Autor Thema: Ein Therapie-Gespräch (Beispiel)  (Gelesen 5794 mal)

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Offline Claudia

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Ein Therapie-Gespräch (Beispiel)
« am: 11. September 2007, 09:41:08 »
MS ist Marshall Rosenberg
P   ist sein Patient,  der bei ihm ein Therapiegespräch hat


MS:  Was ist es, was Sie haben wollen und nicht bekommen?
P:      Ich weiß nicht, was ich will.

MS: Ich dachte mir schon, daß Sie das sagen.
P:    Wieso?

MS:  Meine Theorie ist, daß wir depressiv werden, weil wir das, was wie wollen, nicht bekommen.
Und wir bekommen nicht,was wir wollen, weil uns nie beigebracht wurde, das zu bekommen, was wir wollen.
Statt dessen haben wir gelernt, brave kleine Jungs und Mädel und gute Mütter und Väter zu sein. Wenn wir eine von diesen guten Eigenschaften haben, gewöhnen wir uns am besten gleich daran, depressiv zu werden.

Depression ist die Belohnung fürs Bravsein!
Aber wenn Sie sich besser fühlen wollen, dann möchte ich Sie bitten, heraus zu finden, was Sie sich wünschen. Was genau sollen andere Menschen tun, damit Ihr Leben besser für Sie wird?

P:     Ich möchte gern, daß mich jemand liebt. Das kann ja nicht so falsch sein, oder?

MS:
Das ist ein guter Anfang. Ich möchte Sie bitten, genauer zu bestimmen, was jemand anderes konkret tun soll, damit Ihr Bedürfnis, geliebt zu werden, erfüllt wird. Was könnte ich z.B. tun?

P:     Ach, Sie wissen schon...


MS:  Ich bin mir nicht so sicher, daß ich weiß. Ich bitte Sie,mir zu sagen, was ich oder andere machen sollen, damit Sie die Liebe bekommen, nach der Sie suchen.

P:      Das ist schwierig.

MS:  Ja, es kann schwierig sein, klare Bitten zu formulieren. Aber denken Sie daran,wie schwer es für andere ist, auf unsere Bitte zu reagieren, wenn uns selbst nicht einmal klar ist, was wir wollen.

P:     Mir wird langsam klar,was ich von anderen wünsche, um mein Bedürfnis nach Liebe zu erfüllen, aber es ist mir peinlich.

MS:  Ja, es ist sehr oft peinlich. Also, was soll ich oder jemand anderes tun?

P:     Wenn ich mir genau überlege , was ich möchte, wenn ich um Liebe bitte, dann möchte ich, daß Sie erraten, was ich will, möglichst bevor es mir selbst klar ist. Und dann möchte ich , dass Sie das immer so machen.

MS:
Ich bin dankbar für Ihre Klarheit. Ich hoffe, Sie können jetzt erkennen, dass es für Sie unwahrscheinlich ist, jemanden zu finden , der Ihr Bedürfnis nach Liebe erfüllt, wenn er DAS dafür tun soll.

Unsere neuen oder erneuerten Beziehungen sind durchweg in Augenhöhe