Autor Thema: Ich bin verantwortlich für das, was ich sage; nicht dafür, was du verstehst!  (Gelesen 20167 mal)

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Offline matameko

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Hi Ulli,

das Zitat gefällt mir und ich glaube es lässt sich nicht nur auf die Person beziehen die das mit der Baustelle sagt, sondern auch auf die Person die die Aussage hört:

Mit den Worten

"Das ist nicht meine Baustelle.
Ich bin nur der Auslöser.
Ich sehe mich nicht als Verantwortlichen."

drückt eine Person aus was in ihr lebendig ist (oder versucht es zumindest). Ob diese
Worte zu einer besseren Verbindung beitragen, hängt von der Vorgeschichte,
der Situation, dem Tonfall und der hörenden Person ab. Wir können es z.B. mit einer Situation
vergleichen, in der die Person garnichts sagt und still da sitzt. Im Vergleich dazu
könnte der Satz mit der Baustelle zu einer besseren Verbindung beitragen, da er
ja verbale Informationen darüber enthält, was in der Person vorgeht.

Die Worte als trennend zu bewerten könnte man nach dem Zitat wiederum als
Abgrenzung der hörenden Person deuten, die dann auch keine perfekte Giraffe wäre.
So kommen wir aber glaube ich nicht weiter. :)

Was ist in euch lebendig, wenn ihr die Worte mit der Baustelle als trennend bewertet?
Braucht ihr in der Situation außer eine bessere Verbindungsqualität noch andere Dinge?
Ich würde z. B. auf einen Bedarf nach Empathie oder Verständnis für das vorher gesagte tippen.

Was glaubt ihr, was in der Person los war, die das mit der Baustelle gesagt hat?
Welche alternative Formulierung würde uns den "verbindungsunterstützenden Aspekt"
darin leichter hören lassen? Wäre für euch die andere Variante, in der die Person
statt der Aussage mit der Baustelle garnichts sagt und still da sitzt, angenehmer gewesen?

@Ulli: Lösen diese Fragen für dich das Paradoxon auf?

Liebe Grüße,

Stefan
« Letzte Änderung: 19. Juni 2013, 11:59:38 von matameko »

Offline Ulli_B65

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Hallo Stefan,
du versuchst es mit einer Einfühlung für den "Baustellen-Sager". Die ist schon da bei mir als als Vermutung.

Das Paradoxon löst sich für mich nicht auf, solange der Schritt zu mir rüber fehlt. Ich kann natürlich gucken (und habe es auch versucht), was auf der anderen Seite ist. Mein Eindruck. Die andere Person will das gar nicht, das ist gar nicht ihr Anliegen, dass ich das zu erfassen versuche, zu verstehen versuche, aufzunehmen zu versuche, was bei ihr ist. Sie will meiner Einschätzung nach keine Einfühlung, kein Verstehen, kein Verstanden werden, kein Hören und Sehen. Abschottung pur. Weder für sich selbst noch als Tun für mich. Ihr Bedürfnis ist nicht die gute Verbindung zu mir. Zumindest kann ich das trotz meiner riesig aufgesperrten Giraffenohren nicht erkennen. Die gute Verbindung ist mein Anliegen bzw. inzwischen war es meines.

Denn in mir funkt zur Zeit immer wieder der Satz rum "Geh nicht zum Metzger, wenn du Blumen willst". Das ist ein Buchkapitel aus Giraffentango von Serena Rust. Kennst du es?

Rust ging es um Zugehörigkeit bei ihrem Gegenüber, mir eher um Austausch, Wechselseitigkeit, die gute Verbindung, Verstehen und Verstanden werden, Gesehen und Gehört werden bei meinem Gegenüber.

Rust schreibt: Damit aus Hören ein Anteil nehmendes, den anderen liebevoll und
herzlich aufnehmendes Zuhören wird, ist vor allem die Absicht des
Hörenden nötig. Deshalb liegen meine Gestaltungsmöglichkeit, mein
Einfluss, meine fürsorgliche Selbstverantwortung vor allem darin, an
wen ich mich mit meinem Wunsch, gehört zu werden, wende.


Der, der das mit der Baustelle gesagt hat, hat meiner Einschätzung nach nicht die Absicht, zu hören.
Durch Rusts Kapitel ist mir die Einseitigkeit bewusst geworden, die manche Kontakte mit sich tragen.
Diese Einseitigkeit sehe ich im konkreten Fall gegeben.

Also brauche ich einen Akt der Selbstfürsorge. Im aktuellen Fall lasse ich meine Seite des Schals fallen, denn von meiner Position aus gesehen sieht es so aus, als ob der andere seinen Schal auch nicht in der Hand hat und ihn auch nicht aufnehmen wird. Wie lange soll ich da stehen und darauf warten, dass es doch geschieht? Das könnte eine schmerzvolle Zeit für mich werden.

Und solange wie Rust will ich nicht brauchen ;-) Sie schreibt von Jahren ...

Herzliche Grüße

Ulli





Offline matameko

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Hi Ulli,

>du versuchst es mit einer Einfühlung für den "Baustellen-Sager"
Ja, und auch mit einer Einfühlung für den "Baustellen-Hörer", also für dich.

Bisher konnte ich noch nicht hören, was du vermutest, dass der Baustellen-Sager braucht.
(Das was er nicht braucht scheinst du erfasst zu haben.)

Dich verstehe ich nun so, dass du in Situationen bei denen die Verbindung zu jemand
anderen nicht klappt gut für dich sorgen möchtest. Und dass es ziemlich schmerzhaft
für dich sein kann, wenn dein Bedarf nach Verbindung nicht erfüllt wird. Vor allem dann,
wenn es eine weile Dauern könnte und die Indizien eher dagegen sprechen, dass das
mit der Verbindung irgendwann noch mal was werden könnte?

Hast du Interesse, mit nach Sätzen zu suchen, die du auf so eine "Abgrenzung"
antworten kannst, um in solchen Situationen noch besser für dich zu sorgen? 

Das Buchkapitel das du angesprochen hast kenne ich noch nicht.

CU,

Stefan





 



Offline Ulli_B65

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Hallo Stefan,
danke für deine Einfühlung. Tut mir gut.

Bisher konnte ich noch nicht hören, was du vermutest, dass der Baustellen-Sager braucht.
(Das was er nicht braucht scheinst du erfasst zu haben.)

Nein, konntest du auch nicht. Weil ich da selbst schwimme. Vielleicht ein "Einfach in Ruhe gelassen werden". Auf die Maoam-Frage würde ich vermutlich keine Antwort kriegen, jedenfalls schätze ich das so ein. Die Maoam-Frage hieß "Was wollt ihr denn?" in der damaligen Werbung.

Hast du Interesse, mit nach Sätzen zu suchen, die du auf so eine "Abgrenzung"
antworten kannst, um in solchen Situationen noch besser für dich zu sorgen? 

Ja, hätte ich.

1. Wenn ich höre, du seist nur der Auslöser für mich,
2. fühle ich mich hilflos und einsam,
3. weil ich gerne Verständnis hätte und gerne in meiner inneren Not gesehen werden möchte und weil ich auch gern verstehen möchte, was bei dir los ist.
4. ...

A. Bitte um Hilfestellung bei der empathischen Einfühlung, bei der man zu erraten versucht oder fragt, was der andere fühlt und braucht. Für die konkrete Bitte nehme ich dann meinen Bitten-Baukasten.

B. Bitte um Rückmeldung / Feedback über die Wirkung meiner Worte. Für die konkrete Bitte nehme ich dann wieder meinen Bitten-Baukasten.

C. Oder schlicht: Soll ich dich jetzt in Ruhe lassen? Momentan oder auf Dauer? Oder nur mit diesem Thema und darf es vielleicht ein anderes sein?

Das wären Bitten an den anderen. Aber ich habe ja auch noch die Palette der Selbstbitten.

Mir befriedigendere Kontakte/Verbindungen suchen zum Beispiel.

Was fällt dir an möglichen Sätzen ein?

Herzliche Grüße

Ulli

Offline matameko

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Hi Ulli,

dafür wäre es noch praktisch zu wissen, wie das Gespräch vorher verlaufen ist.
Aus dem Bauch heraus fallen meinem Kopfkino drei Situationen ein. :)
Bei allen drei Varianten bräuchte die andere Person erst mal selbst Empathie bevor
sie in der Lage wäre dir zuzuhören. Alle vier Schritte auszuformulieren wäre
glaube ich zu viel für sie. Du könntest vielleicht mit einer Frage starten
und am ehesten würde ich in Richtung C tippen. 

A. Die Person war mit dir in einem GFK-Workshop und hat schon fünf Stunden
Übungen hinter sich. Ihr brummt der Kopf und sie braucht Ruhe (wie du schon
gesagt hast). Dann könnten wir die Aussage mit der Baustelle z. B. so hören
"Puh, ich kann gerade überhaupt nichts mehr aufnehmen. Meine Festplatte
ist voll. Kannst du dir bitte gerade jemand anderen suchen der dir zuhört?"

Mögliche Antwort: Ist deine Festplatte gerade voll? Wir haben heute schon
ziemlich viel Input gehabt.

B. Du hast die Person gerade kennengelernt. Ihr habt euch nett unterhalten,
und da ihr direkt auf einer Wellenlänge gewesen seid, hast du dich ein
ganzes Stück weit geöffnet und persönliche Details von dir und Beziehungen
zu anderen Menschen erzählt. Die andere Person ist so eine herzliche
Offenheit in ihrem bisherigen Leben nicht gewohnt und die ungewohnte
Situation macht ihr Angst. Die Aussage könnte dann z. B. bedeuten
"Oh, ich merke gerade dass ich persönliche Details von dir erfahre und mir
das unangenehm ist. Mir ist meine Privatsphäre und Intimität sehr wichtig
und ich möchte auch den Raum anderer Personen achten. Ich weiß gerade nicht
ob ich in diesem Zimmer richtig bin, mich aufhalten darf/sollte. Können wir
für das erste Kennenlernen bitte über belanglosere Dinge sprechen?
Mit so einem Vorgehen wäre ich eher vertraut."

Mögliche Antwort: War dir unser Gesprächsthema unangenehm?
Wir haben gerade über recht private Dinge gesprochen.


C. Die Person war an etwas beteiligt, das unangenehm für dich war. Du wolltest
deine Erfahrung mit ihr teilen und sie vielleicht um etwas bitten. Die Person hat deine
Äußerungen über Wolfsohren aufgenommen, Kritik gehört und den Eindruck gewonnen
dass du einen Schuldigen suchst. Vielleicht hat sie in ihrem Leben noch nie
die Erfahrung gemacht, dass man über unangenehme Dinge sprechen kann ohne
gleichzeitig Schuld zu verteilen. "Ich habe Angst vor den Konsequenzen die
garantiert auftreten, wenn ich Verantwortung für diese Situation übernehme:
dann bin ich (wieder mal) der Schuldige und muss mich schlecht fühlen."

Mögliche Antwort:  Hattest du gerade den Eindruck, dass du Verantwortung
für Dinge/Belange/Bedürfnisse übernehmen sollst für die du nichts kannst/nicht zuständig bist? 

Ja, genau! Was geht mich das an?

Ich möchte dir keine Schuld zuweisen. Wäre es dir lieber wenn ich mit jemand anderen spreche?

Ja. Frag doch den Frank.

Ich brauche gerade einfach jemanden der mir zuhört. Nachdem ich mit Frank gesprochen habe
und mir klar ist, wo mir der Kopf steht, würde ich gerne nochmal Verbindung mit dir aufnehmen. Wäre das ok für dich? 

Ja, aber nicht mehr heute. Lass mich erst mal drüber schlafen.

Nachdem die andere Person so eine Frage mit ja beantwortet hat und sie sich
in weiteren Sätzen dazu äußern konnte, ist sie vielleicht in der Lage, dir zuzuhören.
Wenn dein Bedarf nach Empthie gut gedeckt ist und du vor allem Verbindung
brauchst, wäre so eine Nachfrage wie oben vielleicht eine passende Strategie für dich,
um gut für dich zu sorgen.

Wenn du selbst Empathie brauchst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du in der
Situation nicht in der Lage bist, der anderen Person Empathie zu geben
(ist bei mir jedenfalls häufig so).
Dann bist du glaube ich tatsächlich gut damit beraten, dir die Empathie wo anders zu holen,
z. B. hier im Forum :) und erst danach das Gespräch mit der Person wieder aufzunehmen,
wenn du denn möchtest.

War da was für dich dabei?

MfG,

Stefan


   

Offline Ulli_B65

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Hallo Stefan,
ja, da war was dabei. Angetan bin ich von dem Faden, den du weitergesponnen hast - in welche Richtung sich das entwickeln könnte.  Danke.

Das mit dem Schutz war ja schon von mir eine Überlegung, bevor das aktuelle Ereignis kam. Du nennst mehrere Ideen, wovor genau   sich schützen:

- vor noch mehr Inanspruchnahme (Kanal dicht)
- vor herausgehörten Schuldzuweisungen, Vorwürfen*
- vor einem möglicherweise als zu eng empfundenem Kontakt

Ich würde hinzufügen - vielleicht auch Autonomie: Ich entscheide, womit ich mich auseinandersetze/befasse und womit nicht.

* Da sehe ich ein kleines bisschen von dem darin, was ich vermute -derjenige weiß es allenfalls vom Kopf her, dass es nicht seine "Baustelle" ist, aber hat es noch nicht verinnerlicht, sonst müsste er das doch nicht so ausdrücklich betonen ... wie eine Fahne vor sich hertragen - oder auf einem T-Shirt stehen haben?

Danke erst einmal,
ich fühle mich genährt.

Ulli

Offline matameko

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>sonst müsste er das doch nicht so ausdrücklich betonen

Könnte auch eine Strategie sein um es zu sich selbst zu sagen...
Wäre doch ziemlich praktisch wenn er das nächste mal
in den Spiegel schaut und der Groschen fällt. ;)
Es gibt auch Menschen die sich Sprüche auf kleine Zettel schreiben
um sie sich immer wieder in Erinnerung zu rufen.
Ich trage auch noch so einen Bedürfnisspickzettel in meiner Tasche herum.
Manchmal sagt das, was wir über andere Menschen sagen,
mehr über uns aus als über die anderen.

Freut mich, dass dir die skizzierte Entwicklungsrichtung gefällt.
Und das Buchkapitel hat mir auch gefallen. Danke.

Hier ist noch ein Tshirt, bei dem ich mir mal überlegt habe es
zu kaufen. Habs aber dann doch nicht getan. :)
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