Autor Thema: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?  (Gelesen 10072 mal)

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Offline Deuli

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Hey hey,
ich freue mich, dass ich endlich ein Forum gefunden habe, wo ich mich mit anderen über GFK austauschen kann!!

Nun meine Frage:
Laut Marshall sind ja Bedürfnisse nicht abhängig von einer bestimmten Person.
Gestern war ich nach längerer Zeit mal wieder meine Oma besuchen und merkte, wie wichtig mir der Kontakt zu ihr eigentlich ist. D.h. mein Bedürfnis nach Kontakt (zu Ihr) war nicht erfüllt. Aber ich kann jetzt doch nicht sagen, weil mein Bedürfnis nach Kontakt nicht erfüllt ist, gehe ich meine Tante besuchen, weil es mir in diesem Fall wichtig ist Kontakt zu MEINER OMA zu haben und nicht zu irgend jemand anderem!!!

Ist mein Bedürfnis in diesem Fall wirklich abhängig von meiner Oma, oder check ich nur nicht, dass das eine Strategie ist?

Bitte helft mir, das für mich klar zu bekommen.

Vielen Dank Deuli

Offline Träumling

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Re: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?
« Antwort #1 am: 03. November 2009, 09:02:44 »
Hallo Deuli,

also theoretisch ist das eine Strategie. So wird es gelehrt.
Aber hilft dir das weiter?

Ich könnte mir vorstellen, dass Kontakt vielleicht ein Bedürfnis ist von mehreren die bei dir unterwegs sind und dir deswegen die Kontaktaufnahme zur Tante vielleicht nicht das gewünschte Ergebnis bringen kann, bzw. es für dich schwer vorstellbar ist dass es gehen könnte.

In dem Falle würde ich mich Fragen: "Wenn ich den Kontakt zur Oma habe, wie fühle ich mich dann?" Die Antworten könnten Aufschluß darüber geben, was ich noch alles brauche. Leichtigkeit zum Beispiel - wenn es leichter ist mit der Oma innig und nah zu sein als mit der Tante, dann wäre die Tante keine gute Strategie wenn es um Kontakt und Leichtigkeit geht.

Hilft dir das weiter? Bin gespannt auf deine Überlegungen und Wahrnehmungen!
Grüße,
Teresa
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Offline Claudia

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Re: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?
« Antwort #2 am: 03. November 2009, 20:25:27 »
Hallo Teresa und Deuli,



eine spannende Frage, die ich bisher vor mich hergeschoben habe. Als ich Deine Anregung, Teresa, las, war ich ganz happy. Vermutlich erfüllt das Treffen mit der oma eben viel mehr Bedürfnisse als nur das nach Kontakt. Und unter Umständen muss ich bei mehreren lebendigen Bedürfnissen verschiedene Personen aufsuchen/mit ihnen in Kontakt kommen, um diese verschiedenen Bedürfnisse zu erfüllen... die Omi wäre dann einfach die Lieblingsstrategie...


Klingt ein bisschen dürre, wenn man die Omi richtig lieb hat, oder?

Claudia
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Offline Träumling

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Re: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?
« Antwort #3 am: 03. November 2009, 21:13:31 »
Hallo Claudia!
. die Omi wäre dann einfach die Lieblingsstrategie...


Klingt ein bisschen dürre, wenn man die Omi richtig lieb hat, oder?

Ja, also das gefällt mir auch nicht - ich mag das so nicht sehen. Denn nicht die Omi ist eine Strategie.... Omi ist ganz bestimmt keine Strategie ob Lieblings- oder nicht...
Die Omi ist in dem Falle (ich red jetzt eher allgemein, nicht auf mich oder auf Deuli bezogen, aber meine Meinung kund tuend) ein wichtiger Teil des Lebens, ein geliebter Mensch eben. Nur dieser Besuch ist die Lieblingstrategie für diesen Moment.
Ich halte es hier für wichtig zu trennen zwischen der Person und der Strategie in der die Person eine wichtige, vielleicht sogar unersetzbare Bedeutung spielt. Die Person hat eine Bedeutung für uns, die ich erstmal loslöse von den Bedürfnissen die wir mit und durch sie erfüllen - was vielleicht auch nur bedeutet dass ich mir noch nicht aller Bedürfnisse bewusst bin die so eine Person erfüllen kann. Das weiß ich nicht.

Allein schon mein Bedürfnis/Strategie/Wunsch/Dingens wichtigen Personen meiner Lebensgeschichte Loyal zu sein und sie niemals als austauschbar hin zu stellen zu wollen, macht es mir schwer eine Strategie mit anderen Personen statt dessen zu wählen - das könnte ich mir sozusagen übel nehmen. Das ist anfangs erstmal schwierig zu denken: "Was ich mir mit dieser Person erfülle, kann ich mir auch mit anderen Menschen erfüllen!", also sage ich erstmal: "Was ich mir durch diesen Besuch meiner "Lieblingsperson" erfülle, kann ich mir auch durch einen netten Abend mit (zum Beispiel) dieser neuen Person erfüllen!" (wenns jetzt zum Beispiel um Austausch geht). Das ist für mich eine Art Zwischenschritt der mir manches deutlicher macht und dadurch auch erleichtert.

Lieben Gruß,
Teresa
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Offline Claudia

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Re: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?
« Antwort #4 am: 03. November 2009, 21:17:14 »
Das mit der Loyalität kenne ich auch  :-\

C.
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Offline Träumling

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Re: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?
« Antwort #5 am: 03. November 2009, 21:46:26 »
Oh jetzt werde ich etwas off-Topic, verzeih Deuli und alle anderen! Ich werd mich kurz halten

@Claudia
Da sagst du was. Aber ich wollt dir auch eigentlich schon heute morgen geschrieben haben, dass ich meine schlimmste Loyalitätskiste dank der etwas abgewandelten Sedona-Methode wie ich sie nun benutze sortiert gekriegt habe. Was für ein Durchbruch, wunderbar! Vielleicht schreibe ich dazu trotz beinah runter klappender Augenlieder noch eben was im anderen passenden Faden.
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Offline Claudia

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Re: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?
« Antwort #6 am: 03. November 2009, 21:54:19 »
Ich freu mich!

C.
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Offline Deuli

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Re: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?
« Antwort #7 am: 04. November 2009, 17:04:16 »
Hey,
freut mich richtig, dass sich so viele von euch auf meine Frage gemeldet haben!
@ Träumling: Wie ich mich fühle, wenn ich Kontakt zu ihr habe?
Ich habe vorwiegend zwei Gefühle: zum einen bin ich glücklich, weil ich sehe, dass meine Oma sich freut, wenn ich sie Besuche (sie sagt es auch immer wieder) und 2. bin ich dankbar (ihr gegenüber), denn mir kommt dann der Gedanke, dass es mich ohne sie nicht gäb. Und das berührt mich.
Zitat
Zitat von: Claudia am Gestern um 20:25:27
. die Omi wäre dann einfach die Lieblingsstrategie...


Klingt ein bisschen dürre, wenn man die Omi richtig lieb hat, oder?
Das finde ich auch, ich kann das einfach nicht richtig als Strategie anerkennen, denn meine Oma ist einfach MEINE OMA und nicht beliebig mit irgend jemand anderem austauschbar!

Ciao Deuli

Offline Träumling

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Re: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?
« Antwort #8 am: 05. November 2009, 15:29:44 »
Hmmm *nachdenklich guck!

Hallo Deuli,

ich bin grad unsicher. Hast du meine Überlegungen zum Unterschied zwischen ersetzbaren Strategien und unersetzlichen Personen gelesen? Wie geht es dir denn damit?

Die, ich nenn es mal Liebes-Loyalität, verbietet uns doch eigentlich Personen einfach auszutauschen und doch können wir mit der GfK uns ein Stück Freiheit zurück erobern, in dem wir die Handlungen als Strategien identifizieren. Klar, braucht es dafür den Blick, was man sich damit eigentlich gutes tut mit dem Besuch. Wo ist also der Eigennutz, den man vielleicht gar nicht unbedingt zugeben mag.

In deinem Fall war es ja so, dass du als du bei deiner Oma warst gespürt hast wie wichtig sie dir ist, es ging also vielleicht darum den Kontakt zu ihr zu feiern, eure Verbindung zu feiern, zu feiern dass ihr euch sehen konntet und diese Gnade zu genießen - das zu feiern fällt woanders natürlich schwer. Doch könntest du bei deiner Tante wiederum den Kontakt zu ihr feiern.

Lieben Gruß,
Teresa
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Offline Tillmann

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Re: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?
« Antwort #9 am: 08. November 2009, 23:11:12 »
Hallo alle Mitlesenden,
melde mich - nach längerer Zeit - auch mal wieder zu Wort:

Der Grundsatz, dass die Erfüllung von Bedürfnissen nie abhängig ist von einer bestimmten Person, macht mich erst einmal aufmerksam für die Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Strategie und für die Erkenntnis, dass es manchmal halt fatal sein kann, wenn ich denke, dass nur eine einzige Person gerade mein Bedürfnis erfüllen kann, da ich mich ja bekanntlich dadurch von ihr abhängig mache und mich in meiner Autonomie mit diesem Gedanken sehr einschränke.

Ich verstehe M.R. so,  dass er mit seinem Grundsatz (s.o.) für diese "Abhängigkeiten" ein Bewußtsein schaffen möchte und gleichzeitig damit unsere Autonomie stärken möchte, weil es natürlich schöner ist, wieder die Wahl zu haben.
So ein klassisches Beispiel wäre die Beschreibung "ich brauche Wertschätzung von meiner Chefin" und der Gedanke, nur sie könne mir für meine Arbeit Wertschätzung geben.

Bei dem Beispiel von Deuli - so verstehe ich dich zumindest - geht es dir ja eher darum, dass die Großmutter als Person so viele Bedürfnisse auf einmal erfüllt und dass du den Kontakt zu ihr so sehr schätzt und du dir vielleicht im Moment keine andere Person vorstellen kannst, mit der du dich so glücklich fühlst? Und das ist ja wirklich ein Grund zum Feiern....

... und für den Moment jedenfalls kein Grund, über "Strategie" und "Lieblingsstrategie" nachzudenken.

Ich spüre gerade ein leichtes Unwohlsein mit dem Begriff  "Strategie" bzw. dem meinem Gedanken, "das ist ja nur eine Strategie".  Vermutlich, weil der Begriff  für mich so "technisch" klingt.
Es wird jetzt wieder etwas leichter, wenn ich denke: "Super dass es diese Unterscheidung gibt zwischen Bedürfnis und Strategie" und auch "Super, dass es die wunderbarsten Lieblingsstrategien gibt". Mit der Übersetzung: "eine Möglichkeit oder ein Weg von vielen, mir ein oder mehrere Bedürfnisse zu erfüllen" bin ich wieder zufriedener.

Lieben Gruss
Tillmann

Offline Rübenigel

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Re: Sind Bedürfnisse wirklich nie abhängig von einer bestimmten Person?
« Antwort #10 am: 09. November 2009, 10:10:17 »
Mir ist unwohl dabei, wenn ich lese "Marshall wolle unsere Autonomie stärken" ... Ich möchte nicht, dass IRGENDJEMAND meine Autonomie stärkt. Ich freue mich darüber, wenn mir durch die Beschäftigung mit der GfK immer deutlicher wird, dass ich in jedem Moment die Wahl habe. Und wenn ich den Weg wähle, mein Wohlbefinden von einer Person abhängig zu machen ... dann ist das für mich nicht mehr oder weniger wert als die "Unabhängigkeit" (jedenfalls nicht grundsätzlich). Es ist meine Wahl. Und die ist die "beste", die ich zu diesem Zeitpunkt treffen kann.

Wenn ich mich in die "Abhängigkeit" (mich gruselt da wirklich ein bisschen bei der Verwendung dieses Wortes) begebe, mein Bedürfnis nach Liebe und Nähe nur mit einem einzigen Menschen (z.B. meinem Partner) befriedigen zu können ... dann bekomme ich bei der Erfüllung dieses Bedürfnisses noch viel mehr dazu geschenkt (Verbindung, Austausch, Kontakt, Sinnlichkeit, Zärtlichkeit, Wärme, Gehaltenwerden, Gesehenwerden, Wertschätzung, Anerkennung, Gemeinschaft, Intimität, Sexualität, Entspannung, Spannung, Spiel, Lernen ...). Und wenn mein Partner gerade nicht dazu bereit ist, mir meine Bedürfnisse zu erfüllen ... dann bin ich eben vielleicht traurig, müde, schwer, erschüttert, verzweifelt, ... und fühle mich unkomfortabel. Oft ist es sogar so, dass ich erst zu diesem Zeitpunkt überhaupt merke, welche Bedürfnisse ich gerade habe. Erst durch den Mangel sehe ich manchmal, was mein Partner für mich bedeutet ... wofür ich ihn schätze ... welchen Reichtum er in mein Leben gebracht hat. Und dann erlebe ich diesen Mangel zu spüren als ganz große Bereicherung. Ihn zu spüren und zu sehen hat mir dann schon oft den Impuls gegeben, meinem Partner das dann auch zu sagen. Ihm Wertschätzung für sein Sein zu geben ... für den Unterschied, den er in meinem Leben macht. Und dann ist die Verbindung wieder da und auch die Nähe. Es spielt dann meist gar keine Rolle mehr, ob er mir meine Bedürfnisse erfüllt ... denn allein dadurch, dass ich sie gesehen und formuliert habe fühle ich mich schon bereichert und beschenkt.

Das war eine kleine Portion Rübensenf zu diesem Thema. Wem er nicht schmeckt, der lasse ihn beiseite.

Herzlichst
Cynthia
Ich bin froh, dass alles so ist, wie es ist. Wenn ich nicht froh wäre, wäre es auch so!