Autor Thema: eine Geschichte, die ich nicht vergessen lassen möchte  (Gelesen 5369 mal)

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mutabor

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Der junge Hans Peter Dürr wurde von den Nazis für die letzten Kämpfe eingezogen und nach Kriegsende von den Alliierten inhaftiert. Erst sagte man ihm, die anderen seien die Bösen, dann sollte er selber der Böse sein. Er war zutiefst in seinem Menschenbild erschüttert – er wollte ausgesprochener Maßen keinem Menschen mehr trauen!

Eine amerikanische Professorin jüdischen Glaubens hatte kurz nach dem Holocaust  Verständnis für seine Lebenssituation. Sie sah in ihm, einen jungen Mann, der so gehandelt hatte, wie vermutlich viele in der gleichen Situation. - Keinen Arier, nicht den Verursacher all des Leides auf der Welt, sondern einen Menschen.

Das führte dazu, dass dieser junger Physiker, ihrem Rat folgte, sich politisch einmischte (denn: wer schweigt, macht sich selber schuldig - so Frau Arendt) und später mit anderen Wissenschaftlern im Gespräch mit Gorbatschow die Weichen für den Fall des eisernen Vorhang stellte. Für sein Engagement wurde er mit dem alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award - Preis für die richtige Lebensweise) ausgezeichnet.

Hannah Arendt sagte (nach Dürr): „Die persönliche Schuld, die uns als Mitglied einer Gesellschaft an deren Vergehen trifft, ist im allgemeinen KLEINER als die Schuld, die uns Außenstehende hinterher zumessen. Unsere Persönliche Schuld ist andererseits viel GRÖSSER als die Schuld, die wir uns selber eingestehen.“

Man achte mal auf das zirkuläre Denken dahinter.

Sie folgt in dem Konzept der Schuld und des Rechtes. Ihren Gedanken nach SOLLTEN die Mensch RICHTIG handeln. - Alles sichere Merkmale von Wolfssprache!

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Ich möchte – wie um diese Geschichte zu interpretieren - einen Text von  Khalil Gibran hinzufügen. In der Prophet (http://www.scribd.com/doc/22648249/Der-Prophet-PDF) schreibt er:

Dann wandte sich ein Richter der Stadt an ihn und sprach: Erzähle uns über Schuld und Sühne!

Und er antwortete mit diesen Worten: Wenn euer Geist sich vom Wind hinwegtragen lässt, so begeht ihr allein und unbewacht ein Unrecht an anderen und somit letztlich auch an euch selbst. Für dieses begangene Unrecht müsst ihr eine Weile am Tor der Seligen warten, bis man euch auf euer Klopfen hin Einlass gewährt.

Euer göttliches Ich gleicht dem Meer. Es bleibt ewig makellos. Wie der Äther trägt es nur jene empor, die Flügel haben. Und euer göttliches Ich ist der Sonne ähnlich. Es durchläuft weder die Gänge des Maulwurfs, noch rollt es sich in den Höhlen der Schlangen zusammen. Doch ihr seid weitaus mehr als euer göttliches Ich. Ein großer Teil eures Ichs ist noch Mensch und ein ebenfalls großer Teil ist noch nicht Mensch, sondern ein plumper Zwerg, der im Nebel schlafwandelt und auf sein Erwachen wartet. Dennoch möchte ich über den Menschen in euch sprechen.

Denn er ist es und nicht euer göttliches Ich oder auch der Zwerg im Nebeldunst, der es mit Schuld und Sühne aufnehmen muss. Oft höre ich euch über jene reden, die sich strafbar machen, so als seien sie keine von euch, sondern Fremde und Eindringlinge in eure Welt.

Ich aber sage euch, so wie der Heilige und der Gerechte sich nicht über das Höchste in euch erheben kann, ebenso kann der Böse und Schwache nicht tiefer fallen als das Niedrigste, das jeder von euch in sich birgt. Und wie ein einzelnes Blatt nicht vergilbt, ohne dass der ganze Baum dafür verantwortlich wäre, so gibt es auch keine Übeltäter, der seine Straftaten ohne euer aller verborgenen Willen begeht. Wie in einer Prozession geht ihr zusammen eurem göttlichen Ich entgegen. Ihr seid der Weg und die Wallfahrer. Wenn einer von euch strauchelt und fällt, so fällt er für jene, die hinter ihm gehen, um sie vor dem Stolperstein zu warnen. Ja, er fällt sogar für die, die vor ihm gehen, die schneller und sicherer zu Fuß sind und die es versäumten, den Stein zu entfernen.

Und noch ein Wort, wenngleich es schwer auf euren Herzen lasten wird: Der Ermordete ist an seiner eigenen Ermordung nicht unschuldig. Der Beraubte wird nicht ohne Mitschuld beraubt.
Der Rechtschaffene stets auch ein wenig der Komplize des Übeltäters. Und nur weil unsere Hände sauber sind, dürfen wir uns doch nicht rühmen, keine Schuld an den Missetaten des Bösen zu tragen. Ja, der Schuldige ist bisweilen das erste Opfer des Unrechts. Und sehr häufig trägt der Verurteilte die Last der Strafe anstelle all jener, die nicht bestraft werden und sich keiner Schuld bewusst sind.

Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit gehören ebenso zusammen wie das Gute und das Böse.
Zusammen stehen sie vor dem Angesicht der Sonne, so wie der weiße und der schwarze Faden zusammen in einem Tuch verwoben sind. Reißt der schwarze Faden, so muss der Weber sowohl das ganze Gewebe als auch die ganze Arbeit prüfen.

Wenn einer von euch die untreue Frau vor Gericht bringt, so möge man auch das Herz ihres Mannes in die Waagschale legen und ihrer beiden Seelen aneinander messen. Und wer den Übeltäter auspeitschen will, erforsche zunächst den Geist des Übeltäters.

Wer von euch im Namen der Gerechtigkeit eine Strafe verhängen und die Axt an den Baum des Bösen legen möchte, der untersuche zuerst dessen Wurzeln! Er wird die Wurzeln des Guten und des Bösen, des Fruchtbaren und Unfruchtbaren miteinander verflochten finden im stillen Schoß der Erde.

Und ihr Richter, die ihr gerecht sein wollt, welches Urteil sprecht ihr über jemanden, der in seinem Fleische ehrlich ist, in seinem Denken aber ein Dieb?

Wie bestraft ihr jemanden, der im Fleisch erschlägt und im Denken ein Erschlagener ist? Und wie verfolgt ihr jene, der unser Vertrauen missbrauchen und gewalttätig sind, weil sie selbst gekränkt und verletzt wurden? Und wie wollt ihr jene bestrafen, deren Reue bereits größer ist als ihr begangenes Unrecht?

Ist nicht Reue die Strafe, die jenes Gesetz verhängt, dem zu dienen ihr vorgebt? Doch ihr könnt weder dem Unschuldigen Reue auferlegen, noch sie dem Herzen des Schuldigen abnehmen. Als ungebetener Gast wird sie in der Nacht zu euch kommen, damit die Menschen wachen und in sich gehen.

Und ihr, die ihr etwas von Gerechtigkeit zu verstehen glaubt, werden ihr alle Taten im rechten Licht sehen können? Erst dann werdet ihr wissen, dass der Aufrechte und der Gefallene ein und derselbe Mensch ist, der zwischen der Nacht seines Zwerges und dem Tag seines göttlichen Ichs im Dämmerlichte steht, und dass der niedrigste Stein im Fundament des Tempels ebenso unverzichtbar ist wie der Schlussstein dieses heiligen Gebäudes.

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Wenn man Khalil Gibran folgen will, müsste man die Geschichte von Hans-Peter Dürr und Hannah Arendt um eine Kleinigkeit ergänzen – aber das überlasse ich der werten Leserin / dem werten Leser … :)

Offline Claudia

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Re:eine Geschichte, die ich nicht vergessen lassen möchte
« Antwort #1 am: 29. Juli 2011, 18:23:58 »
Zitat
Und noch ein Wort, wenngleich es schwer auf euren Herzen lasten wird: Der Ermordete ist an seiner eigenen Ermordung nicht unschuldig. Der Beraubte wird nicht ohne Mitschuld beraubt.
Der Rechtschaffene stets auch ein wenig der Komplize des Übeltäters. Und nur weil unsere Hände sauber sind, dürfen wir uns doch nicht rühmen, keine Schuld an den Missetaten des Bösen zu tragen. Ja, der Schuldige ist bisweilen das erste Opfer des Unrechts. Und sehr häufig trägt der Verurteilte die Last der Strafe anstelle all jener, die nicht bestraft werden und sich keiner Schuld bewusst sind.



Ich kann das schwer lesen, weil ich in diesen Tagen so oft an die ermordeten Kinder und Jugendlichen in Norwegen denken muss, und an den Mann, der anscheinend so viel Angst vor dem Fremden/anderen hatte, dass ein Massenmord die beste Strategie war, die ihm zur Verfügung stand.

Sicher - als Gesellschaft tragen wir alle die Verantwortung für alle unwidersprochenen Aussagen wie die von Sarrazin oder Henryk M. Broder. Aber welche Verantwortung tragen die Menschen, die in Oslo erschossen oder zerbombt wurden?

Ich kenne einige GfK'ler, die es schon heute schaffen würden, dem Attentäter Empathie zu geben. Ich ringe noch immer damit, nicht in den Kategorien von Schuld und Strafe zu denken. Ich fürchte, mein Weg ist noch lang.

Claudia
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mutabor

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Re:eine Geschichte, die ich nicht vergessen lassen möchte
« Antwort #2 am: 06. August 2011, 08:22:29 »
Hi Claudia,

ich habe Angst, dass jemand, der sich meine Gedanken durchliest sagt: das ist nichts als Zynismus und das darf man so nicht sagen. Wer so denkt, der ist mitleidslos usw..

Ich denke auch immer wieder an die Opfer in Oslo. Ich fühle mich von den Ereignissen tief berührt. ... oder die Hungerkatastrophe in Somalia.

Vor beidem stehe ich ratlos. Und trotzdem möchte ich, dass in einem Forum über die GfK darüber geschrieben wird, denn in beidem lese ich über Gewalt und über ein Verhältnis zwischen den Menschen, über ihre Bedürfnisse und eine Haltung, die man sich gegenseitig entgegen bringt.

Wenn ich die Augen so halb verschließe und nur noch die groben Konturen erkenne, dann fällt mir auf, dass solche Ereignisse wie die Hungersnot in Somalia und die Tötungen in Oslo etwas miteinander zu tun haben: wir leben in einer Welt, in der die Ressourcen sehr ungleich verteilt sind. Die einen haben nichts und die anderen haben sehr viel. Zudem wollen die, die sehr viel haben ihren Besitz nicht so richtig teilen, im Gegenteil ihre Wirtschaft ist auf permanentes Wachstum gegründet und die, die arm sind, werden immer mehr, so dass sie einen immer höheren Bedarf für die Grundbedürfnisse haben.

Die Bedürfnisse wachsen auf beiden Seiten an und gleichzeitig reduzieren sich die Ressourcen, weil sich durch den radikalen Abbau das Klima für unseren Fortbestand verschlechtert, die Nahrungsquellen - eine nach der anderen weniger werden (Verwüstung, Meere überfischt , Wälder gerodet usw.).

Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich immer mehr, mit dem Ergebnis, dass immer mehr Menschen leiden und sterben. Das System eskaliert und solche Eskalationen endeten bis lang sehr häufig im Krieg (zum Beispiel mit Waffengewalt, mit Sprachgewalt oder mit wirtschaftlichen Mitteln).

Was mich ebenso berührt, ist, dass in Norwegen scheinbar eine relevante Anzahl von Leuten keine Verschärfung ihrer Gesetze fordern, keinen Ausbau ihrer Staatsgewalt. Das ist in meinem Denken genau die richtige Richtung! Hier endet ein Krieg im Kleinen.

Was mich inzwischen sehr verwundert, ist, dass ich bis nur sehr wenige gehört habe, die solchen Fremdenhass als ein Teil unserer Lebensweise beschreiben: unsere westeuropäische Lebensweise gründet sich auf den steigenden Konsum, mit dem Ergebnis, dass immer mehr Menschen sogar in den eigenen Ländern auf der Strecke bleiben. Dies ist ein „kommunikativer Akt“. In Sprache übersetzt heißt er in etwa: nach der Ideologie unseres Wirtschaftsystem ist es wichtiger, dass ich selber in Reichtum lebe, als dass ich nach den Bedürfnissen von vielen teile. Ellbogenmentalität.

Ich denke, dass es vielen Personen geglückt ist die ersten Schritt in eine Welt zu tun, die ich für lebenswerter halt. Zugleich sehe ich uns erst in einem ganz kleinen Anfang...

... und wie klein dieser Anfang ist, fällt mir auf, wenn ich die Steuererklärung mache. Mir fällt es sehr schwer, jetzt nicht zu schummeln, alles genauso zu machen wie es sich gehört und jeden Steuercent zu zahlen. – ich bin keinen Deut besser. Was ich hier ausspreche, beschreibt mich. Oder anders ausgedrückt: was ich mit meinen Landsleuten zusammen lebe, hat etwas mit Oslo und Somalia zu tun. Oslo und Somalia sind Ausdruck unserer Lebensweise – und natürlich auch derer, die sonst noch damit zu tun haben.

Wenn ich einen Lichtschimmer sehe, wie ich ganz konkret dazu beitragen kann, dass es sich einen Hauch bessert, dann fällt mir nur dieser Weg ein:

1.   Weg von dem Gedanken, dass es Täter und Opfer gibt. Alle Beteiligten bilden ein System. D.h. alles, was in einem System passiert, ist Ausdruck des Systems und steht zueinander in Wechselbeziehung. Jeder hat mit jedem zu tun und es findet eine Kommunikation zwischen allen statt, die sich gegenseitig beeinflusst.
2.   Wenn das so ist, dann haben Erscheinungen wie Hilter, Milošević, Gaddafi oder der Täter aus Olso mit mir als Vertreter einer Gruppe in diesem System zu tun. Wir sind ein Mobile und wenn ein Teil angestubbst wird, bewegt sich alles...

Ich weiß nicht, ob ich ein richtiger GfK-ler bin, aber je mehr ich nachdenke, umso mehr habe ich selber das Gefühl, dass ich mich mit Leuten wie Hilter verbunden bin. Ich würde es sehr gerne sehen wenn seine Taten ungeschehen wären. Ich sehe mit Besorgnis nach Oslo und Somalia, aber ich denke immer mehr, dass Hilter und ich auf das engste miteinander zu tun haben: das sind keine Fremden, von denen ich mich abwenden kann, sondern wir sind ein einziges kommunikatives System.

Und deshalb möchte ich darüber reden in einem GfK-Forum - villeicht kann man ja damit etwas Gutes bewirken.

Liebe Grüße
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Offline Claudia

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Re:eine Geschichte, die ich nicht vergessen lassen möchte
« Antwort #3 am: 06. August 2011, 21:07:55 »
Hallo, Mutabor,

Oslo, Somalia, Kenia, mein Büro. Alles eins.

Und JA, Deine Texte gehören hier hin!

Claudia
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mutabor

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Re:eine Geschichte, die ich nicht vergessen lassen möchte
« Antwort #4 am: 07. August 2011, 09:39:53 »
Hi Claudia,

vielen Dank!

Bei alle dem fällt mir eins auf, mit einem Gewaltverbrecher umzugehen, einem sogenannten Kinderschäder freundlich in die Augen zu schauen (Gewaltverbrecher, Kinderschänder - was für eine wölfische Sprache! die ich benütze!!!) fällt mir nicht schwer, ...

ABER ...

... wenn es um meine Frau oder meinen Schwiegervater, gemochte Arbeitskollegen geht, dann fällt es mir unendlich schwer meiner Idee von Freundlichkeit nahe zu kommen, wenn ich frustriert bin.

Und daran scheitere ich immer wieder.

Dies gehört einfach mit zu meinen Gedanken. :)

LG
m

Offline Claudia

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Re:eine Geschichte, die ich nicht vergessen lassen möchte
« Antwort #5 am: 07. August 2011, 10:03:59 »
Moin, Mutabor,

ich erlebe es so, dass es umso schwerer ist, je näher mir ein Mensch steht. Du solltest mich mal mit meinem Sohn zusammen sehen....  :wolf0:

Claudia
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mutabor

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Re:eine Geschichte, die ich nicht vergessen lassen möchte
« Antwort #6 am: 07. August 2011, 10:48:55 »
Genau das meine ich!

Mir hilft bei diesen Vorstellungen, dass diese nahen und fernen Menschen so wie Gott (oder vielleicht doch er selber ;)) sind und mir zeigen, wo es im Leben entlang geht: DA tut es weh, damit DARFST Du dich beschäftigen - wer weiß wozu das alles gut ist.

Vielleicht gibt es eine Sicht auf das Leben, in der wir noch höchst dankbar für unsere Crashs im Leben sind :)