Autor Thema: Ich bin soooo verkrampft,  (Gelesen 2113 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline Victoria

  • Newbie
  • *
  • Beiträge: 1
Ich bin soooo verkrampft,
« am: 06. Juni 2014, 09:00:28 »
Ich glaube, meine Giraffe beißt sich selbst in den Schwanz. Ich kenne jetzt die GfK ein Jahr und habe einige Kurse besucht. Ich finde die Ideen, das ganze Konzept brillant. Aber wenn ich es versuche in der Praxis anzuwenden.... da fühle ich mich so "unzureichend".  Zum einen bin ich sehr verkrampft, versuche alles "richtig" zu machen. Dadurch bin ich natürlich überhaupt nicht mehr spontan und ich denke, ich wirke damit auch ein wenig "unecht".

Außerdem bezweifel ich, ob das was ich sage wirklich gewaltfrei ist. Weil innerlich werte ich die Menschen immer noch.

Beispiel: Ich habe eine Dame in meinem Alter kennen gelernt, die ausschließlich über ihre Krankheiten spricht. Meine persönliche Wertung war, das die Krankheiten doch nicht so schlimm sind. Diese Wertung habe ich versucht beiseite zu schieben und das große ganze zu sehen.

Krankheiten und Leiden sind immer relativ. Da ist jeder Mensch anders. Jeder hat auch ein anderes Schmerzempfinden. Meine Maßstäbe sollte ich da nicht zugrunde legen.  Grundsätzlich ist da also schon Empathie.

Das Problem ist, ich sehe bei ihr nicht das Leiden. Sie spricht nicht über die Schmerzen an sich. Sondern darüber, wie sehr alle Menschen sie bewundern, das sie so gut mit ihrer Krankheit umgehen kann. Das sie dabei so extrem selbst diszipliniert, tapfer ist.  Sie erzählt immer wieder, wie gut sie ihren Alltag, alles im Griff hat.

Und hier fängt es an kompliziert zu werden. Ich denke, sie hat den Wunsch nach Anerkennung von anderen Menschen.  Und bei aller Empathie, ich kann ihr diese Anerkennung nicht geben, dafür das sie krank ist. Da werte ich wieder: Wenn ich das große und Ganze betrachte, finde ich nicht, das sie wirklich gut mit ihrem Leiden umgeht. Eher das Gegenteil. Ich würde ihr sogar zu einer Selbsthilfegruppe etc. raten um einen besseren Umgang zu finden.Weil außer Krankheit sehe ich nichts in ihrem Leben. Die Krankheit ist der Mittelpunkt ihres Lebens geworden. Für mich ist das ein sehr schlechter Umgang mit einer Erkrankung. Das ist natürlich wieder eine Wertung von mir.

Empathie vorheucheln finde ich schlecht. Werten will ich auch nicht.
Böse meine ich es auch nicht mit ihr. Ich möchte ihr auch helfen. Natürlich weiß ich, das ich nicht die Lösung für ihre Probleme habe. Da muss sie selbst drauf kommen.

Aber ich möchte ehrlich sein. Ich möchte ihr ehrlich mein Empfinden zu ihrer Situation mitteilen. Und da komme ich irgendwie nicht weiter mit der GfK. Weil natürlich eine Bewertung der Situation von meiner Seite statt findet. Sonst würde ich nicht zu dem Schluss kommen, dass es bei ihr nicht läuft.
Zumindest möchte ich ihr keine Anerkennung geben, die ich nicht empfinde.

Ich kann noch nicht einmal das Bedürfnis in mir nennen, das ihre Reden erzeugt. Ich fühle mich von ihr auch nicht "angegriffen". Aber ich will nicht lügen oder heucheln. Boah ist das schwer!!

Also: Für Ratschläge bin ich dankbar.




Offline love_and_mind

  • Ranglos glücklich
  • **
  • Beiträge: 28
Re: Ich bin soooo verkrampft,
« Antwort #1 am: 08. Juni 2014, 13:54:27 »
Hallo liebe Victoria,
ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn jemand mir "so richtig auf den Keks geht", oft paradoxerweise das Bedürfnis nach Verstehen wollen, bzw. Verbindung steht.
Du brauchst deiner Bekannten selbstverständlich keine Anerkennung geben, wenn du es nicht empfindest, das würde wohl sowieso nichts Richtiges. Willst du ja auch nicht, hier ist dir vermutlich wichtig selbst zu entscheiden wann und wofür du jemanden Anerkennung geben möchtest und nicht auf „Knopfdruck“.
Ich kann mir vorstellen, dass deine Bekannte mit „ihrer Methode“ nicht nur bei dir auf taube Ohren stößt - wer mag sich schon ständig so 'ne Art Selbstbeweihräucherung anhören? Ich schätze, dass sie damit so gut wie nie das bekommt was sie wirklich braucht… traurige Geschichte…
Ich  frage mich ob sie sich vielleicht große Sorgen darüber macht, was noch kommen könnte und es ihr unheimlich wichtig ist die Kontrolle zu behalten. Du könntest versuchen mehr zu erfahren, aber solltest  auch bereit sein zu akzeptieren, wenn sie sich nicht öffen will oder es einfach nicht kann.
Ist meine Sicht der Dinge für dich hilfreich?
Viele Grüße
Ingrid
In dem was du sagst zeigst du dich, aber was ich höre liegt bei mir.

Offline Claudia

  • Administrator
  • Hero Ranglos Glücklich
  • *****
  • Beiträge: 1018
  • Feel welcome!
    • Gewaltfrei im Norden - Forum für GfK-Freunde
Re: Ich bin soooo verkrampft,
« Antwort #2 am: 09. Juni 2014, 14:49:05 »
Liebe Victoria,

ich kann sehr gut nachfühlen, was Du beschreibst. Meine Mutter ist schwer krank und an manchen Tagen finde ich es schwierig, einfach nur empathisch bei ihr zu sein. In meinem Erleben ist es so, dass es mir immer dann schwer fällt Empathie zu geben, wenn ich selbst welche brauchen könnte. Beim Lesen Deiner Zeilen frage ich mich, ob Dir an dieser Stelle auch ein bisschen Einfühlung gut tun könnte. Ich vermute, Deine Bedürfnisse nach Selbstverantwortung und so was wie Sinnhaftigkeit sind im Mangel, wenn Du die Worte der kranken Frau hörst. Krankheit als Sinn - das schmerzt, oder?



Von Herzen


Claudia
Unsere neuen oder erneuerten Beziehungen sind durchweg in Augenhöhe