Autor Thema: Empathie für jemanden der ärgerlich ist.  (Gelesen 6123 mal)

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Offline saftbaum

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Empathie für jemanden der ärgerlich ist.
« am: 28. Dezember 2013, 23:47:37 »
Liebe alle,

ich beschäftige mich schon einige Jahre mit der Gfk und habe viele Fragen!
Eine wichtige möchte ich jetzt an Euch richten, bin gespannt auf Eure Antworten:

 :g1: Seit ich mir "Making Life Wonderful" von Marshall angesehen habe, bin ich verwirrt was das Geben von Empathie an jemanden angeht der Ärger empfindet. Marshall macht in dem Workshop einen Unterschied zwischen dem Ursprung von "lebensentfremdenden Gefühlen" und "lebensfördernden Gefühlen", also zwischen dem Ursprung von Ärger, Schuld, Scham und Depression und zwischen dem der übrigen Gefühle, wie Trauer, Schmerz, Beklemmung, usw. Er sagt, die ersteren entstehen aufgrund von schuldzuweisenden Gedanken (ob jetzt gegenüber uns selbst oder anderen) und die lebensfördernden Gefühle würden aufgrund von erfüllten/ unerfüllten Bedürfnissen entstehen.

So. Im Kontext dieser Erklärung versucht eine Kursteilnehmerin dann Empathie für jemanden aufzubringen der ärgerlich ist und sie sagt sowas wie "Bist du sauer, weil du mehr Verständnis brauchst" und Marshall unterbricht sie "Nein, er ist nicht sauer weil er mehr Verständnis braucht, sondern wegen dem Gedanken den er hat."
Im Allgemeinen rät doch Marshall aber immer und immer wieder nie das zu hören was ein Jackal (Wolf) sagt, sondern immer auf die Gefühle und Bedürfnisse dahinter zu hören. In dem Fall ist das Gefühl zwar Ärger, aber das Bedürfnis gibt es scheinbar nicht..sondern nur einen Schuldzuweisenden Gedanken. Sollen wir also in dem Fall, wenn andere ärgerlich sind erst fragen "Also bist du sauer weil es dir so vorkommt als würde ich ******** (z.B. verhindern dass du dich mit deinem Vater treffen kannst)"?


Marshall selbst sagt dann auch bei dem Beispiel "Also du bist wütend weil du mich als jemanden siehst der dich von etwas kostbarem abhält, und dahinter ist dein tiefes Bedürfnis nach Kontakt zu deinem Vater?"

LG
Thomas


Offline saftbaum

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Re: Empathie für jemanden der ärgerlich ist.
« Antwort #1 am: 29. Dezember 2013, 17:04:30 »
Ein zweites Beispiel das ich heute erlebt habe und das vielleicht klarer macht um was es mir geht:

Jemand wird vom Bellen seines Hundes am frühen Morgen geweckt und zieht ihn am Nacken hoch damit "er lernt, dass das nicht in Ordnung ist".

So wie ich die Person einschätze war sie dabei ärgerlich.
Soll ich also als erstes fragen, "Bist du ärgerlich weil es dir so vorkommt als würde er dich absichtlich aus dem Schlaf bellen und dass es ihm dabei egal ist wie es dir geht?"

   

Offline saftbaum

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Re: Empathie für jemanden der ärgerlich ist.
« Antwort #2 am: 01. Januar 2014, 18:05:45 »
Hi,

22 Aufrufe und noch keine Antwort...ist das Thema zu schwierig?

Offline matameko

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Re: Empathie für jemanden der ärgerlich ist.
« Antwort #3 am: 04. Januar 2014, 20:09:30 »
Hallo Saftbaum,

ich habe die Szene jetzt nicht vor Augen. Kann es vielleicht sein dass Marshall das so aus didaktischen Gründen gesagt hat? Im Kontext von einem GFK-Kurs oder wenn du dich mit einem guten Freund unterhältst kann so eine lange Variante vielleicht schon Sinn machen.

Für die Praxis glaube ich sonst eher "In der Kürze liegt die Würze". Ich glaube auch dass es wichtiger ist, wie du auf die andere Person wirkst/aus welchen Beweggründen heraus du handelst, als welche Worte du genau sagst. Wenn ich mir vorstelle dass ich verärgert bin, könnte ich einen Satz wie "Bist du ärgerlich weil es dir so vorkommt als würde er dich absichtlich aus dem Schlaf bellen und dass es ihm dabei egal ist wie es dir geht?" glaube ich nicht aufnehmen. Wahrscheinlich würd ich dann so was denken wie "Häh? Was hast du gesagt? Willst du mich verarschen?"

Es besteht auch die "Gefahr" dass du so etwa sagst wie "bist du... weil jemand anders..." anstatt " bist du ... weil du...".

Wie wäre es mit "Bist du ärgerlich weil du Ruhe brauchst?" ? (Auch wenn es vielleicht nicht der Wahrheit entspricht.) Wenn die Person dann geantwortet hat "Ja, genau." und sie im weiteren Gespräch alle Empathie bekommen hat die sie braucht kannst du (wenn du dann noch Bedarf hast) der Person klar machen dass es vermutlich ihr eigener Gedanke war, der den Ärger zu einem Großteil mit verursacht hat.

Was meinst du dazu?

Sonnige Grüße,

Stefan



Offline saftbaum

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Re: Empathie für jemanden der ärgerlich ist.
« Antwort #4 am: 07. Januar 2014, 01:45:23 »
Hi Stefan und danke für deine Antwort!

"Wahrscheinlich würd ich dann so was denken wie "Häh? Was hast du gesagt? Willst du mich verarschen?""   ;D ;D ;D Ja  ;D das würde ich wahrscheinlich auch denken! Ich muss wirklich sehr lachen wenn ich das lese!

Ich würde in der Praxis natürlich auch nicht den ganzen Satz bringen. Ich wollte damit nur verdeutlichen um was es mir geht. Nämlich darum, dass man zunächst mit dem GEDANKEN des anderen empathisch ist und nicht mit seinen Bedürfnissen.

"Im Kontext von einem GFK-Kurs oder wenn du dich mit einem guten Freund unterhältst kann so eine lange Variante vielleicht schon Sinn machen. "
-->Mit "langer Variante" meinst du die langen Sätze von mir und Marshall?

"Es besteht auch die "Gefahr" dass du so etwa sagst wie "bist du... weil jemand anders..." anstatt " bist du ... weil du...". "
-->Da hab ich bei mir keine Bedenken. Ich würde schon konsequent sagen "Bist du ärgerlich, weil es dir so vorkommt, dass...." bzw. eine ähnliche Weil-Du-Konstruktion.

"Wie wäre es mit "Bist du ärgerlich weil du Ruhe brauchst?" ? (Auch wenn es vielleicht nicht der Wahrheit entspricht.)"
-->Hmm..ja, bist du ärgerlich weil du Ruhe brauchst, hmm...
Ich weiß nicht. Irgendwie kommt es mir als Rechtfertigung des Ärgers vor. Jeder braucht Ruhe. Und dann könnte es beim andern doch so ankommen wie "Klar brauch ich Ruhe..der verdammte Hund sollte sich gefälligst danach richten!"

Ich weiß nicht..vielleicht ist diese Unterscheidung auch nur für mich so wichtig weil ich mich mit Gfk beschäftige. Hmm..ich schreib die nächsten Tage noch was dazu, du kannst aber gerne schon antworten wenn du möchtest.

LG
Thomas

Offline Claudia

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Re: Empathie für jemanden der ärgerlich ist.
« Antwort #5 am: 08. Januar 2014, 23:11:40 »
Hallo, Kollegen,


ich melde mich auch noch dazu, denn das Thema finde ich spannend. Bei mir ist nur aktuell gerade "Land unter". Mir fehlt eine Woche Arbeitszeit durch eine fiese Bronchitis.


Claudia
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Offline matameko

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Re: Empathie für jemanden der ärgerlich ist.
« Antwort #6 am: 15. Januar 2014, 17:31:29 »
Zitat
-->Mit "langer Variante" meinst du die langen Sätze von mir und Marshall?
Genau.

Zitat
"Es besteht auch die "Gefahr" dass du so etwa sagst wie "bist du... weil jemand anders..." anstatt " bist du ... weil du...". "
-->Da hab ich bei mir keine Bedenken. Ich würde schon konsequent sagen "Bist du ärgerlich, weil es dir so vorkommt, dass...." bzw. eine ähnliche Weil-Du-Konstruktion.

"Wie wäre es mit "Bist du ärgerlich weil du Ruhe brauchst?" ? (Auch wenn es vielleicht nicht der Wahrheit entspricht.)"
-->Hmm..ja, bist du ärgerlich weil du Ruhe brauchst, hmm...
Ich weiß nicht. Irgendwie kommt es mir als Rechtfertigung des Ärgers vor. Jeder braucht Ruhe. Und dann könnte es beim andern doch so ankommen wie "Klar brauch ich Ruhe..der verdammte Hund sollte sich gefälligst danach richten!"

Genau das was du zum zweiten Punkt schreibst meinte ich beim ersten. Wahrscheinlich ist das auch einfach von Mensch zu Mensch unterschiedlich.  Wenn du mich (mit passendem Tonfall) fragen würdest "Bist du ärgerlich weil du Ruhe brauchst?", dann wäre meine Aufmerksamkeit erst mal eher bei mir und ich würde so was denken wie "Bin ich wirklich ärgerlich? Oh -ja, tatsächlich ..." oder "Ich bin gar nicht ärgerlich! Oh.. anscheinend jetzt doch." :) Die Variante "Bist du ärgerlich weil du denkst dass der Hund ... " würde meine Aufmerksamkeit eher auf den Hund richten. (Außer das "du denkst" wird dreimal fett unterstrichen).  Bei jemand anders kann das evtl. genau anders herum sein: dann lenkt die kurze Variante die Aufmerksamkeit auf den Hund und die Variante mit "weil du denkst" lenkt die Aufmerksamkeit auf die Person selbst. 

Zitat
Irgendwie kommt es mir als Rechtfertigung des Ärgers vor.
In gewisser Weise ist das auch so. Ich finde es natürlich, wenn jemand unangenehme Gefühle hat weil sein Bedürfnis nach Ruhe nicht erfüllt ist. Im Idealfall möchte ich dem Gegenüber ja nicht sagen "Es ist falsch dass du ärgerlich bist." Also ja, ich sehe es als "Rechtfertigung" für das Gefühl (auch wenn eigentlich die Gedanken dahinter stecken). Und nein, ich sehe es nicht als Rechtfertigung dafür, die Verantwortung für das Bedürfnis an den Hund abzugeben.

Die Ursache des Ärgers ist ja sehr wahrscheinlich, dass die Person mit ihrem Bedürfnis nicht in Kontakt ist. Wenn die Person Gelegenheit bekommt in sich zu gehen ... und dann wirklich Kontakt zu ihrem Bedürfnis nach Ruhe hat, dann ist die Person bei sich ... und der Ärger ist sehr wahrscheinlich weg/wandelt sich durch die Empathie in ein Primärgefühl um.

Als Außenstehender kann ich die Person einladen, sich auf sich selbst zu besinnen. Eine Garantie, dass sie das wirklich tut, gibt es nicht. Wenn ich umgekehrt die Aufmerksamkeit der Person mit meinen Worten eher nach außen lenke ("Schau dir diesen Hund an. Denkst du dass ...") , dann steigt meiner Meinung nach die Wahrscheinlichkeit, dass die Person nicht mit sich nicht in Kontakt kommt und etwas denkt wie "Genau: Der ist schuld!". 

Mir fallen gerade noch zwei weitere Optionen ein um die oben genannte Einladung zu formulieren:

a) "Bist du müde?"  (Das Wort "Ärger" erst gar nicht verwenden.)
b) "Du siehst ärgerlich aus. Was denkst du gerade?"

Was meint ihr?



« Letzte Änderung: 15. Januar 2014, 17:35:44 von matameko »

Offline love_and_mind

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Re: Empathie für jemanden der ärgerlich ist.
« Antwort #7 am: 19. Januar 2014, 06:42:08 »
Hallo, das Thema interessiert mich auch. Deshalb möchte ich etwas dazu beisteuern.
Also ich würde die ärgerliche, müde, fertige,  ruhelose, oder was auch immer - Person erst mal weiter schlafen lassen, schon aus Sorge um meine eigenen Ohren   ;) ... und evtl. auch den Hund an einen sichereren Ort bringen.
Wenn ich später mit der betreffenden Person darüber reden möchte, würde ich wissen wollen wie es ihr jetzt damit geht und ihr auch mitteilen wollen, was bei mir los ist.
LG Ingrid
In dem was du sagst zeigst du dich, aber was ich höre liegt bei mir.

Offline love_and_mind

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Re: Empathie für jemanden der ärgerlich ist.
« Antwort #8 am: 19. Januar 2014, 23:00:00 »
Hallo Thomas, ich versuche mal auf deine Ausgangsfrage einzugehen:
.....versucht eine Kursteilnehmerin dann Empathie für jemanden aufzubringen der ärgerlich ist und sie sagt sowas wie "Bist du sauer, weil du mehr Verständnis brauchst" und Marshall unterbricht sie "Nein, er ist nicht sauer weil er mehr Verständnis braucht, sondern wegen dem Gedanken den er hat."
Im Allgemeinen rät doch Marshall aber immer und immer wieder nie das zu hören was ein Jackal (Wolf) sagt, sondern immer auf die Gefühle und Bedürfnisse dahinter zu hören.
Ärger nimmt bei MBR ja eine Sonderstellung ein. Er geht davon aus, dass das von uns so stark empfundene Gefühl Ärger oder Wut nur zu 10 Prozent aus einem echten Gefühl, wie z.B. Traurigkeit oder Frustration besteht. Der konfliktträchtige "Rest" soll das Ergebnis von Dingen (Urteilen, ... darf nicht, ...soll nicht, etc.) sein die in unseren Köpfen ablaufen. Gerade weil diese Art zu denken so automatisch abläuft ist es wichtig da genauer hinzuschauen wenn man Konflikte auflösen möchte.
....Marshall selbst sagt dann auch bei dem Beispiel "Also du bist wütend weil du mich als jemanden siehst der dich von etwas kostbarem abhält, und dahinter ist dein tiefes Bedürfnis nach Kontakt zu deinem Vater?"
mit dieser Formulierung würde sich der Adressat vermutlich verstanden fühlen, weil er ist ja tatsächlich erst mal wütend. Was sich wirklich hinter seinem Ärger verbirgt und wie wenig davon übrig bleibt wenn er sich darüber klar wird weiß er noch nicht. " ...weil du mich als jemanden siehst...." geht auf die Wahrnehmung des Gegenübers ein, ohne sie in Frage zu stellen und gleichzeitig nimmt MBR sich damit als bestimmte, "schuldige" Person aus der Schusslinie. Wenn er wirklich das wiedergeben, oder besser das glauben würde was die Person denkt würde sich das anders anhören und sicher auch anders ankommen.
LG Ingrid
« Letzte Änderung: 06. Februar 2014, 12:14:27 von love_and_mind »
In dem was du sagst zeigst du dich, aber was ich höre liegt bei mir.