Autor Thema: Schließen sich Angst vor Gewalt und "Gewaltfrei Kommunikation" nicht aus?  (Gelesen 20984 mal)

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Offline Michael

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Liebe GfK-Begeisterte und auch GfK-Skeptiker!

Nachdem Claudia bereits eine große Übersicht von kritischen Fragen zur "Gewaltfreien Kommunikation" (GfK) aus "Wikipedia" hier unter dem Thema "Kritik an der Gewaltfreien Kommunikation" veröffentlicht hat und ich zur Kritik an der Zertifizierung in einem anderen Unterforum ebenfalls kritische Anmerkung machte, interessiert mich jetzt aufgrund einschlägiger Erfahrungen und Nachdenken darüber eher eine grundsätzliche Frage zur "Gewaltfreien Kommunikation": Kann ich gewaltfrei kommunizieren, wenn ich gleichzeitig voller Angst vor Gewalt bin? Um es vorweg zu nehmen: Meine persönliche Antwort ist: Nein!

Diese Frage untersuchte ich für mich anhand mehrerer Konflikte in einer Ausbildungsgruppe, in der sich die Trainerin entschieden hatte, einigen TeilnehmerInnen keine Empathie zu geben und auch nicht entgegenzunehmen, obwohl sie sich bemühte, die Konflikte teilweise in abgetrennten Sitzungen nach der GfK-Methode bzw. im GfK-Stil zu behandeln. Da dies auch nicht zeitlich unmittelbar im Konflikt selbst, an dessen Entstehung, geschah, so mein Eindruck, setzten sich immer neue Konflikte darauf und häuften sich Unzufriedenheiten vieler Kursteilnehmer an. Die Nachbearbeitung dieser Konflikte dauerte mit Hilfde anderer hinzugeholter GfK--Trainer bis zum nächsten Ausbildungstermin sechs Wochen später am vergangenen Wochenende an. Ob sie gelöst werden konnten, weiß ich nicht, da ich die Ausbildungsgruppe vorher freiwillig verlassen habe. Worum ging es dabei? Ich beschränke mich, da ich die Vorgänge schon einmal ausführlich beschrieben habe, auf das m. E. wesentliche Moment für die Untersuchung meiner Frage:

Ein Mitglied der Ausbildungsgruppe ließ sich zweimal zu einer lauten Unmutsäußerung hinreißen, einmal ein vorwurfsvoller Satz, einmal eher ein "Schrei", zwar ohne direkt beleidigenden Inhalt, aber offenbar für Einige ungebührlich laut und durch einen ärgerlichen Unterton wohl beängstigend wirkend. Diese Beängstigung scheint für die Trainerin ein gewichtiges Moment gehabt zu haben, denn nachdem dieses Mitglied, das sich zuvor schon entsprechend dem Trainerinnenvorschlag bei anderen Gruppenmitgliedern Empathie geholt hatte, die aber nicht ausreichte, den zweiten Verzweiflungsschrei zu unterdrücken - nebenbei, ist denn "Unterdrückung" von Verzweiflungsschreien oder sogar Wolfssprache gewaltfrei? - den Raum verlassen hatte, um "abzulüften", schloss die Trainerin die Türen ab und schickte dem Betreffenden nach ein paar Tagen per E-Mail eine Kündigung mit der Notwendigkeit von Schutz (für Einige vor diesem Mitglied) als formaler Begründung. 

Ich war von dieser Vorgehensweise schockiert, sowohl, was das Konfliktmanagement "nach GfK-Methode" ohne, so kam es mir vor, gelebte GfK betraf, als auch was das Abschließen, Ausschließen (per E-Mail) und die fehlende GfK-Übersetzung an Ort und Stelle zum Zeitpunkt der Äußerungen betraf. Es war für mich auch hinterher z.B. in mehreren E-Mails zwischen KursteilnehmerInnen und Leiterin nicht mehr klärbar, von welchem (theoretischen) GfK-Standpunkt die Trainerin aus vorging. Mein Eindruck war am Ende: Totalblockade wegen Angst vor innerer wie äußerer Gewalt. Was dann im Text - gesprochen wie geschrieben - so formal "gewaltlos" daher kam, hatte für mich in seiner Wirkung, in seiner Unverbundenheit und in der Art der Inszenierung (hinterher per E-Mail) einen äußerst gewaltsamen Charakter. Gleichzeitig konnte ich einen bedrohlichen Gewaltcharakter der Äußerungen des ausgeschlossenen Mitglieds nicht erkennen, obwohl ich mir auch "passendere", "harmonischere" Formen eines "Schreis nach Empathie" gewünscht hätte. Ich dachte mir, wenn das Gewalt sein soll, vor der man sich fürchten und schützen muss, was mache ich dann in meinem psychiatrischen und gesellschaftlichen Alltag und was mache ich eigentlich in diesem Kurs? Nach der ersten Verwunderung empfand ich den "Schrei" sogar als aufweckend und belebend, die Sinne schärfend.

Nicht so offensichtlich die Trainerin und einige Andere, die aber abermals von der Leitung nicht übersetzt wurden, während die Übersetzungsversuche von einigen Wenigen wenig Gehör fanden - so schien es mir. So war ich zum Schluss auf die Vermutung angewiesen, dass eine ungeheure irrationale Angst vor Gewalt sowohl im Inneren wie im Äußeren diese Gewaltanwendung im Gewande der GfK-Technik, die durch die Leiterin als schützende Gewalt gerechtfertigt wurde, hervorgerufen hat und dass es möglicherweise aufgrund dieser tiefen Ängste ein Lebensanliegen der Lehrperson gewesen sein könnte, "Gewaltfreie Kommunikation" zu lernen und zu lehren und dafür dann auch das Zertifikat zu erhalten, sozusagen zur "eigenen Sicherheit". Aber kann die Rechnung aufgehen? Ich selbst habe in der Folge schwere Zweifel bekommen und war vor dem Hintergrund meiner Anwendungsbedürfnisse für GfK sehr irritiert: In meinem Kontext der Jugendpsychiatrie und Familientherapie würde ich mir nämlich wünschen, dass GfK auch innerhalb schwerster Konflikte in Familien und bei psychischen Erkrankungen "funktioniert" und tatsächlich habe ich damit schon Erfolge gehabt. Es schien mir unmöglich, mit einer Prämisse in der systemischen Therapie mit der Haltung der Allparteilichkeit zu arbeiten, wenn GfK bedeuten könnte, dass ich einem willkürlich nicht mehr empathisch zuhöre, ihn nicht mehr in "Giraffensprache" übersetze oder ihn aus der Therapie oder Familie ausschließe.   

Zunächst einmal gelang es mir, die Zweifel, die in mir immer stärker aufstiegen, auf diesen Kurs und diese Leiterin und die offenbar nicht fehlerfreie und inzwischen durch ein Moratorium gestoppte Zertifizierungsprozedur einzugrenzen. Ich habe erkannt, dass ich mich mit der betreffenden Person weder im "GfK-Stil" vor der ganzen Gruppe würde unterhalten können, weil das zurückgewiesen wurde, noch dass eine Klärung auf der Metaebene der Theoriebildung von der besagten Person angenommen wird und habe die Konsequenz gezogen, mich freiwillig (im Gegensatz zum geschassten Mitglied) aus dem Kurs abzumelden und zu erklären, dass die Ausbildungsleiterin nicht mehr die Trainerin meines Vertrauens sein kann, weil ich ihr nicht zutraue, GfK da zu praktizieren, wo es Anlass für Angst gibt und ich mit ihr darüber nicht in einen empathischen Austausch kommen kann. Da ich hörte, dass eine GfK-Trainerin in ihrer Gruppe trotz anfänglichen Irritationen von Anderen sogar einen Autisten mit zum Teil unartikulierten Schreien nicht nur duldete, sondern so empathisch integrierte, dass dies für alle Gruppenmitglieder zu einem Gewinn und einem schönen Erlebnis wurde, hatte ich Hoffnung, dass "Gewaltfreier Kommunikation" nicht an sich das Problem darstellt, sondern die Motive der AnwenderInnen und LehrerInnen.

Inzwischen bin ich mir aber nicht mehr sicher, trotz praktischer Erfolge in meinem Therapiekontext, dass GfK überhaupt mein zukünftiger Weg sein soll. Und das hat mit meinen Grundfragen zu tun, die mir dank meiner Erlebnisse in der Ausbildungsgruppe durch viele Auseinanderzetzungsprozesse immer deutlicher geworden sind: Kann es überhaupt ein erfolgversprechender Weg innerhalb unserer Dualität sein, "Gewalt" durch "Gewaltlosigkeit" - und sei es in Form "Gewaltfreier Kommunikation" - überwinden zu wollen, oder muss die darin steckende Angst vor (und Bewertung von) Gewalt nicht immer letztlich zum Scheitern führen? Kann man "empathisch" sein, wenn man dem einen gegenüber "empathisch tut" und dem anderen nicht? Ist es wieder die Angst, die unsere Empathiehaltung bestimmt? Bin ich dann überhaupt mit mir und meiner Angst empathisch? Eigentlich sind das schon Erkenntnisse aus meiner Therapieausbildung: Wo Angst in mir ist, zumal, wenn ich sie nicht sehe oder sehen "will", gibt es einen Mangel an Empathie auch oder gerade für mich und wenn das so ist und ich Angst vor Gewalt habe, kann ich nicht gewaltfrei kommunizieren, denn mein Handeln und Sprechen bringt immer nur unentwegt diese Angst und die verschiedenen Opfer- und Täterseiten von Gewalt hervor: Ein ewiger Kreislauf.

Das erklärt für mich auch, dass über dreißig Jahre Verfeinerung von Technik und auch Haltung als GfK-Lehrer keine Garantie dafür sind, dass ein Mensch "gewaltlos" wird. Was ich über Marshall Rosenberg aus seiner privaten Umgebung hörte, zeigt mir, dass es offenbar zu den unüberwindlichsten Herausforderungen auch für GfK-Praktizierende und sogar GfK-Lehrende  gehört, in den verstrickten eigenen Familienbeziehungen gewaltfrei zu kommunizieren. Und selbst, wenn das ab und zu möglich ist, wird man dadurch nicht im Grunde seines Herzens frei von Angst und Gewalt, trotz der schönen GfK-Erfolge im Einzelnen. Das macht mich ziemlich hoffnungslos, obwohl ich einem "IIT" mit dem Meister selbst noch mal eine Chance geben möchte, mich zu begeistern oder zu überzeugen, denn Marshall Rosenberg ist in seinen Büchern und Lehr-Videos wirklich sehr eindrucksvoll. Meine Frau ist auch schon sehr skeptisch und macht mir wenig Mut. Vielleicht liegt es auch nur an mir und meinem "Zweifel- und Resistenzgen"? Aber möglicherweise haben die Mitglieder dieses Forums ganz andere Erfahrungen und Einsichten und können mich "beruhigen"?

LG, Michael
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Offline Claudia

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Lieber MIchael,



wie Du weißt, bin ich erst ganz am Anfang meiner GfK-"Laufbahn" und finde es ganz schwierig, auf Deine Worte eine angemessene Antwort zu finden, eine die MICH zufriedenstellt.


Ich lese aus Deinen  Zeilen Schmerz, Ent-täuschung, Traurigkeit, Erschöpfung, Wut und Resignation. Vielleicht magst Du mir erst einmal zurückmelden, ob das wirklich die Gefühle sind, die zur Zeit in Dir lebendig sind <oder ob das nur meine Fantasien/Interpretationen sind> und ob ich damit auch alle Facetten dessen erkannt habe, was zur Zeit in Dir lebendig ist...


Ich würde gern hören, mit welchen Hoffnungen Du an die GfK gekommen bist. Ich vermute, Du hast auf Entlastung gehofft, auf einen Weg, Deine schwere Arbeit mit neuen Impulsen tun zu können, vielleicht etwas zu finden, wie Du Dinge versöhnen kannst, die Dir an manchen Tagen so unversöhnlich erscheinen. Auch diese Überlegungen sind eine "Fantasie" von mir, ich vermute, dass das so grob Deine Bedürfnisse waren, als Du Dich zu diesem Kurs angemeldet hast. Ist das so richtig?


Ich möchte Dir einen ganz lieben und herzlichen Gruß schicken.

Claudia
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Offline Michael

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Lieber MIchael,



wie Du weißt, bin ich erst ganz am Anfang meiner GfK-"Laufbahn" und finde es ganz schwierig, auf Deine Worte eine angemessene Antwort zu finden, eine die MICH zufriedenstellt.

Liebe Claudia,

in gewisser Weise fühle ich mich hier mit Dir verbunden, weil es mir ähnlich geht. Ich habe auf meine "letzten GfK-Fragen" noch keine mich befriedgenden und somit abschließenden Antworten gefunden und bin noch etwas neugierig.

Ich lese aus Deinen  Zeilen Schmerz, Ent-täuschung, Traurigkeit, Erschöpfung, Wut und Resignation. Vielleicht magst Du mir erst einmal zurückmelden, ob das wirklich die Gefühle sind, die zur Zeit in Dir lebendig sind <oder ob das nur meine Fantasien/Interpretationen sind> und ob ich damit auch alle Facetten dessen erkannt habe, was zur Zeit in Dir lebendig ist...

Ich glaube, dass ich die meisten von Dir genannten Gefühle schon andernorts bzw. in einem vorhergehenden Stadium ausgedrückt habe. Lebendig sind vielleicht noch einige traurige und schmerzlichen Aspekte der Enttäuschung, wobei ich mich Frage, ob Enttäuschung nicht ähnlich wie Scham mehr Gedanken als Gefühle sind. Geblieben ist eine gewisse Verwirrung und Ratlosigkeit und ein Mißtrauen in Bezug auf den/einen richtigen Weg und auch in Bezug auf meine persönliche Eignung. Ich glaube bereits zu wissen, dass der Weg, wie ich ihn in der Ausbildung kennen gelernt habe, nicht der Richtige für mich ist und auch die Ausbilderin aus den benannten Gründen nicht die Richtige für mich ist. Dieser Teil der Enttäuschung ist für mich auch befreiend und erleichternd. Es treibt mich die Ahnung um oder die Befürchtung, dass möglicherweise GfK nicht die Lösung für meine Fragen im Umgang mit Gewalt ist. Dieser Teil ist für mich noch etwas beunruhigend. Vielleicht wäre ich ruhiger, wenn ich die Hoffnung, hier bisher noch etwas Wichtiges verpasst zu haben, das ich aber noch lernen könnte, auch noch verlöre. Vielleicht noch ein Schmerz und noch eine Traurigkeit und dann ist es gut?

Ich würde gern hören, mit welchen Hoffnungen Du an die GfK gekommen bist. Ich vermute, Du hast auf Entlastung gehofft, auf einen Weg, Deine schwere Arbeit mit neuen Impulsen tun zu können, vielleicht etwas zu finden, wie Du Dinge versöhnen kannst, die Dir an manchen Tagen so unversöhnlich erscheinen. Auch diese Überlegungen sind eine "Fantasie" von mir, ich vermute, dass das so grob Deine Bedürfnisse waren, als Du Dich zu diesem Kurs angemeldet hast. Ist das so richtig?

Ich möchte Dir einen ganz lieben und herzlichen Gruß schicken.

Claudia

Ich teile mit Marshall Rosenberg, soweit ich ihn verstanden habe, die Ansicht, dass Gewalt ein tragischer Ausdruck einer letztlich wenig aussichtsreichen Strategie ist, Bedürfnisse zu befriedigen. Sie scheint besonders dann angewendet zu werden, wenn das Bedürfnis nach Verbindung keine Erfüllung findet und man sie nach innen oder zum anderen erzwingen möchte. Die Beschäftigung mit der GfK war mit der Hoffnung verbunden, Gewaltentstehung und -überwindung auf eine praktisch durchführbare, kommunikative Weise besser verstehen zu können. In meinem Beruf möchte ich dazu beitragen, dass Gefühle und Bedürfnisse noch klarer und deutlicher gesehen und gespürt und ausgedrückt werden können und über sie eine Verbindung nach innen und außen möglich wird. Dazu ist es wichtig, dass ich mich selbst empathisch erforsche. Das wollte ich nicht nur theoretisch wissen, sondern erfahren und üben. Im Beruf gelingt es mir scheinbar besser, besonders heikle und schwierige Aufgaben zu bewältigen, als im privaten Bereich (wo es vielleicht nicht so krass, aber doch manches Mal verhärtet ist) oder als es den TeilnehmerInnen und der Leiterin im Kurs gelang.

Vielleicht habe ich im professionellen Kontext viel weniger Angst und bin inzwischen meist in einer so sicheren Position, dass ich die mögliche Macht kaum noch ausspielen muss und die Gefahr der Gewaltanwendung dadurch relativ gering ist, indem ich mich auf eine kooperative empathische Ebene begeben kann. Im Privaten bin ich vermutlich ganz anders betroffen, weniger gut ausgebildet und daher verletzlicher, ohnmächtiger. Darum tue ich mir hier mehr Gewalt an, in dem ich mich bloß beherrsche oder ich tue anderen Gewalt an, indem ich schimpfe, herumschreie oder mich schützend zurückziehe. Daher ist es mein Wunsch gewesen, beides noch besser zu lernen. Mich und meine Gewaltfragen besser zu verstehen, um weniger Schutz zu benötigen und mehr Mut zu haben, z.B. Schmerz zuzulassen und in unserer extrem gewaltsamen (für meine Begriffe) "Normalgesellschaft" und Psychiatrie auch professionell noch besser und authentischer zur Entkrampfung beizutragen.

Dabei ist es mir wichtig, nach den beschriebenen Erfahrungen zu erforschen, ob mir und der GfK-Idee nicht einige "Denkfehler" unterlaufen sind.  Ein Gedanke ist z.B. der: Ich benötige die GfK beruflich in Kontexten, in denen ich mit großer Verhärtung und heftiger Gewalt sowie entsprechenden Ängsten konfrontiert bin. Es muss sich aber offensichtlich um eine andere GfK handeln, als die, die ich bislang im Ausbildungszusammenhang zu üben angeleitet wurde, eine die Marshall Rosenberg sogar in Großkonflikten erfolgreich angewendet haben will. Und wenn mich diese Gewalt in die Verbiegung treibt, obwohl ich GfK-Methodik anwende, wird es vielleicht eher schlimmer, als wenn ich als autentischer "professioneller Wolf" (Rosenbergs Selbstbezeichnung als klinischer Psychologe vor seiner GfK-Entdeckung)  weiter agiere, wie bisher. Es wäre doch perfide, die Gewaltanwendung aufgrund unerkannter Ängste als "gewaltfreie Kommunikation" zu deklarieren.

Daher bin ich über meine Kurserfahrung auch so ratlos. Ich könnte auf der Ebene des (Be-) Urteilens vermuten: Die Trainerin hat versagt. Ich könnte vermuten: ich habe versagt oder eben wir beide. Ich hätte ja dabei bleiben, mich weiter um Klärung - notfalls bilateral - bemühen und mit dem bisherigen Mißerfolg klar kommen und weiter gute Miene zu dem Spiel machen können. Ich könnte vermuten: Die GfK selbst hat, so zumindest wie ich ihre Anwendung erlebt habe, einen Denkfehler und dadurch versagt. Ich könnte vermuten, nachdem, was ich über den privaten Marshall Rosenberg im Kontrast zu dem vorbildlichen Lehrer gehört habe, dass selbst dreißig Jahre Erfahrung in GfK eben kein Garant sind, die GfK-Methode so in eine GfK-Haltung zu verwandeln, dass man annähernd gewaltlos würde, was vielleicht eine stille Hoffnung in mir gewesen ist. Vielleicht klärt sich das durch Rückmeldungen der Erfahrungen anderer GfK-Übender für mich noch deutlicher auf. Vielleicht kann auch ich damit zu Klärungen beitragen, falls andere ähnliche Fragen bewegen. Eine zentrale Frage für mich lautet: Kann ich gewaltfrei kommunizieren, wenn ich gleichzeitig voller Angst vor Gewalt bin?  Wie sehen die Anderen das?

Liebe Grüße, Michael
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Offline Claudia

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Lieber Michael,


ganz herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort. Ich kann Dich jetzt viel besser verstehen.

Hm.

Ich glaube aber, ich kann keine Deiner Fragen beantworten. Wenn es echt 30 Jahre dauert, bis man das einigermaßen hinkriegt, dann hab ich ein Problem... so alt werde ich vielleicht gar nicht mehr...



Lohnt es sich dann überhaupt noch, damit anzufangen?



Ich vermute, ich werde immer mal wieder auf Dein Posting zurückkommen und mir einen Knochen rausziehen, um drauf herumzunagen... Du weißt ja, wo ich meine spirituelle Heimat sehe. Dort heißt es: Wir teilen Erfahrung, Kraft und Hoffnung. Das ist das einzige, was ich Dir in dieser Situation anbieten kann. Ich möchte Dir sagen, dass ich Dich in Deinem Schmerz und Deinem Frust sehe und dass das mein Herz sehr berührt.


Ich möchte vielleicht zunächst etwas über GfK in meinem Privatleben sagen.

Ich habe mich selbst immer als konfliktscheu erfahren. Mit mal lautem, mal unhörbaren Murren habe ich Dinge (mit-)gemacht, die ich nicht wollte, die gegen meine ureigensten Interessen verstießen. ich habe das auch aus einem - ich sag mal, kaufmännischen Verständnis von Beziehung getan... wenn ich all dies für Dich tue, zu all dem gute Miene mache, Dich einlade, zustimme, obwohl alles in mir nein schreit, dann musst Du mich doch lieb haben... dann darfst Du mich doch nicht verlassen...


Ich sags mal krass: Diese Haltung hat mir zwei gescheiterte Ehen eingetragen.

Denn die Konfliktscheu war nur eine Seite der Medaille. Ohne dass ich es wusste, war ich auch manipulativ, um den anderen mit Schmeicheleien, Bestechungen, "das Maul stopfen" dazu zu bringen, dass er das macht, was ich mir gewünscht habe.


Meine heutige Vorstellung von Aufrichtigkeit ist das nicht.

Durch meine Arbeit in den vergangenen Jahren hat sich da ein ganz anderes Verständnis für mich und für mein Verhalten eingestellt. Doch nun hatte ich ein Problem: Für jemanden, der so viele Probleme mit Grenzen hat wie ich ist es superschwer, Konflikte zu führen, auszutragen, NEIN zu sagen, Dinge auszuhandeln. Ich habe das nie gelernt. Jedenfalls nicht im zwischenmenschlichen Bereich. Und nun habe ich vor fast zwei Jahren den ersten Kontakt mit der GfK gehabt. Vom ersten Moment an hat mich das fasziniert. Nach dem Lesen des ersten Buches dachte ich, kein Problem... kann ich! Hm.


Jetzt bin ich seit 9 Monaten (sic!) in einer Trainerausbildung. Für mich selbst ist das Ziel "Trainer" ungefähr so weit weg wie - Beteigeuze.
<Beteigeuze [ˌbetaɪˈɡɔɪtsə], auch α Orionis genannt, Synonyme: Betelguex; Betelgeuze; Beteiguex; Betelgeuse; Al Mankib (المنكب‎), ist ein Stern im Sternbild Orion. Er wird auch der Schulterstern des Orion genannt.>.
Und mich nach Abschluß des nächsten Moduls Trainer zu nennen liegt mir genau so fern wie im Oktober meine erste Herztransplantation durchführen zu wollen. Ich hatte ziemlich große Hoffnungen, es nach Abschluss des Kurses wirklich gut zu können, diese GfK, und diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Ich werde im August nach Findhorn fahren und dort eine Woche Intensivseminar machen, und fürs nächste Jahr würde ich gern ein IIT machen... wer weiß, wie lange Rosenberg noch lebt. das einzige, was ich nach all dieser Zeit weiß, ist dass ich nichts weiß. Aber das ist mir lieber als mein Kenntnisstand vor einem Jahr, als ich dachte, ich wisse alles...


Einer der Trainer, die ich am letzten Wochenende kennen gelernt habe, macht das Ganze seit zehn Jahren. Ich habe ihm zugesehen, wie er ein Konfliktgespräch moderiert hat, und ich war beglückt. Es mag sich kitschig anhören, aber es war für mich eine Offenbarung, wie ein Mensch zur Befriedung einer schwierigen Situation einen Beitrag leisten kann.  Das heißt nicht, dass es klappt, das heißt nicht, dass die Konfikt"parteien" mit dem Ergebnis zufrieden sind, nichts dergleichen. Es heißt einfach nur, dass ich wieder Hoffnung in meinem Leben habe. Und DAS tut mir ehrlich gesagt sehr gut.



Ich schick Dir eine Umarmung!


Claudia
« Letzte Änderung: 07. Juli 2008, 20:23:48 von Claudia »
Unsere neuen oder erneuerten Beziehungen sind durchweg in Augenhöhe

Offline Tilaka

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Hallo lieber Michael,
 
mit großem Interesse und mit aller mir möglicher Aufmerksamkeit habe ich deinen Einstiegs- beitrag mehrmals gelesen. Er bringt mich deinen eigenen Gefühlen & Bedürfnissen sehr nahe, und es macht mir persönlich sehr deutlich deine eigene Zerrissenheit klar. Vielen Dank für deine Offenheit. Ich denke, nur so ist eine Klärung möglich. Bitte berichtige mich in diesen meinigen eben gemachten und vlt. auch folgenden Interpretationen. Ich bin noch recht ungeübt im üblichen GFK-Jargon. Drum rede ich jetzt mal so, wie ich kann und hoffe, du trägst es mir nicht nach.
 
Nach meinem Kenntnisstand ist bei dem durch dich beschriebenen Ausschluß-Verfahren in einer GFK-Runde von der sogen. *beschützenden Macht* die Rede. Das ist nach meinem Verständnis jedoch das allerletzte Mittel. Und dieses erfolgt auch eigentlich erst, "wenn von zwei streitenden Parteien jede die Gelegenheit hatte, VOLLSTÄNDIG auszudrücken, was sie beobachtet, fühlt, braucht und erbittet, und jede der anderen Seite Empathie gegeben hat." Im Anschluß daran "... können BEIDE IM GEGENSEITIGEN EINVERNEHMEN zustimmen, daß sie sich nicht einigen können." Soweit zumindest Marshall Rosenberg in "GFK- Eine Sprache des  Lebens". - Das Ganze scheint ja doch eine recht krasse Situation gewesen zu sein.  Und eigentlich hört es sich in der von dir beschriebenen Situation gar nicht danach an. 
 
Ich persönlich glaube, daß es soetwas wie ein *allgemein-gültiges* Endziel in der Gewaltlosigkeit nicht geben wird. Unser Prozeß dahingehend ist und bleibt - solange wir hier sind - eine stetige Wanderung und immer auch eine Gradwanderung. Vielleicht sollten wir vorerst in einigen Punkten unsere Begrifflichkeiten etwas abgleichen, um zu einem gesunden Austausch zu gelangen.
 
Grundsätzlich sehe ich Angst als Symptom für Unwissenheit. Es fehlt das Wissen zum Umgang mit dem oder den beängstigenden Unbekannten. Angst hat für mich sehr viel mit Enge zu tun. In einem somit beängstigenden Zustand ist unsere Sicht von den unbekannten Dingen und spekulierten Folgen (Interpretationen) selbst verbaut bzw. das Ausmaß des Bewußtseins in einem nur sehr begrenzten Spielraum (Rahmen) möglich. Dies gilt es vorerst zu überwinden, da gebe ich dir vollkommen Recht.
   Dennoch gibt es ja sogen. Stufungen der Angst. Wenn wir uns anschauen, was die Angst im direkten Moment mit unserem Körper tut, können wir auch etwas besser verstehen, was es soll. Alle Sinne sind auf das Objekt der Beängstigung gerichtet. Unsere Augen und Ohren sind hellwach. So möchte dies unsere ganze Aufmerksamkeit abverlangen. Wenn es jedoch zuviel wird, machen wir dicht, wie man auch sagt. Das ist die bereits beschriebene Enge. Auch dies soll uns ja nur vor weiteren Schäden schützen. Genau wie es Stufungen in der Angst gibt, sind diese ja auch auf die Gefahrenstärken zurück zu führen. Und dennoch ist und bleibt es selbst bei einer sehr kontreten Bedrohung alles relativ und immer individuell.
   Ich war eine ganze Zeit lang als Klettertrainer tätig. Und da hatte ich immer wieder mal mit Leuten zu tun, die mit allem Möglichen und insbes. mit Höhenangst zu kämpfen hatten. Das beste Training dafür war das Klettern selbst, da es den Handlungsspielraum (Handlungsebene) auf das direkte Umfeld (Fokus) beschränkte und ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration abverlangte. Man sollte dabei vielleicht noch erwähnen, daß bei den wenigsten die Höhenangst  eine krankhafte Veränderung darstellt. Im Gegenteil ist es ein völlig normaler Reflex. Denn wenn wir von der Höhe hinunter blicken, können wir nicht mehr das Gleichgewicht halten, da der Horizon dazu fehlt. Und dies ist das eigentliche Problem dabei.
   Warum erzähle ich das. Eigentlich hab ich es auch damit schon gesagt. Es hat etwas mit dem Gleichgewicht der eigenen inneren Kräfte und Ressourcen zu tun. Es ist wie beim Autofahren, könnte man auch sagen. Wenn der Motor aufheult, müssen wir hochschalten. Wenn er im Gegenzug dazu abzusaufen droht, müssen wir runterschalten. Und wenn es nicht mehr weiter geht, müssen wir entweder mal wieder auftanken, Kühlwasser nachfüllen oder die Technik (Mechanik, Elektrik ect.) überprüfen oder einfach mal *ne mehr oder weniger lange Ruhepause einlegen.
   Und wer da sagt, daß das von Anfang an alles ganz leicht und einfach wäre, der lügt sicher. Ab und zu  - egal wie weit noch entfernt - müssen wir auch mal zurück schauen, was für ein gutes Stück Weg wir bereits voran gekommen sind.
 
Kannst du nachvollziehen - Michael, was ich meine? Sicher sogar. Und das hast du dir vielleicht auch bereits so oft schon selber gesagt. Unsere Geduld mit Unzulänglichkeiten anderer und auch unserer eigenen ist der erste Schritt der Reife, würde ich einfach mal behaupten. Erschwerend kommt vielleicht hinzu, daß hier in unserer *crasy* Welt Geduld nicht gerade eine gut geübte Tugend ist.
 
Also kleiner Trost vielleicht noch abschließend:
Wir alle (sicher auch einzelnen Trainer und andere Psychologen, Pädagogen etc.) wollen GFK ja erst gerade erlernen, weil wir (und sie) da Defizite haben. Es ist - denke ich mal - müßig, dabei zu jemandem, der bereits nun unter der ReinigungsDusche der eigenen Unvollkommenheiten (Läuterung der inneren Haltung) steht, zu sagen: "menno, bist du aber noch dreckig!!!" Und wenns an die eigene Substanz, dh. um unsere ur-eigenen, persönlichen und individuellen Aufgaben geht, da kommt dann eben alles raus und der ganze Dreck muß ab und weg. Und wer irgendwann mal gesagt hat, ich will das angehen, da ist zwar immer *pausieren* möglich, doch verstecken bzw. verdrängen nicht mehr wirklich drin. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum uns die Unzulänglichkeiten bei diesen Leuten (oder ähnlichen, welche sich etwas weiter vor wagen,) so besonders auffallen.
 
Das ist vielleicht nicht gerade alles GFK-Philosophie. Doch das war es vorerst von meiner Seite, was ich dir *hier&jetzt* dazu auf die Schnelle sagen wollte. Sehr gerne tausche ich mich mit dir auch privat aus :)

 
Alles Liebe
Stevie 
 
 

 
« Letzte Änderung: 07. Juli 2008, 22:21:47 von Tilaka »
"It`s simple but not easy"

Offline Michael

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Lieber Michael,


ganz herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort. Ich kann Dich jetzt viel besser verstehen.

Hm.

Ich glaube aber, ich kann keine Deiner Fragen beantworten. Wenn es echt 30 Jahre dauert, bis man das einigermaßen hinkriegt, dann hab ich ein Problem... so alt werde ich vielleicht gar nicht mehr...



Lohnt es sich dann überhaupt noch, damit anzufangen?

In Deiner Bemerkung steckt auch eine gute Portion Humor, nicht wahr :D? Ich fand sie jedenfalls köstlich in dem Sinne: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst... Vergleichst Du Dich mit "Altmeister" Rosenberg, so hast Du trotz Deines späten GfK-Lernbeginns den Vorteil, dass einige Forschungsarbeit schon erledigt ist und die kulturelle und biologische Lebenszeiterwartung die Frauen bei uns aktuell im Vorteil sieht. Die dreißig Jahre hast Du also bestimmt - wenn Du sie willst und benötigst ;)... Da Frauen derzeit ebenfalls kulturell - ich glaube nicht biologisch - in Gefühlsdingen Schnellmerkerinnen sind, wenn man sie mit den meisten Männern z.B. meines Schlages vergleicht, hast Du einen weiteren Wachstumsvorteil auf Deiner Seite ;)!

Ich vermute, ich werde immer mal wieder auf Dein Posting zurückkommen und mir einen Knochen rausziehen, um drauf herumzunagen... Du weißt ja, wo ich meine spirituelle Heimat sehe. Dort heißt es: Wir teilen Erfahrung, Kraft und Hoffnung. Das ist das einzige, was ich Dir in dieser Situation anbieten kann. Ich möchte Dir sagen, dass ich Dich in Deinem Schmerz und Deinem Frust sehe und dass das mein Herz sehr berührt.

Danke. Ich versuche mir gerde vorzustellen, wie Du liebevoll an meinem Seelenknochen herumnagst... Hm, ein wahrhaft schamanische Erlebnis deutet sich mit einer leichten Gänsehaut an ;)...

Ich möchte vielleicht zunächst etwas über GfK in meinem Privatleben sagen.

Ich habe mich selbst immer als konfliktscheu erfahren. Mit mal lautem, mal unhörbaren Murren habe ich Dinge (mit-)gemacht, die ich nicht wollte, die gegen meine ureigensten Interessen verstießen. ich habe das auch aus einem - ich sag mal, kaufmännischen Verständnis von Beziehung getan... wenn ich all dies für Dich tue, zu all dem gute Miene mache, Dich einlade, zustimme, obwohl alles in mir nein schreit, dann musst Du mich doch lieb haben... dann darfst Du mich doch nicht verlassen...


Ich sags mal krass: Diese Haltung hat mir zwei gescheiterte Ehen eingetragen.

Denn die Konfliktscheu war nur eine Seite der Medaille. Ohne dass ich es wusste, war ich auch manipulativ, um den anderen mit Schmeicheleien, Bestechungen, "das Maul stopfen" dazu zu bringen, dass er das macht, was ich mir gewünscht habe.


Meine heutige Vorstellung von Aufrichtigkeit ist das nicht.

Danke für Deine Erfahrungen. Ich kann Dir zustimmen und denke, dass viele von uns in der einen oder anderen Weise ähnliche Erfahrungen in ihren Verstrickungen mit eigenen Bedürfnissen und denen der Anderen, so genannten Nahestehenden oder Verwandten machen oder machten. Ich kann jedenfalls für mich sagen, dass ich in meinem Leben öfter von Kindheit an in diese Rolle eines "mißbrauchenden Mißbrauchers" mit diesen ganzen Liebeshändeleien gekommen bin, wenn auch vielleicht auf subtile, asexuelle Art, was aber nicht unbedingt harmloser ist. Das alte Spiel, wenn die liebevolle Begeisterung für das "Liebesobjekt" vorbei ist, in der man glücküberströhmt alles gibt, teilt und mehr als genug zurück erhält. Wenn es das in einer Beziehung z.B. auch zwischen Eltern und Kindern jemals annähernd und aufrichtig gegeben hat, so schleicht sich doch irgendwann, jedenfalls soweit ich das auch selbst beobachten konnte, ein "Ich gebe Dir wenn Du mir gibst" ein und später auf einer noch mühsameren Stufe ein "wenn Du mir nichts gibst, gebe ich Dir auch nichts" ein. Bei Partnerschaften habe ich das dann etwas deutlicher gesehen. Es ist nur eine Fortsetzung des Kindserspiels und ich frage mich am Ende, das ein neuer Anfang sein könnte: Wer bin ich?

Durch meine Arbeit in den vergangenen Jahren hat sich da ein ganz anderes Verständnis für mich und für mein Verhalten eingestellt. Doch nun hatte ich ein Problem: Für jemanden, der so viele Probleme mit Grenzen hat wie ich ist es superschwer, Konflikte zu führen, auszutragen, NEIN zu sagen, Dinge auszuhandeln. Ich habe das nie gelernt. Jedenfalls nicht im zwischenmenschlichen Bereich. Und nun habe ich vor fast zwei Jahren den ersten Kontakt mit der GfK gehabt. Vom ersten Moment an hat mich das fasziniert. Nach dem Lesen des ersten Buches dachte ich, kein Problem... kann ich! Hm.

Die Faszination hatte ich auch. Ich kann das gut nachvollziehen.

Jetzt bin ich seit 9 Monaten (sic!) in einer Trainerausbildung. Für mich selbst ist das Ziel "Trainer" ungefähr so weit weg wie - Beteigeuze.
<Beteigeuze [ˌbetaɪˈɡɔɪtsə], auch α Orionis genannt, Synonyme: Betelguex; Betelgeuze; Beteiguex; Betelgeuse; Al Mankib (المنكب‎), ist ein Stern im Sternbild Orion. Er wird auch der Schulterstern des Orion genannt.>.
Und mich nach Abschluß des nächsten Moduls Trainer zu nennen liegt mir genau so fern wie im Oktober meine erste Herztransplantation durchführen zu wollen. Ich hatte ziemlich große Hoffnungen, es nach Abschluss des Kurses wirklich gut zu können, diese GfK, und diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Ich werde im August nach Findhorn fahren und dort eine Woche Intensivseminar machen, und fürs nächste Jahr würde ich gern ein IIT machen... wer weiß, wie lange Rosenberg noch lebt. das einzige, was ich nach all dieser Zeit weiß, ist dass ich nichts weiß. Aber das ist mir lieber als mein Kenntnisstand vor einem Jahr, als ich dachte, ich wisse alles...

Ich habe vermutlich ähnliche Hoffnungen gehegt. Die Idee mit der Zertfizierung und dem Trainerdasein habe ich wohl weitgehend abgehakt, da ich derzeit noch zuviele Hinderungsgründe und Kritikpunkte ausgemacht habe, an mir, meinen Trainern und der Durchführung der Idee. Auch die Zertifizierung an sich, die "geschützten Bezeichnungen" und der Umgang mit Geld ist mir in diesem Zusammenhang viel zu undurchschaubar. Das ist schon in meinem Beruf nicht ganz einfach.

Gut identifizieren kann ich mich mit dem von Dir angedeuteten sokratischen Weisheitsideal des Unwissenden, der dies aber bewußt erkennt. "Ich weiß, dass ich unwissend bin, dass ich nichts weiss!"

Einer der Trainer, die ich am letzten Wochenende kennen gelernt habe, macht das Ganze seit zehn Jahren. Ich habe ihm zugesehen, wie er ein Konfliktgespräch moderiert hat, und ich war beglückt. Es mag sich kitschig anhören, aber es war für mich eine Offenbarung, wie ein Mensch zur Befriedung einer schwierigen Situation einen Beitrag leisten kann.  Das heißt nicht, dass es klappt, das heißt nicht, dass die Konfikt"parteien" mit dem Ergebnis zufrieden sind, nichts dergleichen. Es heißt einfach nur, dass ich wieder Hoffnung in meinem Leben habe. Und DAS tut mir ehrlich gesagt sehr gut.

Ich schick Dir eine Umarmung!

Claudia

Ich kann nachvollziehen, was für Dich die Wohltat der Hoffnung ist. Dieses Medikament wirkte auch schon bei mir - immer nur vorübergehend von einer Krankheitsphase zur nächsten Etappe der Ohnmacht. Mich zieht es zumindest auch zum vertieften Nachvollzug der angenommenen Hoffnungslosigkeit (nicht nur im Sinne gelehrter sokratischer Aporie) der Mystiker und das vielleicht ganz im Kontrast zu Blochs "doxa spes", der gelehrten oder bewußten Hoffnung. Dieser Kontrast soll nicht ausschließen, sondern ergänzen und damit das Wahrnehmungserlebnis erst ermöglichen. Ich stelle mir vor, auch oder gerade glücklich sein zu können, wenn ich hoffnungsrandvoll sage: ich bin ohne Hoffnung.

Liebe Grüße, Michael 
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Offline Michael

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Hallo lieber Michael,
 
mit großem Interesse und mit aller mir möglicher Aufmerksamkeit habe ich deinen Einstiegs- beitrag mehrmals gelesen. Er bringt mich deinen eigenen Gefühlen & Bedürfnissen sehr nahe, und es macht mir persönlich sehr deutlich deine eigene Zerrissenheit klar. Vielen Dank für deine Offenheit. Ich denke, nur so ist eine Klärung möglich. Bitte berichtige mich in diesen meinigen eben gemachten und vlt. auch folgenden Interpretationen. Ich bin noch recht ungeübt im üblichen GFK-Jargon. Drum rede ich jetzt mal so, wie ich kann und hoffe, du trägst es mir nicht nach.

Hallo Stevie,

der Jargon sollte egal sein. Ich freue mich über Gedankenaustausch und Rückmeldung. Es gibt in Deiner Darstellung nichts, was ich nachtragen könnte.

Nach meinem Kenntnisstand ist bei dem durch dich beschriebenen Ausschluß-Verfahren in einer GFK-Runde von der sogen. *beschützenden Macht* die Rede. Das ist nach meinem Verständnis jedoch das allerletzte Mittel. Und dieses erfolgt auch eigentlich erst, "wenn von zwei streitenden Parteien jede die Gelegenheit hatte, VOLLSTÄNDIG auszudrücken, was sie beobachtet, fühlt, braucht und erbittet, und jede der anderen Seite Empathie gegeben hat." Im Anschluß daran "... können BEIDE IM GEGENSEITIGEN EINVERNEHMEN zustimmen, daß sie sich nicht einigen können." Soweit zumindest Marshall Rosenberg in "GFK- Eine Sprache des  Lebens". - Das Ganze scheint ja doch eine recht krasse Situation gewesen zu sein.  Und eigentlich hört es sich in der von dir beschriebenen Situation gar nicht danach an.

Du hast völlig recht. Für Viele, für mich auf jeden Fall, gab es keine "krassen Situationen", die die Anwendung von "schützender Gewalt" gerechtfertigt hätte, ein außerdem enorm dehnungsfähiges Konstrukt, auch wenn Dein Rosenberg-Zitat da etwas mehr Klarheit bringt. Für mich war dieser Ausschluss, der ohne jede Nachfrage und Einigung zustande kam und wie die nicht sehr stilvolle Beendigung einer Liebesbeziehung per SMS mit einer kurzen E-Mail zelebriert wurde, ein Missgriff und ein Missbrauch von Macht. Diese Handlung verstieß gegen mein Bedürfnis nach gerechtem Ausgleich und sie war von meinem Erfahrungshorizont zunächst unverständlich, es sei denn, ich hätte mich in die Rolle des Psychiaters der Leiterin begeben. Ich glaube, dass sie in einen Gefühlsstrudel aus irrationalen Ängsten geraten sein muss und diese stark abgewehrt hat. Aus ihrer Sicht kann also das Bedürfnis nach Schutz vor einer imaginativen Gefahr sehr groß gewesen sein und das möchte ich ihr auch gerne glauben.  Ich führe im Folgenden meine Erinnerungen doch noch ein wenig breiter aus, weil ich damit noch einer anderen Enttäuschung auf die Spur komme, die mich in dem Konflikt als Therapeut bewegt hat.

Die Leiterin war im Empathie-Gespräch mit einem Gruppenmitglied, das sie stellvertretend für den kritischen Kollegen (ich nenne die Gruppenmitglieder mal so, um keine Namen zu nennen) in dessen vorübergehender Abwesenheit ausgesucht hatte. Sie wollte von der Kollegin ausdrücklich keine Empathie. Ich konnte bei der ersten lauten Wortmeldung des kritischen Kollegen, die leider die Leiterin von schräg hinten traf und einen als Vorwurf der Leiterin gegen ihre Gesprächspartnerin interpretierbaren Satz über eine unnötig angestoßene "Methodendiskussion" kritisierte (laut mit männlich dunkler Stimme: "Du, *Name*, Du führst hier eine Methodendiskussion!"), zwei Wirkungen spüren: Unmittelbar im Anschluss gab es Erschrecken und Irritation bei der Leiterin, die sich umschaute, zeitgleich mit einem Zurückrudern des kritischen Teilnehmers, der entschuldigend und sanfter so etwas sagte wie, "Oh, dass war jetzt keine gewaltfreie Kommunikation...". Die Leiterin wirkte angerührter, offener, weniger verschlossen, eben schutzloser und das Gespräch der beiden Frauen bekam eine empathische Komponente: Verbindung wurde aufgebaut, Energie floss, Viele, auch ich, waren von der Leiterin angerührt und voll Mitgefühl. Nach dem Gespräch erschien die Leiterin als Nachwirkung noch angerührt, bei sich, etwas erschüttert, sehr lebendig, spürbar. Sie bat, dass man ihr laute Äußerungen nur noch in ihrem Gesichtsfeld mache, da sie Angst vor lauten Stimmen in ihrem Rücken habe. Es war wohl etwas Persönliches. Der Gemeinte stimmte dem zu und sicherte ein entsprechendes Verhalten zu.

Also in gewisser Weise hat diese sicher ungebärdige und ungebührliche, überraschende "Aufschrei" etwas Bewegung und Lebendigkeit und damit sogar Verbindung gebracht. Man hätte diese Situation auch wie ein kostbares Geschenk sehen können. Aber die Abwehr der offenbar nachhaltig verunsicherten Leiterin wurde danach wieder sehr stark und sie erbat am Folgetag weitere Garantien von dem "Störer" des Gespräches vom Vortag. In der insistierenden und gleichzeitig z.B. auch für mich unklaren Weise kam das aber für den Angesprochenen offenbar sehr fordernd und dadurch auch überfordernd an. Er stockte und gab an, am Vortag doch Zusagen gemacht zu haben. Ob jetzt eine Entschuldigung gefordert sei. Das Insistieren nahm zu, alle blickten auf den Angesprochenen. Er äußerte Unsicherheit und Angst: Er fühle sich gerade wie vor einem Tribunal und könne in dieser Situation nicht Weiteres zusichern. Er bat, den Raum verlassen zu dürfen - diese Umgehensweise hatte die Leiterin in ihrem Kurs prinzipiell allen angeboten, die starke Gefühle nicht in der Gruppe zeigen mögen und außerhalb für sich auch in Begleitung Empathie benötigen würden und er bat mich, ihn zu begleiten und ihm empathisch zur Seite zu stehen. 

Um es kurz zu machen: Einerseits benötigte er ungeheuer viel Empathie, die ich aber gerne gab und andererseits konnte er im Laufe der Zeit, die etwas durch die Aufforderung der Leiterin (übermittelt durch die Assistentin), bald zurück zu kehren, Druck geriet, schon recht deutlich auch das Empathiebedürfnis der Leiterin trotz deren Ablehnung von Empathie dunter urch ihn oder die Kollegin erkennen und ihr Schutzbedürfnis als ein sensibles, verletzliches Wesen respektieren. Ich bemühte mich, das Bild eines inneren Kindes einer erwachsenen Person, in diesem Fall der Leiterin, sichtbar werden zu lassen, z.B. in Gestalt seiner Tochter, die er ja sicher auch schon mal angebrüllt hatte, aber nicht in der Absicht, sie zu verletzen und die nun den Schutz des Vaters vor seiner eigenen Heftigkeit erbittet und die der Vater, betroffen und berührt von der ungewollten Wirkung trotz seines Wunsche Unmut zu zeigen und Kritik zu üben, nicht abschlagen wird.

Diese Gedanken, nach der eigentlichen Empathiearbeit und natürlich etwas "psychologisch" gedacht, kamen gerade zart bei ihm an, waren aber noch sehr schwierig für ihn, weil er eher die kühle Frau, die sich ihm aus seiner urteilenden Sicht verweigert habe oder ihn emotional auflaufen gelassen habe und das Gefühl der Ohnmacht aktivierte, im Blick hatte und sich davor fürchtete, als dass er die zarte, schutzbedürftige, mädchenhafte Seele schon deutlich sehen konnte. Beim Wiedereintreten ging das Insistieren der Leiterin wieder los, der Betroffene rang mit sich, stammelte, erschien erneut hilflos und von Gefühlen zerrissen und wurde dann von einer in seiner Nähe sitzenden Frau ebenfalls lauter mit harten, vorwurfsvollen Worten kritisiert und ermahnt, ohne das die Leiterin intervenierte bzw. übersetzte. Das war zuviel, er sprang auf, schrie in die Richtung der Ermahnenden, sie schrie zurück: "Willst Du mich gleich schlagen?". Er packte seine Tasche und verließ aufgewühlt, wie ein geprügelter Hund, den Raum. Die Leiterin schloss später ab.  Ein paar Tage später wurde ihm per folgender E-Mail gekündigt:

Zitat
Zitat aus E-Mail
Hallo *Name*,
 
ich verstehe Deine Entscheidung am Sonntag zu gehen als eine Entscheidung aus der Gruppe zu gehen. Ich habe das nach dem Wochenende nochmal überdacht und sehe sie auch als die richtige aufgrund der mehrfachen Eskalationen in der Gruppe und der nicht gemachten Zusage, Dich an bestimmte Regeln halten zu können.
Aufgrund dessen kündige ich den Ausbildungsvertrag mit sofortiger Wirkung und erstatte Dir die Kosten für die noch nicht stattgefundenen Module von 480,- EUR, wenn Du mir Deine Kontonummer mailst.
 
Wenn Du möchtest, können wir gerne noch ein telefonisches Abschlussgespräch führen. Dafür könnten wir einen Telefontermin vereinbaren.
 
Viele Grüße *Name*

Ich glaube, dass ich in mehrerer Hinsicht betroffen war und mein Bedürfnis, dem Führungsgeschick der Leiterin trauen zu können erschüttert war. Um Empathie und Ausgleich bemüht, sah ich, dass diese Bemühungen fruchtlos waren und angesichts der Verhärtung und der Provokationen auch nicht fruchten konnten. Ich empfand das als unprofessionell, natürlich vorallem vor meinem Hintergrund im Kontext meiner Arbeit. Von der GfK habe ich noch mehr Einfühlung erwartet, als von Psychiatern. Das war wohl einer meiner Denkfehler, nachdem die Leiterin schon verkündet hatte, dass sie dies nicht als ihre Aufgabe ansehe, sondern jeder in der Gruppe, der das könne und wolle, dies tun könnte. Ich tat es ja an ihrer Stelle. Hätte es sich um die Behandlung eines Patienten meiner Klinik  gehandelt und die Leiterin wäre eine untergebene Mitarbeiterin gewesen, die für diese Behandlung verantwortlich war, hätte ich mich vermutlich bei dem Patienten um Schadensbegrenzung bemüht und die Mitarbeiterin in einer Supervision beraten. Hätte ein Vorgesetzter meinen Patienten an die frische Luft gesetzt, mit der Begründung, er habe sich ihm gegenüber ungebührlich verhalten, hätte ich meinen Chef zur Rede gestellt und wenn wir keine befriedigende Lösung in klärenden Gesprächen gefunden hätten, hätte ich die Klinik sobald als möglich verlassen. Das habe ich dann auch im Kurs getan. Ich habe gekündigt.

Ich persönlich glaube, daß es soetwas wie ein *allgemein-gültiges* Endziel in der Gewaltlosigkeit nicht geben wird. Unser Prozeß dahingehend ist und bleibt - solange wir hier sind - eine stetige Wanderung und immer auch eine Gradwanderung. Vielleicht sollten wir vorerst in einigen Punkten unsere Begrifflichkeiten etwas abgleichen, um zu einem gesunden Austausch zu gelangen.

Das mit der Gradwanderung sehe ich auch so und ist bei mir im Job mein täglich Brot. Ich hatte vermutet, dass GfK-Profis das 'drauf haben.
 
Grundsätzlich sehe ich Angst als Symptom für Unwissenheit. Es fehlt das Wissen zum Umgang mit dem oder den beängstigenden Unbekannten. Angst hat für mich sehr viel mit Enge zu tun. In einem somit beängstigenden Zustand ist unsere Sicht von den unbekannten Dingen und spekulierten Folgen (Interpretationen) selbst verbaut bzw. das Ausmaß des Bewußtseins in einem nur sehr begrenzten Spielraum (Rahmen) möglich. Dies gilt es vorerst zu überwinden, da gebe ich dir vollkommen Recht.

Ich verlange gar nicht, Angst oder Gewalt durch Beseitigung zu überwinden, weil dies wiederum Angst und Gewalt hervorrufen kann. Das bewußte Hinsehen auf sich selbst, seine Ängste und seine daraus resultierende Gewalttätigkeit wäre für mich ein großer, richtiger Schritt. In diesem Fall hatte ich den Eindruck, dass aufgrund einer nicht ganz erfassten, angenommenen Angst die Gewalt auf bestimmte Äußerungen und eine bestimmte Person projeziert wurde und diese exemplarisch gebannt wurde. Es wurde bei dem Wunsch nach weiteren Garantien nichtmals vorher genau dargelegt, was von der Person erbeten bzw. erwartet wurde, nur, wie sie sein oder nicht sein sollte oder was sie nicht tun sollte.

Dennoch gibt es ja sogen. Stufungen der Angst. Wenn wir uns anschauen, was die Angst im direkten Moment mit unserem Körper tut, können wir auch etwas besser verstehen, was es soll. Alle Sinne sind auf das Objekt der Beängstigung gerichtet. Unsere Augen und Ohren sind hellwach. So möchte dies unsere ganze Aufmerksamkeit abverlangen. Wenn es jedoch zuviel wird, machen wir dicht, wie man auch sagt. Das ist die bereits beschriebene Enge. Auch dies soll uns ja nur vor weiteren Schäden schützen. Genau wie es Stufungen in der Angst gibt, sind diese ja auch auf die Gefahrenstärken zurück zu führen. Und dennoch ist und bleibt es selbst bei einer sehr kontreten Bedrohung alles relativ und immer individuell.

Dem kann ich folgen. Wie könnte man beispielsweise in einem Moment der subjektiven Bedrängnis Ruhe für sich und seine Angst finden, um sie zu fühlen und dadurch herauszufinden, was sie einem sagen möchte? Wir hatten durchaus Leute in der Gruppe, die für Ruhe, Empathie, Schutz sorgen konnten, die sich um die Leiterin wie den Exponenten für Gewaltprojektionen kümmern konnten und Empathie anbieten konnten. Natürlich geht das nicht, wenn eine Person das nicht möchte, wenn es die Leitung nicht für sich nutzen möchte. Da fehlte wohl Vertrauen. Ihre Sichtweise war schon auf Gegner oder Kritiker und Gefährder auf der einen Seite und andere Bedürftige auf der anderen Seite eingeschränkt. Die Angst vor der Angst hatte schon ihre paranoide Wirkung entfaltet. Dabei blieb ich für den Verstehens- und Heilungsprozess präsent. Da  nicht die ganze Gruppe an einem Empathiegespräch zur Heilung der Verstörung bei zwei weiteren TeilnehmerInnen teilnahm, das die Assistentin sehr gut anleitete, hatte die Leiterin wenig von der Empathiestimmung in der Gruppe mitbekommen, während sie mit den anderen am Programmfahrplan übte. Ich zeigte ihr meine Zustimmung zu ihr als Person auch persönlich. Sie verlor sich erst nach ihren E-Mails und unser mit E-Mails scheiternden Kommunikation. 


Ich war eine ganze Zeit lang als Klettertrainer tätig. Und da hatte ich immer wieder mal mit Leuten zu tun, die mit allem Möglichen und insbes. mit Höhenangst zu kämpfen hatten. Das beste Training dafür war das Klettern selbst, da es den Handlungsspielraum (Handlungsebene) auf das direkte Umfeld (Fokus) beschränkte und ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration abverlangte. Man sollte dabei vielleicht noch erwähnen, daß bei den wenigsten die Höhenangst  eine krankhafte Veränderung darstellt. Im Gegenteil ist es ein völlig normaler Reflex. Denn wenn wir von der Höhe hinunter blicken, können wir nicht mehr das Gleichgewicht halten, da der Horizon dazu fehlt. Und dies ist das eigentliche Problem dabei.
   Warum erzähle ich das. Eigentlich hab ich es auch damit schon gesagt. Es hat etwas mit dem Gleichgewicht der eigenen inneren Kräfte und Ressourcen zu tun. Es ist wie beim Autofahren, könnte man auch sagen. Wenn der Motor aufheult, müssen wir hochschalten. Wenn er im Gegenzug dazu abzusaufen droht, müssen wir runterschalten. Und wenn es nicht mehr weiter geht, müssen wir entweder mal wieder auftanken, Kühlwasser nachfüllen oder die Technik (Mechanik, Elektrik ect.) überprüfen oder einfach mal *ne mehr oder weniger lange Ruhepause einlegen.
   Und wer da sagt, daß das von Anfang an alles ganz leicht und einfach wäre, der lügt sicher. Ab und zu  - egal wie weit noch entfernt - müssen wir auch mal zurück schauen, was für ein gutes Stück Weg wir bereits voran gekommen sind.

Ich finde Dein Kletterbeispiel sehr spannend und ich habe es mit Genuss gelesen. Es gibt so viele tolle Erfahrungen, mit denen man über sich, seine Gefühle, Bedürfnisse, Kraftquellen und auch über seine Schwächen etwas lernen kann.

Kannst du nachvollziehen - Michael, was ich meine? Sicher sogar. Und das hast du dir vielleicht auch bereits so oft schon selber gesagt. Unsere Geduld mit Unzulänglichkeiten anderer und auch unserer eigenen ist der erste Schritt der Reife, würde ich einfach mal behaupten. Erschwerend kommt vielleicht hinzu, daß hier in unserer *crasy* Welt Geduld nicht gerade eine gut geübte Tugend ist.

Ich stimme Dir zu. In der Ausbildungsgruppe hätte ich mir diese Geduld aller mit allen Beteiligten gewünscht, sodass wir es hätten weiter miteinander versuchen können und keiner geopfert werden muss oder hinaus gedrängt wird.

Also kleiner Trost vielleicht noch abschließend:
Wir alle (sicher auch einzelnen Trainer und andere Psychologen, Pädagogen etc.) wollen GFK ja erst gerade erlernen, weil wir (und sie) da Defizite haben. Es ist - denke ich mal - müßig, dabei zu jemandem, der bereits nun unter der ReinigungsDusche der eigenen Unvollkommenheiten (Läuterung der inneren Haltung) steht, zu sagen: "menno, bist du aber noch dreckig!!!" Und wenns an die eigene Substanz, dh. um unsere ur-eigenen, persönlichen und individuellen Aufgaben geht, da kommt dann eben alles raus und der ganze Dreck muß ab und weg. Und wer irgendwann mal gesagt hat, ich will das angehen, da ist zwar immer *pausieren* möglich, doch verstecken bzw. verdrängen nicht mehr wirklich drin. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum uns die Unzulänglichkeiten bei diesen Leuten (oder ähnlichen, welche sich etwas weiter vor wagen,) so besonders auffallen.

Da kann ich mitschwingen. Und wenn die Kursleiterin stöhnte, dass ihr so ein Schlamassel in all den Jahren als Trainerin nicht widerfahren ist, hatte ich ja gedacht: Na klasse, welche wunderbare Gelegenheit, das auszuhalten und zu lernen.
 
Das ist vielleicht nicht gerade alles GFK-Philosophie. Doch das war es vorerst von meiner Seite, was ich dir *hier&jetzt* dazu auf die Schnelle sagen wollte. Sehr gerne tausche ich mich mit dir auch privat aus :)

 
Alles Liebe
Stevie

Danke für das Angebot. Ich bin ja auch kein GfK-Philosoph, denn so weit bin ich noch nicht gekommen. Ich habe meine Antwort vielleicht in dem Bedürfnis, zu erklären, meine Gedankengänge erkennbar zu machen, etwas zu lang werden lassen und benötige Deine/Eure Geduld und Nachsicht. Ich bin aber nicht böse, wenn die Schnellen das gerne auch überlesen.

Liebe Grüße, Michael
« Letzte Änderung: 08. Juli 2008, 20:29:21 von Michael »
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Offline Claudia

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Hallo, Michael,


kannst Du vielleicht auch etwas mehr zu Deinen Gefühlen und Bedürfnissen sagen?
Ich nehme Dich sehr traurig wahr. Traurig, enttäuscht. Und wütend. Und ich habe den Eindruck, dass Dir Gerechtigkeit ganz wichtig ist.

Cynthia hat mal von einer Übung geschrieben, bei der nur über Gefühle und Bedürfnisse gesprochen wurde, und nicht über die dahinter liegende Geschichte. Das hat mich sehr beeindruckt.


Mein Problem ist, dass ich verwirrt und besorgt bin. Aus der allgemeinen Frage, wie es mit Angst vor Gewalt und Gewaltfreier Kommunikation aussieht, ist nun wieder eine spezielle Situation beschrieben. Ich glaube, ich habe verstanden, warum Du das beschrieben hast. Ich würde mich gern mit Dir verbinden, aber ich kann das schlecht, wenn ich Deine Gefühle nicht erkennen kann, und das fällt mir gerade schwer. Vielleicht kannst Du mir ein bisschen Hilfestellung leisten?


Gruß

Claudia
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Offline Michael

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Hallo, Michael,

kannst Du vielleicht auch etwas mehr zu Deinen Gefühlen und Bedürfnissen sagen?
Ich nehme Dich sehr traurig wahr. Traurig, enttäuscht. Und wütend. Und ich habe den Eindruck, dass Dir Gerechtigkeit ganz wichtig ist.

Cynthia hat mal von einer Übung geschrieben, bei der nur über Gefühle und Bedürfnisse gesprochen wurde, und nicht über die dahinter liegende Geschichte. Das hat mich sehr beeindruckt.

In Bezug auf meinen Wunsch, eine weitere Fähigkeit zu entwickeln, mich über die Beschreibung von Gefühlen und Bedürfnissen in meinem Beruf aber aber auch im Familienleben zu verbinden, um zum Wachstum guter, friedvoller Beziehungen auf Augenhöhe beizutragen, bin ich enttäuscht von der beschriebenen Vorgehensweise und den Ereignissen im Ausbildungskurs. Ich bin traurig über das Mißlingen von vielen Versuchen empathischer Verbindung, traurig und verwirrt über meine Ohnmacht in dem konkreten Prozess und letztlich ratlos über das vorgezeigte Konzept der "Gewaltfreien Kommunikation", deren Lehre und Zertifizierung.

Der Ausschluss eines Gruppenmitgliedes, das seine Gefühle und Bedürfnisse sehr deutlich gezeigt und dafür wenig Empathie erhalten hat, störte mein Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Verstehen der größeren Zusammenhänge und löste ebenfalls Gefühle der Hilflosigkeit, darüber Empörung und schließlich Traurigkeit aus. Das Erleben, dass die gelehrte GfK so schnell und gründlich in der Person einer zertifizierten Trainerin und innerhalb einer eigentlich hoch motivierten und interessierten Gruppe differenzierter und zivilisierter Menschen so rasch an ihre Grenzen stößt und Angst um sich greift, verwirrte mich und führte mich schließlich hinsichtlich meines Bedürfnisses, zu lernen, wie man sich gewaltfrei mit einer "Sprache des Lebens" verbindet, über Enttäuschung mit zornigen Gefühlen zu Resignation und Hoffnungslosigkeit.

Ich bin auch enttäuscht über mich selbst, dass ich dies trotz meiner professionellen Ausbildung die sich auftuenden Probleme nicht schneller wahrgenommen, nicht energischer gegengesteuert oder frühzeitiger ein für mich sinnloser werdendes Unterfangen abgebrochen habe, doch bin ich auch voller Zweifel, ob es überhaupt eine Chance gegeben hätte. Dies hat mit meinem Bedürfnis zu tun, gut zu unterscheiden, feinfühlig, einfühlsam und aufmerksam zu sein, um professionell arbeiten und hilfreich sein zu können.

Nun möchte ich meine Zweifel überprüfen, um nicht noch mehr Energie in eine Suche zu investieren, die sich möglicherweise für mich immer deutlicher als Irrweg herausstellen könnte bzw. um herauszufinden, wo meine unüberwindlichen Hürden liegen. Ich möchte aber weder mich noch andere auf der Suche nach Wegen ohne Gewalt mit Gewalt verbiegen. Ich möchte daher hier mit mir identisch oder authentisch bleiben oder werden.

Nach meiner Entscheidung, die Ausbildung dort vorzeitig zu beenden, fühlte ich Erleichterung, weil ich glaubte, damit meinem Bedürfnis nach Authentizität, Professionalität, Gerechtigkeit und schließlich auch erneuter kritischer Überprüfung meiner Beweggründe und der Methode am besten unter den augenblicklichen Umständen zu dienen. Ich habe dennoch das Bedürfnis nach einem Austausch über grundsätzliche Fragen gehabt, der mir innerhalb des Kurses oder mit der betreffenden Leiterin nicht gelungen ist. Hier ist das Bedürfnis nach Lernen, Wissen, Überprüfen meiner Position vorrangig.

Ich fühle mich noch neugierig und kann von andersartigen Erfahrungsberichten durchaus profitieren, da ich mutmaße, dass jeder seine persönlichen Erfahrungen und Interpretationen hat. Einige könnten mir Mut machen, weitere Erfahrungen in der GfK bei Ausbildern zu machen, also auf das Prinzip Hoffnung zu setzen, andere könnten mich bewegen, den Weg durch die Hoffnungslosigkeit und Annahme zu gehen. Auf jeden Fall suche ich meinen eigenen Weg und es könnte sein, dass es nicht der der professionellen, zertifizierten GfK-Leute ist.

Vor meinem IIT möchte ich noch ein wenig Orientierung gewinnen, auch wenn das nicht abschließend sein kann, weil mir meine Umgebung zum Teil signalisiert, ich bräuchte oder sollte das nicht machen, es brächte (mir bzw. bei mir) nichts, was mich etwas verunsichert. Aufgrund der erlebten und erzählten Beispiele bin ich befremdet über die in den Büchern und von der Trainerin aufgestellten GfK-Maxime, dass man sich auf dem Weg entscheiden müsse, ob man nur eine Methode lernen wolle, was nicht ausreiche, oder eine Lebenshaltung entwickeln, weil ich auch unter den GfK-Profis keine Gewaltlosigkeit festgestellt habe und das schon bei "Kleinigkeiten". Diese Widersprüche machen mich ganz kurios.

Mein Problem ist, dass ich verwirrt und besorgt bin. Aus der allgemeinen Frage, wie es mit Angst vor Gewalt und Gewaltfreier Kommunikation aussieht, ist nun wieder eine spezielle Situation beschrieben. Ich glaube, ich habe verstanden, warum Du das beschrieben hast. Ich würde mich gern mit Dir verbinden, aber ich kann das schlecht, wenn ich Deine Gefühle nicht erkennen kann, und das fällt mir gerade schwer. Vielleicht kannst Du mir ein bisschen Hilfestellung leisten?

Gruß

Claudia

So, ich habe es jetzt mal anders probiert und hoffe, dass diese Formulierungen Deinem Bedürfnis mehr entgegen kommen.

LG, Michael
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Offline Michael

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So, ich habe es jetzt mal anders probiert und hoffe, dass diese Formulierungen Deinem Bedürfnis mehr entgegen kommen.

Noch etwas knapper könnte ich es etwas scherzhaft so formulieren: Als ich von GfK hörte, dachte ich etwas vorschnell: Das ist ja besser als Psychiatrie und Psychotherapie. Wir brauchen eher GfK, als Therapie, um unser Leben zu bereichern. Vielleicht sollte ich den Beruf wechseln. Als ich in eine GfK-Trainingsgruppe eintrat, dachte ich in heftiger Ernüchterung: Zumindest der eine oder andere GfK-Enthusiast und die Trainerin könnten mehr von der Psychotherapie und der Haltung der Therapeuten profitieren. Nachdem sich der Staub legt und eine tiefe Resignation vielleicht gerade dabei ist, von einer positiven Skepsis abgelöst zu werden, denke ich: Der Mensch braucht weder die Psychiatrie und Therapie, um glücklich zu werden, noch GfK. Vielleicht macht er beides oder läßt beides, aber die Dinge sind einfacher und tiefer zugleich. Denke, fühle, rede, lebe, aber mach Dir keinen Kopf  :P. Freiheit ist auch Freiheit von Therapie, von GfK, von urteilendem Denken, vom Zwang, frei sein zu müssen.

LG, Michael
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Offline Tilaka

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Hallo lieber Michael,
 
völlig fasziniert von deinem überschwänglichen Redefluß auf meinen Beitrag, (hätte dies mit Nichten auch nur am Rande erwartet,) weiß ich nun gar nicht so recht, wo genau anfangen :)
 
Ich bin begeistert. Hoffe, das klingt nicht allzu pathetisch überspitzt oder gar ironisch - denn ich bin es wirklich! Auch habe ich das Gefühl, mich (immernoch) recht gut mit deiner erlebten Situation verbinden zu können. Selbstredend ist es natürlich etwas ganz anderes, diese Situation erlebt zu haben, oder hier einfach nur darüber zu reden bzw. zu hören. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, daß ich ganz gut nachvollziehen kann, wovon du sprichst.
 
Ohne allzu tief gehen zu wollen, kommst du wohl aus dem sozial-psychiatrischen Bereich, wie es scheint. Diesen Sektor - selber lange genug darin tätig gewesen - kenne ich recht gut. Ich bilde mir auch ein, sehr gut deinen (ich zitiere)
 
"Wunsch, eine weitere Fähigkeit zu entwickeln, mich über die Beschreibung von Gefühlen und Bedürfnissen in meinem (deinem) Beruf aber auch im Familienleben zu verbinden, um zum Wachstum guter, friedvoller Beziehungen auf Augenhöhe beizutragen,"
 
und (ganz besonders) dann wegen des Ausbleibens, die damit verbundene Frustration erlebend und aushaltend, nachzuvollziehen.
 
Ich bin immernoch und darüber hinaus mehr als hochbegeistert (maybe - wir werden sehen, was daraus erwächst) einen Gesinnungsgenossen gefunden zu haben.
 
Dennoch hoffe ich, daß du NICHT ALLZU SEHR so bist, wie du beschreibst - und zwar -  "ratlos über das vorgezeigte Konzept der GFK bzw. deren Lehre und Zertifizierung." Das Zertifikat - allein - kann es nicht sein, wonach du sinnst bzw. strebst, da du weißt, daß die Schein-Bildung (Zertifikat) eben nur nur dem Scheine nach eine Bildung ist. Die Lehre ersetzt noch lange nicht die  Erfüllung der Leere. Dazu bedarf es erstmal dieser LEERE. Und wichtiger noch bedarf es eines *echten* Lehrers. Und der fehlt, zumindest hier (und besonders mir) gerade sehr.
 
Um noch etwas mehr zu philosophieren:
Lehrer sind jene Personen, welche die Lehre nicht nur gehört und verstanden haben, sondern diese (Geschenke verteilen) auch vermitteln können. Es geht nicht (einzig oder ausschließlich) um das Verstehen, sondern um das Vermitteln bzw. Verschenken. Das bedeutet eben auch dieses wundervolle Geschenk der Empathie endlich einmal zu erfahren. Doch wer nix hat, kann auch nix verschenken. Reife kann man mit nix wett machen. Es lieg also an uns selbst reif genug für die LEERE und in Folge sodann für die Lehre & Lehrerschaft zu werden.
 
Viele üben sich in den Vokabeln der GFK. Doch nur wenige sind in der Lage, die in ihnen ruhende Karft auch nur annähernd zu erfahren oder gar zu transportieren. Das Ganze hat nichts (aber auch rein gar nichts) mit METHODE zu tun (verwechseln viele) sondern mit Erfahrung & Haltung. Und dennoch:
 
"Vieles erfahren zu haben, heißt noch nicht, Erfahrung zu besitzen."
(Marie von Ebner-Eschenbach)

Dieser Vorgang ist also kein künstlicher. Erfahrungen und die daraus resultiernde Haltung bzw. Authentizität (was für ein Mode-Wort) kann niemand vortäuschen. Zum Erleben muß man zwar dabei gewesen sein, das anschließende WACHSTUM ist jedoch nicht garantiert.
 
Und --- WACHSTUM braucht Raum und Zeit - viel Zeit !!!
 
Um deine Frage vielleicht ein wenig (für mich) zu beantworten:
Ich habe keine Angst vor der Gewalt. Ich befürchte sogar, daß sie so oder auch anders kommt - egal wie, wann oder wo auch immer. Ich habe lediglich Angst vor meiner eigenen Furchtlosigkeit. Das würde nämlich Arroganz - und nicht nur das, sondern viel schlimmer - Ignoranz bedeuten.
 
 
Abschließend nun:
 
Lieber Micha - nicht verzagen, auch ich sehne mich *süchtig*  - ja es giert mich förmlich - nach ECHTER EMPATHIE. Ich werde später auf deinen Beitrag etwas expliztierter (inhaltlich) eingehen wollen. So meine Bitte auch an dich - GEDULD !!!
 
Ich werde weiter hier (und auch bei mir)
in freudiger Erwartung beobachten, was geschieht...  ;)
 
 
Alles Liebe
Stevie
 
 

 
« Letzte Änderung: 09. Juli 2008, 09:15:51 von Tilaka »
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Offline Claudia

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Lieber Michael,

ich danke Dir sehr, dass Du Dich noch einmal so genau erklärt hast. Zum einen ist es jetzt für mich noch viel leichter möglich, mich mit Dir zu verbinden. Zum anderen finde ich es so auch noch besser zu verstehen, was Dich so aufwühlt als die Beschreibung über den Kopf.


Einen lieben Gruß in Deine Richtung!

Claudia
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Offline Michael

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Hallo lieber Michael,
 
völlig fasziniert von deinem überschwänglichen Redefluß auf meinen Beitrag, (hätte dies mit Nichten auch nur am Rande erwartet,) weiß ich nun gar nicht so recht, wo genau anfangen :) ...

... Lieber Micha - nicht verzagen, auch ich sehne mich *süchtig*  - ja es giert mich förmlich - nach ECHTER EMPATHIE. Ich werde später auf deinen Beitrag etwas expliztierter (inhaltlich) eingehen wollen. So meine Bitte auch an dich - GEDULD !!!
 
Ich werde weiter hier (und auch bei mir)
in freudiger Erwartung beobachten, was geschieht...  ;
Ja, Stevie, die Faszination ist überschwenglich zum Ausdruck gekommen ;) und es freut mich die positive Aufnahme sowohl von Dir als auch von Claudia, die mit meinen Äußerungen jetzt etwas mehr anfangen kann. Ja, Geduld ist von Nöten und ich habe davon vermutlich genauso viel, wie von der Ungeduld :D.

Bei der Sehn-Sucht nach Empathie, nach der wir immer wieder so be-gierig erscheinen, beobachte ich bei mir und anderen aber fast immer auch eine mehr oder weniger verborgene Gegenbewegung: Die Angst vor Empathie sowohl beim Nehmen wie auch beim Geben. Bei meiner Kursleiterin ist mir das besonders krass ins Auge gesprungen, aber natürlich wirkt sie trotz ihres zertifizierten Profi-Standes ja auch als Spiegel für meine eigenen Haltungen und Befürchtungen. Ich muss halt viel mehr durch diesen und andere Spiegel lernen, wenn es das sichtbare Beispiel der Lehrerin und die Lehre selbst nicht ist, so wie sie gegeben wird und bei mir ankommt.

Meine Erfahrung ist, dass es sehr komplimentäre Bedürfnisse und verwirrend widersprüchliche Gefühle gibt und optimalerweise schwirren wir auf einem Energieflow von Pol zu Pol, ohne uns dauerhaft in einer Extremposition zu verrennen und balancieren die Kräfteverhältnisse aus. Das kann auch eine wohltuende, angenehme, neugierig machende Spannung aufrechterhalten, die uns Lebendigkeit erleben und fühlen läßt. Mühsam ist der Kampf gegen eine Tendenz, z.B. wenn wir uns schon sehr auf einer Seite eingerichtet haben und die andere Seite fürchten oder wenn wir etwas anderes sehr stark begehren, als wir gerade leben und leben können.

Die Angst vor Empathie finde ich faszinierend. Viele Befürchtungen und somit nicht nur Gefühle sondern auch Gedankenkonstrukte, "Glaubenssätze", fließen mit in sie ein: Angst vor erdrückender Nähe, Angst vor Kontrollverlust, Angst vor Verschmelzung, Angst vor Desillusionierung und Verlust, Angst vor Verrat und Illoyalität, dadurch Angst vor Schmerz, Angst vor Mißbrauch, Scham und wieder und wieder auch Angst vor der Angst. Selbstbe- und -Verurteilungen mischen sich ein: Ich habe das nicht verdient, bin es nicht wert, muss es teuer bezahlen, kann es nicht zurück geben und vergelten, gerate in Bringschuld, sehe mich anderen Bedürfnissen, ja Forderungen gegenüber, fühle mich angesichts dessen klein und halte mich für bedeutungslos.

Viele Gedanken, einige Gefühle. Und dabei kann ich mir die Empathie eben nicht erkaufen oder verdienen, nicht erdienen, nicht abzwingen, sie nicht für sich einfordern. Ich kann sie zulassen oder ablehnen, fließen lassen oder blockieren. Regulieren kann ich eigentlich immer.  Dient mir die Angst aber wirklich als Regulativ oder ist es ein völlig überzogenes Abwürgen? Und wie ist es um unsere maß-lose Be-gierde nach Empathie bestellt, um unsere grenzen-lose Sehn-sucht nach Mit-gefühl und An-nahme, die Viele z.B. wegen ihrer ungeheuren Dimension auf ein noch größeres Wesen projezieren, dass sie u.a. Gott nennen?  Die Buddhisten, kluge Psychologen, raten da auch zum Maßhalten, zum mittlerem Weg; sie sind Spekulationen über ein höchstes Wesen abgeneigt und lernen, dass unsere Unwissenheit übermäßiges Verlangen (gierige Anhaftung) oder Ablehnung (negative Anhaftung) anfacht und unterhält und zur Verstrickung, Unklarheit, Gefangensein in Widersprüchen der dualen Welt (Samsara, Kreis der unerlösten Wiedergeburt) führt.

Ich selbst zähle mich zu denen, die bewußt nur ein begrenztes Bedürfnis nach Empathie spüren, ein Vorsichtiges sozusagen - unbewußt vielleicht mehr - und bewußt auch eine eindeutige Reserviertheit insbesondere gewissen Ausdrucksformen gegenüber. Es gibt einige Kontexte und Beziehungssituationen, die sich für mich "sanierter" und sicherer anfühlen, in denen ich freigiebiger im Geben und Nehmen sein kann und in anderen bin ich enger. Die Grenzlinien sind durchaus nicht ohne Weiteres von außen als klar und logisch erkennbar, es scheinen sich der äußeren Betrachtung Brüche und Lücken aufzutun und außerdem sind es oft Momentaufnahmen. Die Suche nach Glaubenssätzen bringt mich da zuweilen auf interessante Spuren und "Sicherheit" bzw. der bewußte (angstfreie?) Umgang mit Ängsten scheinen da wichtige Themen zu sein.

Eine meiner weiteren Erfahrungen zu dem Thema ist, dass bei etwa gleich starken Bedürfnissen, die sich scheinbar - auf der Ebene der Dualität - widersprechen, z.B. das nach Gesellschaft und das nach Alleinsein, oft nur ein winzige Quantum an Energie notwendig ist, um die Schleife in die eine oder andere Richtung zu beginnen, wie ein kleiner Rückstoß aus den Steuertriebwerken einer Rakete, die in eine neue Kreisbahn um ein Zentralgestirn führen, wobei es eigentlich am Ende völlig egal zu sein scheint, weil man sowieso nur mehr oder weniger geschwungene Achten mit einem Kreuzungspunkt in der energetischen Mitte fliegt... Die Wahl der Intensität und Richtung des Steuerungsstoßes kann bewußt und unbewußt erfolgen.

Es ist sehr wenig Kraft für eine Richtungsänderung in einem aber insgesamt doch sehr überschaubarem Energiefeld nötig. Doch auch ohne diese aktiven Steuerungsbewegungen umkreist man "seine Kraftzentren" und fliegt seine Bahnen in seinem Orbit, der sich aber mit anderen Orbitae überlappen kann. Um vielleicht unser aller energetische Mitte und Ursprung, die man sich auch als den Initialpunkt des Urknalls oder des tantrischen Weltbildes denken kann, entwickelt sich daurch das vierdimensionale Kreiseln auf unseren achförmigen Endlosschleifen ein komplexes "Pusteblumenbild", das andere Universen berührt und mit anderen verschmilzt, solchen mit gleichen und solchen mit anderen "lokalen" Mittelpunkten...

Soweit der kleine Exkurs, bevor ich jetzt gleich abhebe ;D.

LG, Michael
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Offline Rübenigel

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Hallo Michael,

ich lese mich gerade durch diesen Faden und möchte gerade zu einigen Sätzen, die mich direkt ansprechen, meine Gedanken mit Dir teilen.

Zitat
- nebenbei, ist denn "Unterdrückung" von Verzweiflungsschreien oder sogar Wolfssprache gewaltfrei?

Es gibt ja eine Form der "beschützenden Gewalt" ... und vielleicht hat die Trainerin wirklich gemeint, sie in diesem Moment anzuwenden. Sie hat sicherlich das in diesem Moment "beste" gegeben, was in ihren Möglichkeiten stand. - Für MICH ist die Unterdrückung von Verzweiflungsschreien oder der Wolfssprache pure Gewalt. Wenn ich meinem Wolf nicht dir Möglichkeiten gebe aufzuheulen, schneide ich mich von der Möglichkeit ab, meine unerfüllten Bedürfnisse wahrzunehmen. Wenn ich ihn nicht heulen lasse, wenn ich wütend bin ... wie soll ich dann wieder Verbindung bekommen zu mir und dem Anderen,wenn ich gar nicht an meine Bedürfnisse herankomme? Wenn ein Wolf (oder ein ganzes Rudel) unterwegs ist, hat er seine wundervolle, kraftvolle Daseinsberechtigung. Mein Ziel ist es nicht, meine Wölfe zu erziehen, sie mit irgendwelchen Regelmentierungen oder Zwängen zu belegen, oder gar aus meinem inneren Rudel auszuschließen. Sie sind ein Teil von mir, den ich herzlich willkommen heißen  möchte. Ich möchte mich von ihnen nur nicht länger bestimmen lassen ... sondern mit der GfK eine Verbindung zu ihnen aufbauen und wie in der von mir schon zweimal hier im Forum beschriebenen Übung (Superwolf) bei ihrer Verwandlung zur Giraffe mitwirken. Die Schönheit eines jeden Wolfes anzuerkennen ist für mich die Wurzel der GfK.

So ... jetzt geh ich weiterlesen ...
Ich bin froh, dass alles so ist, wie es ist. Wenn ich nicht froh wäre, wäre es auch so!

Offline Michael

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Sich vertraut machen miteinander als wesentliches Element der "Zähmung"
« Antwort #14 am: 12. Juli 2008, 17:54:45 »
Hallo Michael,

ich lese mich gerade durch diesen Faden und möchte gerade zu einigen Sätzen, die mich direkt ansprechen, meine Gedanken mit Dir teilen.

Zitat
- nebenbei, ist denn "Unterdrückung" von Verzweiflungsschreien oder sogar Wolfssprache gewaltfrei?

Es gibt ja eine Form der "beschützenden Gewalt" ... und vielleicht hat die Trainerin wirklich gemeint, sie in diesem Moment anzuwenden.

Hi, Cynthia! Wie konnte es so einen Irrtum geben, zumal der Rauswurf ja nicht "im Affekt" geschah, sondern mit nachgeschobener Begründung ein paar Tage später per E-Mail?

Sie hat sicherlich das in diesem Moment "beste" gegeben, was in ihren Möglichkeiten stand.

Das muss ich ihr ja nach den Maximen der GfK unterstellen. Da es andere Möglichkeiten in greifbarer Nähe gab, war das ein wichtiger Punkt für mich, mein Training unter diesen Bedingungen und Möglichkeiten zu beenden, zumal die Möglichkeiten der Verständigung und des Einlenkens hinterher nicht genutzt wurden.

- Für MICH ist die Unterdrückung von Verzweiflungsschreien oder der Wolfssprache pure Gewalt.

So ist das auch für mich: Pure, unterdrückende Gewalt. Aus den Auseinandersetzungen der Armen unterstützt durch die  Hilfe der Theologie der Befreiung mit der repressiven Gewalt der lateinamerikanischen Diktaturen stammt die Klage, die als Gleichnis formuliert wurde: "Den reißenden Fluß nennt man gewalttätig, nicht aber das Ufer, das ihn einengt."

Wenn ich meinem Wolf nicht dir Möglichkeiten gebe aufzuheulen, schneide ich mich von der Möglichkeit ab, meine unerfüllten Bedürfnisse wahrzunehmen. Wenn ich ihn nicht heulen lasse, wenn ich wütend bin ... wie soll ich dann wieder Verbindung bekommen zu mir und dem Anderen,wenn ich gar nicht an meine Bedürfnisse herankomme?

Ja, so sehe ich das aus. Das ist sehr gut formuliert.

Wenn ein Wolf (oder ein ganzes Rudel) unterwegs ist, hat er seine wundervolle, kraftvolle Daseinsberechtigung.

Selbstverständlich akzeptiere ich, dass diese "Wolfsrudel" für ängstliche Naturen einen bedrohlich wirkenden Anblick bieten oder aber ein beängstigend klingendes Konzert vor dem Hintergrund der eigenen Ängste und unerfüllten Bedürfnisse veranstalten können.

Mein Ziel ist es nicht, meine Wölfe zu erziehen, sie mit irgendwelchen Regelmentierungen oder Zwängen zu belegen, oder gar aus meinem inneren Rudel auszuschließen. Sie sind ein Teil von mir, den ich herzlich willkommen heißen  möchte.

Das wäre auch mein Anliegen. In der jungianischen Tiefenpsychologie heißt es dazu, dass es wichtig ist, seinen Schatten anzunehmen und zu integrieren, ihm einen bewußten Platz an zu bieten.

Ich möchte mich von ihnen nur nicht länger bestimmen lassen ... sondern mit der GfK eine Verbindung zu ihnen aufbauen und wie in der von mir schon zweimal hier im Forum beschriebenen Übung (Superwolf) bei ihrer Verwandlung zur Giraffe mitwirken. Die Schönheit eines jeden Wolfes anzuerkennen ist für mich die Wurzel der GfK.

Auch das, liebe Cynthia, hast Du trefflich formuliert. Den Schatten erlösen, den Wolf in uns anzuerkennen, ihm aber nicht die Verantwortung für unser Denken und Handeln nach seiner Art zu übertragen, heißt, ihn im Sinne des "Kleinen Prinzen" und der Aufforderung seines Fuchse, ihn zu zähmen, um ihn zum Freund zu haben, sich mit sich selbst, mit allen Fasern vertraut zu machen. Dann kann der Schatten nicht mehr aus dem Verborgenen und unerwartet boxen und dadurch das Konzept des Handelns impulsiv an sich reißen. Er hat nun eine viel wichtigere Aufgabe als Bote für die noch unerfüllten inneren Bedürfnisse. Das "Zähmen" geschieht natürlich am besten "gewaltfrei".

Liebe Grüße, Michael
« Letzte Änderung: 12. Juli 2008, 17:56:56 von Michael »
Zuhören ohne zu wissen, zu wollen, oder zu handeln. Handeln mit Umsicht.