig zu!"

Vielleicht liegt mir der Spruch (egal in welcher Variante)
deswegen so quer im Magen?

__________________

Ich möchte noch mal auf meine Frage zurückkommen,
ob Rosenberg einen Teil der Verantwortung übernimmt,
wenn er sich bedankt, dass ihm jemand sagt, was er verstanden hat.

Man hört doch oft bei ihm, dass er am Ende bittet:
"Sag mir bitte, was du verstanden hast."
Um dann bei Bedarf noch was hinzuzufügen.

Und dann sagt er nicht etwa: "Das hab ich nicht so gesagt"
sondern: "Ich habe mich nicht deutlich genug ausgedrückt."

Mir scheint, dass er um die Verständigung zu erleichtern und die Verbindung zu halten,
einen Teil der Verantwortung mit übernimmt.


Meine Bitte

Könnt ihr mir bitte sagen, ob ihr das auch so seht,
oder ob ich einen dicken Denkfehler mache?


Detlef

  • Gast

Ich möchte noch mal auf meine Frage zurückkommen,
ob Rosenberg einen Teil der Verantwortung übernimmt,
wenn er sich bedankt, dass ihm jemand sagt, was er verstanden hat.

Man hört doch oft bei ihm, dass er am Ende bittet:
"Sag mir bitte, was du verstanden hast."
Um dann bei Bedarf noch was hinzuzufügen.

Und dann sagt er nicht etwa: "Das hab ich nicht so gesagt"
sondern: "Ich habe mich nicht deutlich genug ausgedrückt."

Mir scheint, dass er um die Verständigung zu erleichtern und die Verbindung zu halten,
einen Teil der Verantwortung mit übernimmt.

Meine Bitte

Könnt ihr mir bitte sagen, ob ihr das auch so seht,
oder ob ich einen dicken Denkfehler mache?

Liebe Sina,

genau so empfinde ich auch. Ich habe Marshall Rosenberg auch so verstanden wie Du es hier darlegst. Für mich ist es wichtig, was der andere verstanden hat. Mein Bedürfnis ist, dass Klarheit in der Aussage und dem Verständnis herrscht. Dann kann ein ungewolltes erhitzen des Gegenüber vermieden werden.

So meine kurze Einschätzung

Liebe Grüße
detlef

Offline matameko

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>Mir scheint, dass er um die Verständigung zu erleichtern und die Verbindung zu halten,
>einen Teil der Verantwortung mit übernimmt.

Das kann man auf unterschiedlicher Art und Weise sehen und jede Sichtweise hat ihre
Berechtigung. Daher stimme ich dir bei deiner Sichtweise auch zu. Die Frage nach der Sichtweise hängt damit zusammen, wie man das "Sagen" und das "Hören" aufteilt, ob z.B. ein Feedback-Prozess und eine optionale Korrektur des Gesagten mit zum "Sagen" dazu gehört. 

Wenn mich jemand anders versteht als ich mich ausdrücken wollte,
liegt es noch in meiner Verantwortung, meine Haltung zu überprüfen.
Lag bei dem was ich gesagt habe meine Absicht wirklich darin,
etwas für die Verbindung zu tun? War das was ich verbal gesagt habe
im Einklang mit dem was ich durch meine Gestik und Mimik ausgedrückt habe?
War ich dabei ehrlich/authentisch? Passt meine Wortwahl/Sprache zu meiner
Umgebung? All das würde ich darin zusammen fassen, dass ich die Verantwortung für
das trage was ich sage.

Eine Sichtweise ist die, dass Marshall ein Stück weit die Verantwortung übernimmt,
was der andere hört.

Eine andere Sichtweise ist, dass er durch seine Handlungsweise versucht
die volle Verantwortung für das zu tragen was er sagt, nicht mehr und nicht weniger.

Nachdem Marshall seine eigene Haltung überprüft hat, alles getan hat um sich verständlich
auszudrücken... gibt es glaube ich noch die Entscheidung/Freiheit der anderen Person,
die Verbindung anzunehmen, nicht anzunehmen, teilweise anzunehmen.

Bei der Methode ESPERE gibt es das Modell des Beziehungsschals, das mir sehr gut gefällt
und das ich gerade noch teilen möchte:
Es gibt zwei Personen, die einen Schal halten. Der Schal representiert die Beziehung. Die
Beziehung funktioniert, wenn beide Personen ihr Ende des Schals hoch halten. Wenn die
andere Person ihr Endes des Schals nicht hält, könnte ich z.B. versuchen ihr den Schal
um den Hals zu knoten oder mich nach vorne zu strecken und mit meiner anderen Hand
ihr Ende mit zu halten, damit es nicht auf den Boden fällt. Das wäre dann aber nicht
die Art der Beziehung die ich mir wünsche.
Ich möchte dass jede Person das eigene Ende des Schals trägt und auch die Verantwortung
dafür, was über diesen Anschluss an den Beziehungskanal losgeschickt und empfangen wird.
Mein Ende des Schals ist meine einzige Einflussmöglichkeit, wenn ich die Freiheit und
Selbstständigkeit der anderen Person achten möchte.
Der Schal lebt vom Austausch der über ihn stattfindet.

Marshall kümmert sich glaube ich sehr sorgfältig um sein Ende des Schals. Um das tun zu können braucht er natürlich auch das Feedback der anderen Person. Ich glaube nicht, dass er
versucht, das andere Ende des Schals in der Luft zu halten. Ich würde ihn so einschätzen, dass
er viel Geduld hat, um darauf zu warten dass die andere Person es vom Boden aufhebt und
dass er es auch akzeptieren kann wenn die anderer Person das nicht tun möchte. Das
Aufheben des Schals auf der anderen Seite erleichtert er vielleicht noch dadurch, dass er seine Halte-Höhe des Schals anpasst.     


>Ja tatsächlich, mir fehlt die Empathie darin.
@Sina: Ist bei dem Bild mit dem Schal die Empathie für dich mit enthalten?

Habt ihr vielleicht noch einen anderen Vorschlag für die Formulierung eines
Spruches oder ein Bild, das euren Vorstellungen am ehesten entspricht?

Sonnige Grüße,

Stefan

 

Detlef

  • Gast
Habt ihr vielleicht noch einen anderen Vorschlag für die Formulierung eines
Spruches oder ein Bild, das euren Vorstellungen am ehesten entspricht?

Ein Vorschlag von mir:

Höre bitte durch meine Worte in mein geöffnetes Herz

Detlef

Offline Sina

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Zitat von: matameko
@Sina: Ist bei dem Bild mit dem Schal die Empathie für dich mit enthalten?
Ja, danke dir, durch das Bild wird es recht anschaulich für mich.

Und auch deine Gedanken zu Rosenberg leuchten mir ein.

Um im Bild mit dem Schal zu bleiben:
Wenn mein Gegenüber den Schal fallen ließ, kann er ihn natürlich selbst aufheben.
Weiß ich jedoch, dass er Rückenprobleme hat, bück ich mich halt.

Wirft er ihn achtlos hin, ... naja, kommt drauf an,
wie wichtig mir der Schal und die Verbindung ist.
Und ob ich selbst grad "Rückenschmerzen" habe.

Besonders gefällt mir die Idee, die Halte-Höhe des Schals anzupassen. 
Das kann die :g1: mit dem langen Hals natürlich besser als der  :wolf0:

Zitat
Der Schal lebt vom Austausch der über ihn stattfindet.
Dazu fällt mir das Fadenspiel ein.
http://de.wikipedia.org/wiki/Fadenspiel
Das ist eine Art Gespräch mit den Händen.
Einer nimmt den Faden auf, der andere hebt ab, dann der erste usw.
Wenn einer nicht weiter weiß, kann man das Gewebe vorsichtig übergeben,
dann kann der andere weiter machen.

Auch dazu muss man in Verbindung sein, sonst verwirrt es sich nur.

Ist einfach ne Analogie, die mir eingefallen ist beim Gedanken, dass der Schal vom Austausch lebt.
Auch hier hat jeder seine Verantwortung, der Abhebende ebenso, wie der Haltende.
Und auch hier kann man sich unterstützen. Oder frustriert aufgeben...



Zitat von: Detlef
Höre bitte durch meine Worte in mein geöffnetes Herz
Danke dir! 

Das hört sich sehr offen an und sehr verletzlich.
Ob ich aber wagen würde, so ein T-Shirt anzuziehen?



Offline Ulli_B65

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Lieber Detlef, Stefan und Sina,
ich habe jetzt erst mitbekommen, dass hier soviel passiert ist (habe nur am Anfang einmal eine Benachrichtigung bekommen, dass Detlef geantwortet hatte, danach keine mehr).

Ich finde das Bild mit dem Schal auch sehr sprechend.

Detlefs Vorschlag

"Höre bitte durch meine Worte in mein geöffnetes Herz"

drückt sehr schön aus, worum es mir oftmals geht:
Gesehen und gehört werden. Verstehen und verstanden werden.

Nochmal zurück zu meinem Anfang. Ich habe vor ein paar Tagen folgende Worte zu hören bekommen:

"Das ist nicht meine Baustelle.
Ich bin nur der Auslöser.
Ich sehe mich nicht als Verantwortlichen."

Ich glaube, dass das eine Art Abgrenzung ist, sich vom anderen nicht berühren zu lassen. Denn wenn man verinnerlicht hat, dass der andere sich seine Gefühle selbst macht, dann kann man ohne Schuldgefühle oder Selbstvorwurf hören, was beim anderen los ist. 'Aha, so geht es dir, wenn ich x tue oder y sage'.

Für mich trennen diese Worte (Baustelle) und verbinden nicht. Obwohl inhaltlich (Auslöser/Verantwortlichkeit) gesehen ja genau das GfK-Überzeugung ist. Ein GfK-Paradox sozusagen.

Herzliche Grüße

Ulli