Autor Thema: Es ist (gar nicht) so schwer zu bitten...  (Gelesen 6593 mal)

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Offline Claudia

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Es ist (gar nicht) so schwer zu bitten...
« am: 09. August 2009, 10:22:42 »
Guten Morgen, 


ich möchte meine Gedanken zum Thema Bitten und Forderungen teilen und freue mich über Eure Rückmeldungen oder Gedanken dazu.

In der GfK ist eine Bitte konkret, erfüllbar und im Hier und Jetzt.

Gestern war ich mit Freunden an der Fähre, als einige Motorradfahrer an uns vorbeiknatterten. Sehnsüchtig sagte sie, ach, ich möchte auch so gern wieder fahren... aber bei meiner Maschine sind die Blinker kaputt, und ich habe <---> auch schon gefragt, ob er mir beim Reparieren hilft...


Ich dachte, Mädchen, machs konkret! Hast Du am Samstag Zeit, um mir beim Reparieren der Blinker zu helfen? Es stellte sich dann heraus, dass die Blinker zwar bestellt, aber noch gar nicht eingetroffen waren... Aber es umgab sie eine Aura von "er hilft mir ja nicht dabei..."


Beim Drüber-Nachdenken stelle ich fest, dass ich sehr oft eine Art an mir habe, so um etwas zu bitten, dass die Bitte dann nicht erfüllt wird. Ich bleibe schwammig und unkonkret. Und ich merke, dass es meine Gewohnheit ist zu hoffen, dass der andere schon weiß, wie wichtig mir das Thema ist, und dass er deshalb zwar widerwillig, aber doch mir zuliebe tut, um was ich ihn bitte.

Das klappt nicht.

Ein Freund von mir hat mit seiner Frau die Verabredung, dass sie für seinen freien Tag eine Liste schreibt, was sie gern erledigt hätte. Doch leider vergeht ein freier Tag nach dem anderen und Dinge, die auf der Liste stehen, werden nicht oder nur zögerlich abgearbeitet, mit dem Ergebnis, dass sie frustriert und wütend, und er unzufrieden und traurig ist. Oh, ich kann das so gut verstehen. Es scheint mir seelenlos, einfach eine Liste abzuarbeiten. Wäre es nicht viel schöner zu wissen, welches wunderbare Bedürfnis ich beim anderen erfülle, wenn ich dieses oder jenes für ihn tue? Und würde es nicht viel mehr meinem Bedürfnis nach Autonomie entsprechen, wenn ich aus einer nicht-termingebundenen Liste die Aufgaben herauspicken könnte, zu denen ich gerade Lust habe, wie Desserts aus der Speisekarte?



Ich selbst formuliere meine Bitten gern schwammig, weil ich Angst vor Ablehnung oder Zurückweisung habe.

Marshall schlägt vor, Bitten mit der Weihnachtsmann-Energie vorzutragen:


Hohoho! Weißt du, dass Du ein wunderbares Bedürfnis von mir erfüllen kannst?  

Dieser Gedanke schien mir zuerst so ungewöhnlich und verrückt, dass ich dachte, das macht doch keiner! Aber je mehr ich darüber nachdenke und mit Weihnachtsmann-Energie experiemtiere, desto mehr komme ich zu dem Glauben, dass er Recht hat. Menschen lieben es, anderen Menschen eine Freude zu machen, ihnen zu helfen und sie zu unterstützen.


Eine Bitte ist konkret, durchführbar und im Hier und Jetzt. Ich merke, dass eine Bitte eine Bitte, und keine Forderung ist, wenn ich ein Nein gut hören kann. Uff! Ein Wunsch wie "kannst du mal im Wirtschaftsraum die Glühbirne auswechseln" ist also nicht wirklich konkret und im Hier und Jetzt, und sicher wäre ich extrem frustriert, wenn einfach nichts passiert.

Es ist auch müßig, Samstagabend darum zu bitten, wenn keine Glühbirnen im Haus sind. So viel zum Thema erfüllbar... 

Und wenn ich noch so konkret und erfüllbar um so einen Dienst bitte, und es läuft gerade die Sportschau mit dem Spitzenspiel der Liga, dann sind meine Chancen auf Erfüllung der Bitte mal ziemlich gering... Es ist wahrscheinlicher, dass mein Gegenüber gerade ganz andere Bedürfnisse hat und daher in diesem Moment nicht auf meine Bedürfnisse eingehen kann...

Wir unterscheiden Verständnisbitten und Handlungsbitten.
Verständnisbitten heißen in etwa:
Würdest Du mir bitte sagen,
was Du verstanden hast?
was bei Dir angekommen ist?
was Du gehört hast?
was Du meinst, was ich von Dir möchte...

Und selbst wenn der andere etwas ganz anderes verstanden hat, als ich ausdrücken wollte, tut es gut, mich zu bedanken.
Danke, dass Du es mir gesagt hast. Jetzt weiß ich, dass ich mich noch nicht so ausgedrückt habe, dass meine Botschaft auch ankommt.

Viel schwieriger sind die Handlungsbitten zu formulieren. ICH denke oft, es wäre doch ganz einfach zu erfüllen, was ich da gern hätte. Aber ich fürchte, das stimmt nicht. Zum einen bin ich nicht konkret in der Zeit. "Würdest du mal..." kann schnell mit einem  "ja, klar..." beantwortet werden und nichts passiert. Ich erinnere mich an eine Situation mit meinem Sohn, als der zehn Jahre alt war. Er übernachtete bei einem Freund, dessen Eltern morgens früh wegfahren mussten. Mit den Kindern war besprochen: Ihr kommt nach dem Frühstück zu uns nach Hause! Es wurde 12, es wurde zwei... keine Kinder in Sicht. Wir kämmten die Stadt durch, suchten in den Parks, am Wasser... nichts! Um fünf kamen uns zwei verdreckte Jungs  freudestrahlend auf der Straße entgegen. Mein entrüsteter Aufschrei: "Wir hatten doch vereinbart, dass ihr gleich nach dem Frühstück kommt!" konterte mein Sohn mit einem entspannten: Aber wir haben doch gar nicht gefrühstückt...

Nicht zu vergessen: Es gibt Bitten an mich und an andere. Oft bin ich so darauf fixiert, dass andere etwas für mich tun müssten, dass ich total übersehe, dass ich selbst ganz viele Möglichkeiten habe, etwas zur Erfüllung meiner Wünsche zu tun. zum Beispiel kann ich mich selbst bitten, mich wirklich kompetent um die Erfüllung meiner Wünsche zu kümmern. XX hat vier Wochen lang den tropfenden Wasserhahn nicht repariert? Dann kann die Bitte an mich selbst lauten: Was möchtest Du tun, um diese Arbeit endlich erledigt zu haben? XX noch einmal fragen? Jemand anderes fragen? Eine Firma beauftragen? Dir ein Do-it-yourself-Buch kaufen und es selbst machen? Das Waschbecken zustöpseln und das rinnende Wasser zum Blumen gießen auffangen? Was kann ich für mich tun, um mit dieser Situation gut klarzukommen?


Wenn es so einfach wäre mit dem Bitten... Aber ich glaube, es wird mit jedem Üben leichter!



Claudia




« Letzte Änderung: 09. August 2009, 10:30:54 von Claudia »
Unsere neuen oder erneuerten Beziehungen sind durchweg in Augenhöhe

Offline Mcyc

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Re: Es ist (gar nicht) so schwer zu bitten...
« Antwort #1 am: 09. August 2009, 14:34:54 »
Hallo Claudia,

ganz kurz und in Wolf ausdedrückt: Ein sehr schöner Text!

Langfassung:
Beim lesen des Textes habe ich eine große Resonanz in mir gespürt, eine kleine Stimme die sagte: Ja, genau so denke ich auch! Das ganze noch einmal so klar aufgedröselt zu lesen, ohne dass es lehrbuchhaft auf mich wirkte fand ich sehr erfrischend.
Und die Stelle mit den erfüllbaren Bitten hat mich zum Nachdenken angeregt, weil ich oft noch unerfüllbare Bitten stelle.

Lieber Gruß,

Markus
May the long time sun shine upon you,
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