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Grundsätzliche Infos zu GfK
« am: 03. Oktober 2007, 19:41:07 »
Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt

Durch bewusste Kommunikation persönliche Grenzen
erweitern und Konflikte lösen


Serena Rust

Illustrationen: Stefan Stutz




"Frage dich nicht, was die Welt braucht.
Frage dich, was dich lebendig werden lässt
und dann geh los und tu das.
Was die Welt braucht, sind Menschen,
die lebendig geworden sind."

HAROLD WITHMAN


Stell dir vor: Du hattest eine unerfreuliche Auseinandersetzung – mit der Schwiegermutter, einem Kollegen, deiner Partnerin und nachts wachst du auf und bist noch einmal mitten in der Situation. Jetzt fallen dir all die schlagkräftigen Argumente ein mit denen du deine Sicht hieb- und stichfest hättest dar stellen können, jetzt schlägt der Ärger über den unmöglichen Anderen noch einmal richtig hohe Wogen.

Und wenns ganz hart kommt taucht jetzt auch noch eine Stimme auf, die dir sagt, dass du wirklich geistesgegenwärtiger hättest sein müssen, dass du eine lahme Schnarchtasse bist / wirklich kein ganzer Kerl bist und mit dem nicht viel anzufangen ist, wenns drauf ankommt, dass dir die guten Argumente ja immer erst hinterher einfallen, etc.

Wir alle erfahren Situationen und Umstände in unserem Leben in denen jemand eine persönliche Grenze überschreitet und damit eine heftige emotionale Reaktion in uns auslöst. Wie gehen wir damit um? Wenn jemand mir die Knöpfe drückt ist die Versuchung ja groß mit gleicher Münze zurück zu zahlen. Allerdings ist das keine optimale Antwort und zu fruchtbaren Lösungen kommen wir damit auch nicht. Wir verschwenden damit wertvolle, persönliche Energie, rollen noch mehr Steine in den Fluss unserer Kommunikation und tragen zu weiteren Turbulenzen in der Welt bei.


In der Gewaltfreien Kommunikation von M. Rosenberg habe ich eine sehr wirkungsvolle Hilfe gefunden mir selbst klar zu machen, was an dieser Grenze von der ich oben sprach innerlich geschieht, sie so auszudrücken, dass der andere mich auch versteht und damit ganz neue, lebendige Verbindungen zu knüpfen.

Die Symbole „Wolf“ und „Giraffe“

„Die Wahrheit ist nur wahr,
wenn auch ihr Gegenteil in ihr Platz hat.“

RUDOLPH MANN

Um eingängig und humorvoll darzustellen, wie es in der Kommunikation funken kann und wie sie baden geht, verwendet Marshall Rosenberg zwei Tiere als Symbole, den „Wolf“ und die „Giraffe“.
Der „Wolf“ ist der Experte für die uns allen sehr vertraute, vom bewertenden und interpretierenden Denken geleitete Art zu sprechen und zu hören. In diesem Büchlein hilft er uns zu erkennen, warum unsere Auseinandersetzungen mit anderen manchmal trotz bester Absichten ganz anders verlaufen, als wir uns das wünschen. Die „Giraffe“ zeigt uns dann, wie wir dieselben Situationen fruchtbar transformieren können.

Die „Giraffe“ spricht und hört ganzheitlicher als der „Wolf“. Im Gegensatz zum „Wolf“ kann sie ihre Gefühle und Bedürfnisse in das Gespräch einzubeziehen. Das ist ein wesentliches Element der „Gewaltfreien Kommunikation“, weshalb sie auch „Einfühlsame Kommunikation“ genannt wird.
Natürlich kommen „Wolf“ und „Giraffe“ mit ihren Ausdrucks- und Verständigungs-Weisen in Wirklichkeit nicht in Reinkultur vor. Es gibt keinen Menschen, der nur „Wolf“ ist oder nur „Giraffe“! Beides sind Kommunikations-Stile, die wir mit jedem Gesprächspartner, in jedem Moment, in jeder Situation anders gefärbt und gewichtet verwenden.

Manchmal bin ich ein „Wolf“ mit Giraffenflecken, ein andermal eine „Giraffe“, die auf Wolfspfoten tanzt.

Die auf Dominanz und Bewertungen ausgerichtete Wolfssprache beherrschen wir automatisch. Genau benommen beherrscht sie jedoch uns! Wir benutzen sie automatisch, denn sie ist die kulturelle Mutter- und Vatersprache, in der wir von klein auf leben und die unser Denken geprägt hat.


Der „Vier Schritte“ - Prozess

Ein Wolfsdialog

„Musst du immer so rasen? Du weißt doch, dass ich Angst habe!“

„Wieso? Ich rase doch überhaupt nicht! Ich fahr’ schlappe 160.“

„Typisch Macho! Wärst wohl gerne Ralf Schuhmacher!“

„Stell dich nicht so an! Ich kann dein Gejammer nicht mehr hören.“

„Wie immer: Egoistisch bis zum Abwinken! Halt sofort an. Mit dir fahr ich nirgends mehr hin!“


Marshall Rosenberg hat einen Prozess von vier aufeinander folgenden Schritten entwickelt, in denen wir davon sprechen, wie es uns geht und was wir brauchen, um uns besser zu fühlen, ohne dass wir dem Anderen gleichzeitig Vorwürfe machen, ihn Kritisieren oder auf andere Arten mehr oder weniger subtile Art verletzen.

Diese vier Schritte bilden die Brücke, über die wir aus unserer bisherigen „normalen“ und dennoch oft destruktiven und gewalttätigen Art der Kommunikation in das „Giraffen-Paradies“ gelangen. Sie sind in allen Situationen hilfreich und besonders in einem Konflikt. Die Zutaten zu diesem Prozess sind nicht neu, doch die Zusammenstellung und Anwendung ist so einfach wie genial. Ich stelle sein Modell hier kurz vor. In meinem Buch gehe ich ausführlicher auf jeden einzelnen Schritt ein.

Du kannst die Schritte gleich praktisch mit vollziehen indem du an eine Situation denkst, die du kürzlich erlebt hast in der jemand etwas getan hat, was dich irritiert oder aufgebracht hat. Behalte diese Erfahrung im Sinn und gehe durch die folgende Übung


1. Schritt: Beobachten ohne zu beurteilen

Im ersten Schritt sage ich, was genau der Anlass ist, weshalb ich dieses Gespräch beginne. Wichtig ist, dass ich keine Bewertung in meine Aussage hinein mische.

Was habe ich gesehen oder gehört? Was genau war der Auslöser, auf den ich reagiert habe? Wenn ich sage: „Du kommst 20 Minuten nach dem Filmanfang!“ drücke ich aus, was ich beobachte. Sage ich: „Du kommst schon wieder zu spät!“ mische ich hinein, was ich davon halte.

2. Schritt: Fühlen ohne zu interpretieren

Im zweiten Schritt spreche ich mein Gefühl aus. Wichtig ist hier eine Sprache zu verwenden mit der ich wirklich Gefühle benenne für die ich verantwortlich bin und Worte zu vermeiden, mit denen ich mich zum Opfer mache – und den anderen zum Täter. Ich kann z.B. ängstlich sein, froh, betroffen, frustriert, berührt oder traurig. Sage ich hingegen: "Ich fühle mich von meinem Chef ignoriert!", brauche ich für mein „Gefühl“ eine andere Person, die macht, dass ich mich so fühle. Ich kann mich nicht von mir selbst „ignoriert fühlen“. Dieses „Gefühl“ entsteht in Reaktion auf einen anderen. Damit drücke ich im Sinn der Gewaltfreien Kommunikation nicht einfach aus was ich fühle, sondern wie ich ein bestimmtes Verhalten meines Chefs interpretiere. Wenn ich Worte wie „verlassen“, „zurückgewiesen“, „übergangen“, verwende, gebe ich dem anderen Macht über meine Gefühle und bin mit ihm dadurch auf eine blinde Weise verstrickt.


3. Schritt: Bedürfnisse statt Wege, wie ich mein Bedürfnis erfüllen möchte

Im dritten Schritt frage ich mich, was ich in dieser Situation brauche. Ich finde heraus, welches Bedürfnis hinter diesem Gefühl liegt, das mich bewegt, denn ich hätte keine starken Gefühle, wenn alle meine Bedürfnisse erfüllt wären. Hier kann es z.B. um das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Freiheit, Sicherheit, Autonomie, Sinn gehen.

Mit dem Satz: "Ich brauche Erholung!“ drücke ich ein Bedürfnis aus. Sage ich hingegen: "Ich möchte morgen einen Ausflug machen!“ spreche ich von einer bestimmten Strategie, einem konkreten Weg also, wie ich mein Bedürfnis nach Erholung befriedigen will.

4. Schritt: Konkrete, verhandelbare Bitten statt fordern oder allgemein wünschen

Und im vierten schließlich äußere ich eine Bitte, in der ich sehr konkret sage, was ich jetzt gerne möchte, z.B.

"Bitte, kannst du die Spülmaschine gleich ausräumen?" ist solch eine konkrete Bitte. Jetzt kann der andere ebenso konkret reagieren, indem er meine Bitte erfüllt, Modifizierungen vorschlägt oder ablehnt, weil gerade andere Bedürfnisse dringender sind.

„Bitte, kannst du in der Küche mehr Ordnung halten?“ ist ein Beispiel für einen allgemeinen und deshalb leider so häufig folgenlos verpuffenden Wunsch. Ob meine Bitte wirklich eine Bitte oder eine Forderung ist, entscheidet sich daran, ob der andere "Nein" sagen kann, ohne dass unsere Verbindung leidet oder er mit Sanktionen rechnen muss.
Wir können diese Vier Schritte anwenden, um uns selbst auszudrücken und wir können sie anwenden, wenn wir anderen zuhören, um uns in ihre Beobachtungen, ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse und ihre Bitten einzufühlen. Auf diese Weise wird unsere Kommunikation zu einem hin und her schwingenden Tanz zwischen dem, was ich beobachte, fühle, brauche und erbitte und dem, was du beobachtest, fühlst, brauchst und erbittest.

Die Vier Schritte geben mir das Gefäß, die Struktur, in die ich meine Worte gieße, um mit dem anderen zu teilen, was mich innerlich bewegt, ohne ihn dafür verantwortlich zu machen oder zu entwerten.
„Sie sind einfach, aber nicht leicht!“, hörte ich kürzlich über die Vier Schritte. Das stimmt. Sie sind ein leicht überschaubares Modell, doch wenn wir sie anwenden wollen, finden wir uns häufig unversehens in den Denk- und Sprechweisen wieder, die uns seit Jahrzehnten vertraut sind. Ich selbst war überrascht und zunehmend irritiert, wie ich entgegen meiner bewussten Absicht automatisch immer wieder in die Wolfssprache rutschte! Also begann ich mir erst mal die Welt meines inneren „Wolfes“ mit ihren Sprachformen bewusst machen, um sie identifizieren und verändern zu können.


„Wolfs“- Ohren und „Giraffen“-Ohren

„Die letzte der menschlichen Freiheiten
besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen“.

VIKTOR FRANKL

Wölfe sprechen nicht nur, sie hören auch!
Die Melodie der Gewaltfreien Kommunikation wird auf zwei Instrumenten gespielt: Bis hierher haben wir uns mit dem offenkundigeren beschäftigt, dem Sprechen. Das zweite, verborgenere Instrument ist das Hören. Weil es nicht so direkt wahrnehmbar ist wie das Sprechen, ist seine Wirkung zunächst etwas schwieriger zu bemerken.

Ich kann mit „Wolfs-Ohren“ hören und die Worte des anderen als Angriff, Vorwurf, Bewertung etc. auffassen – oder ich kann mit Giraffenohren eine Mitteilung über ein unerfülltes Bedürfnis und die damit verbundenen Gefühle hören. In seinen Seminaren verwendet Marshall Rosenberg Wolfsohren und Giraffenohren aus Plüsch, die er auf und absetzt, um diesen Prozess zu veranschaulichen.
Auf meinem Weg in die „Giraffen-Welt“ habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir die Wahl zwischen „Wolf“ und „Giraffe“ beim Hören leichter fiel als beim Sprechen. Meine Ohren konnte ich schneller bewusst umschalten, vielleicht weil ich das ganz unbemerkt und still in meinem Inneren üben konnte. Dabei stellte ich betroffen fest, wie häufig zwei (oder mehr) Menschen in einen eskalierenden Konflikt geraten, bei dem sich am Ende herausstellt, dass der eine schon in den ersten Sätzen etwas anderes gehört hat als der andere sagte! Selbst wenn ich „lupenreine Giraffen-Sprache“ spreche ist also noch nicht gesagt, dass meine Worte durch die „Wolfs-Ohren“ des anderen zu seinem Herzen durchdringen. Ich lernte mal wieder, wie wichtig es ist, erst einmal aufmerksam und sorgfältig herauszufinden, worum es wirklich geht! Dabei hat mir die Erfahrung sehr geholfen, dass ich wählen kann, mit welchen Ohren ich höre!

Unter Kolleginnen
Stell dir vor, nach einem Meeting sagt eine Kollegin zu dir:

„Du lässt mich nie zu Wort kommen! Ich bin total frustriert, weil du dich immer so in den Vordergrund drängst!“

Mit welchen „Ohren“ hörst du? Wie reagierst du auf das, was du hörst?

Wolfsohren
Unsere „Wolfs“-Ohren sind genauso automatisiert wie unser Sprechen. „Wolfs“-Sprache und „Wolfs“-Hören gehen Hand in Hand.

Ganz spontan aus dem Bauch heraus würdest du deshalb vielleicht antworten:

„Ach komm! Bist doch selber schuld, wenn du den Mund nicht aufbekommst! Du bist einfach eine Trantüte! Du müsstest dich einfach Mal ein bisschen mehr engagieren!“

Wenn deine Reaktion in diese Richtung geht, hörst du diesen Satz also als einen Angriff und antwortest mit einem Gegenangriff. Du hörst mit der „wölfischen“ inneren Haltung: „Ich habe Recht und du hast Unrecht!“ und reagierst nach Außen.

Oder denkst du vielleicht:

„Ja stimmt! Ich überfahre immer alle mit meiner überbordenden Power. Das ist doch wirklich peinlich! Ein unmögliches Sozialverhalten! Was soll der Chef bloß von mir denken! Ich sollte mich wirklich bremsen!

Dann hast du die Worte deiner Kollegin als Schuldzuweisung gehört – und teilst ihre Bewertung! Du stimmst ihr zu und machst dich innerlich noch zusätzlich nieder. Wieder sind deine „Wolfs“- Ohren aktiv – doch diesmal reagierst du damit nach Innen: „Du hast Recht und ich habe Unrecht!“

Oder du erklärst der Kollegin:
„Na ja, es hat sich ja niemand zu Wort gemeldet! Einer musste schließlich etwas sagen. Und überhaupt habe ich mit meinem Beitrag allen Diskussionsstoff geliefert!“

Du hast weiterhin deine „Wolfs“- Ohren nach Innen gerichtet – du rechtfertigst und entschuldigst dich gleichzeitig, das heißt, deine wölfische Haltung von „Einer muss Recht haben“ wendet sich gegen dich selbst, du setzt dich selbst ins Unrecht und fängst an, dich zu verteidigen.

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Giraffenohren
Möglicherweise hast du jedoch schon mal was von Gewaltfreier Kommunikation gehört oder du bist ohnehin ein mitfühlender Mensch, der nicht gerne einfach zurückhaut. Dann fühlst du dich vielleicht auch erst mal angegriffen, aber du reagierst nicht einfach blind mit einem Gegenangriff, einer Selbst-Beschuldigung oder Rechtfertigung, sondern ziehst die Reißleine am Giraffenfallschirm! Du atmest tief durch und kommst erst einmal zu dir! Du erinnerst dich daran, wie du dich mit deinen lebendigen Gefühlen und Bedürfnissen auf konstruktive Art verbinden kannst.

Dann wird dir vielleicht klar:
„Ich bin betroffen, weil mir daran liegt, dass alle zu Wort kommen und ihre Ideen einbringen können!“
Du hörst mit „Giraffen“-Ohren und wendest sie einfühlsam nach Innen an.

Und wenn du selbst ganz im Frieden mit deinem Verhalten bist, kannst du deine „Giraffen-Ohren“ auch direkt einfühlsam nach außen richten. Du empfindest deine Kollegin als einen Mitmenschen, der sich um seine Bedürfnisse kümmert und hörst ihren Satz als einen ungelenken Ausdruck ihrer Gefühle und unerfüllten Bedürfnissen. Du bleibst souverän und fragst dich einfühlsam: Was fühlt sie wohl gerade? Was braucht sie vielleicht gerade?

„Bist du unzufrieden, weil du selbst gerne etwas beitragen wolltest?“

Vielleicht antwortet sie:
„Ja, herrje! Ich hatte so eine Superidee und kam gar nicht durch, weil du immer so schnell bist!

Oder:
„Nein eigentlich nicht. Es fühlt sich bloß so doof an, immer nur wortlos daneben zu sitzen.“
und schon tanzt du mit ihr in „Giraffen“- und „Wolf“-Schritten weiter…

Der Artikel ist teilweise ein Auszug aus dem Buch von Serena Rust „Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt“ mit Illustrationen von Stefan Stutz, ISBN-10 3-936862-77-X, KOHA Verlag.

Serena Rust ist zertifizierte Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation, Synergetik Therapeutin und Autorin von „Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt“. Sie macht Einzelsitzungen und Paarberatungen, sowie Seminare und Basis-Ausbildungsgruppen in Gewaltfreier Kommunikation.

www.serena-rust.de,

www.forum-gewaltfrei-frankfurt.de

Weitere Informationen:

www.gewaltfrei.de
« Letzte Änderung: 10. August 2009, 20:36:52 von Claudia »
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