Autor Thema: Innere & äußere Konfliktbeendigung mit Gewaltfreier Kommunikation statt Therapie  (Gelesen 7106 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline Michael

  • Ranglos glücklich
  • **
  • Beiträge: 49
    • Gesundheit und Heilung in ganzheitlicher Sicht
Innere und äußere Konfliktbeendigung mit „Gewaltfreier Kommunikation“ statt Therapie?

Zur „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall B. Rosenberg


Teil 1


Respekt, Aufrichtigkeit, Offenheit, Zugewandtheit, Einfühlungsvermögen: Dies sind die traditionellen Zutaten für jedes Gespräch, in dem wir aufeinander zugehen wollen, in dem wir uns näher kommen, uns zuhören, aufeinander eingehen, uns schließlich begegnen wollen. Es sind die Zutaten für ein Gespräch, in dem Dialog, sich gegenseitig Ansprechen und Anhören, ein Wechselgespräch, ein sich mit Worten Berühren möglich werden kann. Es sind folglich auch die essentiellen Voraussetzungen und Bestanteile für ein Therapiegespräch, speziell aus systemischer Sicht, aber es sind auch Haltungen, die jedem guten Gespräch auf Augenhöhe gut tun würden. Und diese Regeln sind uralt und lange bekannt.

Das Konzept der „Gewaltfreien Kommunikation“ (GFK) nach Marshall B. Rosenberg geht auch von diesen Grundlagen aus, aber es vermittelt noch etwas mehr und wendet die Grundlagen mit aller Konsequenz an. Rosenberg hat also die Grundregeln des empathischen Gespräches nicht erfunden, jedoch zusätzlich ein fundiertes, leicht erklär- und lehrbares einfaches Grundkonzept mit anschaulichen Begriffen entwickelt und an der Praxis, z.B. in Mediationen, selbst in Großkonflikten, erprobt. Fragt man Rosenberg, wieso er wisse, dass etwas nach seiner Methode funktioniere, antwortet er oft lapidar: „Ich habe es ausprobiert.“

Basis von Rosenbergs GFK ist die bewertungsfreie Beobachtung und besonders Beschreibung und, falls man einmal doch bewertet, die Trennung der Beschreibung einer Beobachtung von der eigenen Einschätzung und Beurteilung oder Interpretation. Die GFK geht davon aus, dass Sprechende und Handelnde im Prinzip gute Absichten verfolgen bzw. aus deren Sicht sinnvolle Zwecke, selbst, wenn man Handlungen oder Worte von einem bestimmten moralischen Standpunkt her verwerflich finden würde. Rosenberg weiß: Nicht die Dinge an sich lösen unsere Gefühle aus, sondern die Bewertung der Dinge z.B. in Bezug darauf, ob sie unsere Bedürfnisse beeinträchtigen.

Ferner geht die GFK davon aus, dass man sich Respekt nicht verdienen muss und letztlich auch nicht kann, sondern dass man sich (Selbstrespekt) und dem Anderen Respekt zollt, weil man dies will und weil es alles erleichtert, wenn man in ein Gespräch miteinander – und auch mit sich selbst – eintreten will. Der Therapeut macht vielleicht seinen Respekt für den Klienten von dessen Respekt für den Therapeuten abhängig, der GFK-Sprecher nicht. Respekt ist eine Grundvoraussetzung, damit etwas gelingt, daher kann diese „Prämisse“ eines gelingenden Kommunikationsmodells nicht erarbeitet werden.

GFK geht davon aus, dass Respekt und Achtung Grundbedürfnisse sind und es wichtig ist, sie uns und anderen vorbehaltlos zu gewähren, wenn wir friedvoll, gewaltlos miteinander auskommen wollen. GFK geht weiter davon aus, dass es zu unseren ureigenen menschlich-sozialen Bedürfnissen gehört, mit einander und mit uns selbst in einfühlsamer, lebendiger, achtungsvoller Beziehung zu leben und uns gegenseitig in diesen Beziehungen zu erleben, zu erfüllen, zu bereichern, ja uns zu beschenken und dazu besonders das Werkzeug der Sprache zu einem Vehikel zu machen.

Oft fehlt aber diese Voraussetzung noch und wir haben Gründe dafür, uns oder anderen diese Achtung zu verweigern oder zu fordern, dass erst der andere uns mit Achtung, mit Respekt begegnet. Wir benutzen dann eine andere Sprache, die Sprache der Auseinandersetzung, des Kampfes, des Bewertens, des Verurteilens, des Vergleichens, des Verhörens und Befragens, der Rechtfertigung, der Anklage, der Vorwürfe, der Behauptungen und Interpretationen. Diese Sprache der Gewalt, die wir seit tausenden Jahren über mehrere hundert Generationen gelernt haben, um uns in Konkurrenz und Auseinandersetzung zu behaupten, nennt der GFK-Erfinder Marschall B. Rosenberg anschaulich „Wolfssprache“.

Um „Wolfssprache“ sprechen zu können, hören wir auch mit „Wolfsohren“ all diese Urteile, Interpretationen, Vergleiche, Abwertungen und Vorwürfe heraus, gegen die wir uns wappnen wollen oder unter die wir uns sogar selbst unterwerfen, unserem inneren Wolf sozusagen, der über uns zu Gericht sitzt. Eine Kommunikation unter Wölfen läuft immer darauf hinaus, mit mehr oder weniger gewaltsamer Beeinflussung zu klären, wer die Macht hat, wer das Sagen hat, wer Recht hat, was richtig ist, was falsch ist, wie etwas sein muss, was nicht sein darf.

„Müssen“, „Sollen“, „Dürfen“, auch wenn sie im Konjunktiv gebraucht werden, sind Worte der Wolfssprache. Andere Indizien dafür, dass wir die „Wolfssprache“ benützen, sind die Verwendungen von generalisierenden Worten wie „immer“, „nie“, „endlich“, „alles“, „ganz“ oder sogar beurteilende, diagnostizierende Begriffe wie „normal“, „unnormal“, „krank“, „falsch“, „richtig“, „schlecht“, „gut“. Warum-Fragen nach Rechtfertigungsgründen sind Fragen der Wolfssprache. Das Aufstellen von Forderungen ist ebenfalls nach der Art der Wölfe in Rosenbergs Sinne.

Die Sprache der Einfühlung, die „Sprache des Lebens“, wie sie Rosenberg auch im Gegensatz zum „Terminus technicus“ „Gewaltfreie Kommunikation“ nennt, heißt bei ihm auch ganz anschaulich „Giraffensprache“. Rosenberg wollte nicht die Wölfe verunglimpfen, zumal er auch den Sprechern der Wolfsprache mit dem gleichen Respekt und der gleichen Empathie begegnen möchte, wie den „Giraffen“, doch suchte er eine anschauliche Benennung, vielleicht nach der uralten lateinischen Redeweisheit, die das Vorhandensein der „Wolfssprache“ bzw. Wolfsart unter uns Menschen mindestens seit der klassischen Antike belegt: „Homo hominem lupus“, das heißt, der Mensch ist (gegenüber) dem Menschen (wie) ein Wolf.

Rosenberg nahm für GFK die Giraffe als „Wappentier“, weil sie von allen Land-Säugetieren das größte, kräftigste Herz hat, um das Blut mit einem ausreichenden Druck bis in den Kopf zu pumpen und weil die Giraffen, die keine natürlichen Feinde haben, als große Pflanzenfresser mit ihren langen Hälsen immer den Überblick bewahren. Um sein Anliegen in der GFK sehr anschaulich zu machen, benutzt Rosenberg in seinen Workshops nicht nur mit Kindern Wolfs- und Giraffenhandpuppen und –ohren, je nach dem, ob er darstellen möchte, dass jemand „wölfisch“ redet oder hört oder aber „giraffisch“ spricht und zuhört.

Die „Giraffenohren“ hören anders als die „Wolfsohren“ nicht auf das Vorwurfsvolle, möglicherweise Verletzende. „Giraffenohren“ stellen sich empathisch auf sich selbst und das Gegenüber ein. Hinter den Anklagen und Beschwerden in der „Wolfssprache“ hören sie die Not und Verzweifelung dieses Wolfes, der aus irgendeinem Grunde nicht mehr in lebendigem Kontakt mit seinen lebenswichtigen Grundbedürfnissen ist, seien sie sozialer, psychischer oder körperlicher Art. In der „Giraffensprache“ der GFK wird der wölfisch Anklagende dann nicht nach Rechtfertigungen für seine Äußerungen gefragt, sondern durch einfühlsame Fragen zu seinen inneren Bedürfnissen hingeleitet, die in einer konkreten Situation übersehen worden sind oder keine Erfüllung gefunden haben.

Sodann bietet diese Art des Sprechens in der GFK die Möglichkeit an, in sich selbst aber auch miteinander auszuloten, welche Bedürfnisse gerade bei beiden Seiten vorhanden sind und Berücksichtigung benötigen und welche Gefühle damit verbunden sind, wenn diese Bedürfnisse ihre notwendige Beachtung gefunden oder eben nicht gefunden haben. Für die in einem selbst entstehenden Gefühle macht der GFK-Sprecher nicht den Anderen oder äußere Umstände verantwortlich, wenngleich er in beschreibender Weise darlegen kann, welche konkreten Worte oder Handlungen Anlass zu bestimmten Empfindungen gegeben haben, weil die genannten Worte, Handlungen oder Tatsachen die eigenen Bedürfnisse berücksichtigten oder nicht.

Der GFK-Sprecher kann dann an sein Gegenüber eine konkrete Bitte richten, wenn eine Handlungsweise des Angesprochenen geeignet wäre, die Bedürfnisse des Bittenden zu erfüllen. Die Bitte in der GFK unterscheidet sich hierbei von den in der „Wolfssprache“ üblichen Forderungen dadurch, dass bei Nichterfüllung keine Sanktionen drohen, wie Liebesentzug, beleidigt Sein, Strafe und dass bei Gewährung auch keine Belohnung versprochen wird. Auch Forderungen können hingegen freundlich und höflich formuliert sein und dennoch bleiben sie Forderungen.

Ein Angelpunkt des GFK-Gedankens ist für Rosenberg die Anerkennung einiger weniger menschlicher Grundbedürfnisse. Wenn wir mit ihnen im Einklang lebendig verbunden sind, würden wir dies durch Lebensfreude, Zufriedenheit, herzliche Anteilnahme für uns und Andere, Freundlichkeit, Klarheit, Zuversicht, Echtheit (Authentizität) selbst spüren und auch ausstrahlen und uns dadurch mit anderen zusammen tun und für unser und vor allem unser aller Wohl sorgen. So schaffen wir Verbindungen. Bedürfnisse sind dabei eben keine zu unterdrückenden Unarten. Sie verbinden uns mit dem Leben, mit dem Lebensnotwendigen, sind also lebensnotwendig. Sie richten sich auch nicht an eine bestimmte Person oder hängen von einer bestimmten Handlung, einer spezifischen Strategie ab. Mit Personen oder Strategien verbinden wir uns zur Förderung des jeweiligen Bedürfnisses durch Bitten.

Wichtig bei den Bitten ist, dass es sich um etwas handelt, das der Gebetene tatsächlich konkret tun kann. Es geht also nicht um eine allgemeine Haltung und genauso wenig um etwas, was er nicht tun soll. Ob nämlich eine Haltung dem entspricht, was der Bittende benötigt, wäre wieder eine Interpretationsfrage und daher nicht sehr eindeutig. Und wenn man sich so zu sagen „verbittet“, was jemand nicht tun soll, so weiß dieser eben noch lange nicht, was er zum Wohlbefinden von jemandem beitragen könnte. Bitten sind also in der GFK konkret, auf eine bestimmte Handlung bezogen und an eine bestimmte Person oder einen Personenkreis gerichtet.

Die Bitten kann man auch in Frageform formulieren, z.B.: „Würdest Du Dir heute eine Stunde Zeit für mich nehmen, um über unseren Urlaub zu sprechen, vielleicht heute Nachmittag?“ Hingegen: „Ich wünsche mir von Dir endlich mal die Bereitschaft, unsere Urlaubsplanung abzusprechen“, klingt eher wie eine Forderung mit einem Schuß Vorwurf („endlich mal“) und wenig konkret. Der andere könnte nämlich ebenfalls eher wölfisch antworten: „Wieso, ich bin ja immer bereit, aber Du fragst ja nie“, was der Frager zum Anlass nehmen könnte, sich auf wölfisch vorwurfsvolle Art zu rechtfertigen: „Du gibst mir auch immer das Gefühl, ich sollte Dich damit gar nicht behelligen!“ Giraffisch könnte die erste Frage aber auch so beantwortet werden: „Das ist eine gute Idee! Danke, dass Du es ansprichst, auch wenn ich heute Nachmittag keine Zeit mehr dazu finde. Wie wäre es für Dich, wenn wir uns für morgen Nachmittag verabreden, z.B. ab drei Uhr. Würde Dir das auch passen?“

Nicht immer ist es notwendig, eine Bitte zu äußern, z.B. dann nicht, wenn eine konkrete Handlung eines anderen Menschen bereits dazu beitrug, mein Bedürfnis zu befriedigen. Ohne die Absicht zu verfolgen, den Anderen durch ein Lob zu weiteren Handlungen dieser Art auch für die Zukunft anzustacheln, kann ich dem, der mir seine Zuwendung geschenkt hat, meine ganz konkrete Dankbarkeit ausdrücken. Sie wird wieder einfach im hier und jetzt bezogen auf eine Konkrete Handlung, die zur Erfüllung eines bestimmten Bedürfnisses oder auch Wunsches beigetragen hat, formuliert. In unserem Beispiel der Urlaubsplanung könnte Dankbarkeit so geäußert werden: „Danke für Deine Bereitschaft! Ja, morgen Nachmittag passt es mir auch gut. Ich bin froh, dass wir so schnell eine Gelegenheit gefunden haben, weil mir ganz wichtig ist, mich mit Dir gut abzustimmen, damit unser Urlaub für uns beide zu einem schönen, erholsamen Zusammensein wird.“

Anmerkung: Claudia bat mich, dieses Posting aus einem anderen Forum (Quelle: http://ganzheitlichesicht.de/forum/thread.php?threadid=1037&sid= ) auch in diesem Forum einzustellen, was hiermit geschehen ist. Wegen der Länge hat das Posting 2 Teile.

« Letzte Änderung: 06. Januar 2008, 18:21:51 von Michael »
Zuhören ohne zu wissen, zu wollen, oder zu handeln. Handeln mit Umsicht.

Offline Michael

  • Ranglos glücklich
  • **
  • Beiträge: 49
    • Gesundheit und Heilung in ganzheitlicher Sicht
Innere und äußere Konfliktbeendigung mit „Gewaltfreier Kommunikation“ statt Therapie?

Zur „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall B. Rosenberg



Teil 2: Fortsetzung und Schluss

Rosenberg lehrt seine Methode in vier grundlegenden, leicht zu vermittelnden und zu lernenden Schritten, die man sich als „Baby-Giraffe“, als Anfänger der GFK auch als kleines Konzept zum Nachlesen nehmen kann, wenn man im Eifer des Gefechtes in Gefahr sein sollte, in eine eskalierende Kommunikationsspirale nach Art des „Wolfskarussells“ einzusteigen. Man zieht dann die Reißleine und öffnet anhand der vier einfachen Schritte den „Giraffenfallschirm“. Man tut dies, indem man sich selbst Mitgefühl, Empathie, Zuwendung gibt, um sich zu beruhigen und wenn das nicht ausreicht, indem man jemanden bittet, einen in dieser Hinsicht zu unterstützen oder indem man, falls das kurzfristig nicht möglich ist, eine kleine Auszeit nimmt. Sodann wendet man sich seinen inneren Bedürfnissen und den Bedürfnissen des anderen zu und schwingt in eine deeskalierende Sprechweise nach Giraffenart ein. Diese Sprechweise basiert auf folgenden vier grundlegenden Schritten:

1. Schritt: Beobachten, ohne zu bewerten. Ich beschreibe und benenne den Anlass für mein Gesprächsanliegen, indem ich einen Sachverhalt wiedergebe oder gesprochene Worte wiederhole, auf die ich mich beziehe und die der Auslöser für Gefühle bzw. mein Anliegen waren, sie im Gespräch aufzugreifen. Dabei lasse ich Bewertungen, Interpretationen, Unterstellungen, Vorwürfe bewusst weg. Zum Beispiel: „Du erwähntest, dass Du mich schonen wolltest, als Du mir erklärtest, warum Du mich von einer wichtigen Verabredung nicht informiert hast.“

2. Schritt: Gefühle wahrnehmen und äußern, ohne zu interpretieren. Ich fühle in mir nach, wie es mir bei diesen Worten oder Handlungen ging bzw. noch geht und nenne diese Gefühle in unserem Gespräch, ohne die Verantwortung für meine Gefühle dem Anderen z.B. durch seine Handlungen zuzuschieben, indem ich dessen Absichten interpretiere. Also kann ich sehr wohl sagen, „ich werde traurig, wenn ich diese Worte höre…“ oder „…wenn ich höre, dass Du mich schonen willst…“, aber nicht, „ich fühle mich bei diesen Worten hintergangen und irgendwie bevormundet und du machst mich mit diesen Worten ganz traurig“.

3. Schritt: Bedürfnisse wahrnehmen und äußern und sie nicht mit Strategien vermischen. Nun sage ich im vorletzten Schritt, welche Bedürfnisse meine Gefühlsempfindungen beeinflusst haben, für die ich natürlich selber stehe und verantwortlich bin. In Fortführung des Beispiels oben könnte ich also sagen: „Ich werde traurig, wenn ich höre, dass Du mich nicht informiert hast, um mich zu schonen, weil mir in der Beziehung zu Dir Offenheit und Klarheit sehr wichtig ist.“ Sage ich hingegen: „Ich bin traurig, weil ich mich betrogen und bevormundet fühle und ziehe mich deshalb zurück“, vermische ich Gefühlsäußerung mit einer beschuldigenden Interpretation und benutze die Bewertung als Rechtfertigung für eine Strategie, ohne mein Bedürfnis nach Offenheit, Ehrlichkeit oder Klarheit deutlich zu machen.

4. Schritt: Bitten äußern und keine Forderungen aufstellen. Dankbarkeit ausdrücken, ohne belohnend zu loben. Der letzte der vier Schritte erfolgt zwar nicht immer, andererseits ist es ja gerade sehr oft der Zweck unseres Gespräches, das wir mit jemanden beginnen, eine Verbindung herzustellen, die sich nicht nur in einer bloßen Mitteilung von Beobachtungen, Gefühlen und Bedürfnissen erschöpft. Wir möchten etwas von dem Anderen und sei es nur einfach sein Zuhören. Wir drücken mit einer Bitte, die frei von Sanktionen oder Bedingungen ist, einen konkreten Wunsch aus, dessen Erfüllung durch die angesprochene Person oder auch jemand anderen Geeigneten, falls diese Person ablehnt, uns unserem Bedürfnis näher bringt. Oder wir drücken Dankbarkeit aus, wenn eine konkrete Handlung unseres Gegenübers zu unserer Bedürfniserfüllung beitrug, ohne mit einem kalkulierten Lob die Erwartung auf künftige Wunscherfüllungen auszudrücken, was den anderen genauso unfrei ließe, wie die Äußerung einer Forderung.

5. Ergebnis unseres Beispielsatzes nach GFK: In Fortsetzung des Gespräches weiter oben könnte der komplette Satz unter Berücksichtigung der vier Schritte der GFK mit der Bitte dann etwa so lauten: „Ich werde traurig, wenn ich höre, dass Du mich nicht informiert hast, um mich zu schonen, weil mir in der Beziehung mit Dir Offenheit und Klarheit sehr wichtig ist. Darum bitte ich Dich, mir heute Zeit zu geben, das mit Dir noch einmal zu klären. Würdest Du heute noch mit mir darüber sprechen?“ Welche Sprachformulierung dabei gewählt wird, hängt natürlich von den Gesprächspartnern ab. Es könnte auch sein, dass jemand z.B. sagt: „Nach Deiner Bemerkung, dass Du mich schonen willst, war ich richtig down. Ich möchte lieber genau wissen, was mit uns los ist und brauche Klarheit. Bitte sprich mit mir darüber, am liebsten noch heute!“

Möchte man Dank aussprechen, wenn der andere z.B. von sich aus eine Unstimmigkeit gemerkt und ein Gespräch angeboten hat, könnte man formulieren: „Danke, dass Du mich ansprichst. Ich hatte denselben Gedanken und wollte Dich fragen, ob wir reden können. Ich bin froh, dass wir das gleiche Bedürfnis nach Klärung haben, denn Klarheit und Aufrichtigkeit zwischen uns ist mir sehr wichtig.“

Der Marshall B. Rosenberg, Jahrgang 1934, hat diese Methodik vor über dreißig Jahren zu entwickeln begonnen und fährt bis heute fort, sie in seinem Ausbildungsinstitut von der Schweiz aus zu lehren. Er hat ein Schulmodell auf der Grundlage der GFK entwickelt, die „Giraffenschule“, die in aller Welt viele Ableger gebildet hat. Er stellt seine Methode in öffentlichen Veranstaltungen, großen und kleinen Workshops vor, arbeitete mit Schulen, Universitäten, Ministerien, ehrenamtlichen Organisationen. Er wendet die Methode in der Mediation zwischen Kollegen, Partnern, in Familien, Firmen aber auch zwischen Gruppen in Großkonflikten, z.B. zwischen Israelis und Palästinensern an. Als Amerikaner jüdischer Herkunft, der in seinem Land Anfeindungen erlebt hat und dessen Volk zur Zeit des Nationalsozialismus größtes Leid erduldete, hat er mit seiner Methode auch zur Versöhnung von jungen Deutschen mit sich, mit ihrer Geschichte, mit jüdischen Menschen und dem Judentum und mit Amerikanern beigetragen. Sein Wirken war und ist heilsam. Er hilft Menschen im konkreten Fall, Mitgefühl empfinden zu können und zu trauern und vermeidet dadurch, Schuldgefühle auszulösen oder zu zementieren.

Von ihm inspiriert haben Schülerinnen und Schüler Rosenbergs nach ihrer Ausbildung eine eigene Fortbildungstätigkeit begonnen und sich zu Netzwerken zusammengeschlossen, die die Gedanken von Rosenberg in Form eines tätigen Lebens weiter tragen. Wer die Ausbildung zu Ende führt, wird sich wohl in der Mitte fragen, ob er nur ein theoretisches bzw. für Therapien nutzbares Konzept erlernen und anwenden möchte, oder ob er Gewaltfreiheit bzw. Friedfertigkeit mit einer einfühlsamen Sprache in Beziehungen leben möchte, die sich entsprechend den eigenen Bedürfnissen und denen der Einzelnen einer Gemeinschaft weiterentwickeln und blühen.

Rosenberg und die GFK-Netzwerker sind überzeugt, dass eine immer weitere Verwirklichung dieser Vision eines bedürfnisgerechten Lebens unter friedfertigen Nachbarn und Mitmenschen auf längere Sicht Therapien und Erlösungsreligionen unnötig machen, um zufrieden Beziehungen zu führen, die uns bereichern und erfreuen. Bis diese Utopie annähernd Wirklichkeit werden kann, wollen sie unermüdlich und unentwegt mit „Wölfen“, „Babygiraffen“ und „Giraffen“ ohne Verurteilung und Wertung kommunizieren, leben und arbeiten, um sich näher zu kommen. Dafür benötigen sie für sich und alle anderen ganz viel Einfühlungsvermögen und Menschen, die einander einfühlend zuhören und beistehen, freiwillig und nach ihren augenblicklichen Möglichkeiten und nicht (nur) als zu bezahlende „Therapie“ eines Experten für Klienten. Rosenberg arbeitete ursprünglich als Psychologe und Therapeut. Er nannte sich rückblickend einen „professionellen Wolf“.

Es ist leicht zu vermitteln, dieses einfache und logische Schema von Rosenberg. Es zu leben stellt uns in unserer Welt mit der gelernten, jahrtausende alten „Wolfssprache“ vor besondere Herausforderungen. Die „Sprache des Lebens“ immer wieder anzuwenden, einzuüben und GFK dadurch zu leben, ist sehr anspruchsvoll. Rosenberg beschreibt es anschaulich in seinen Büchern, z.B. in dem Gespräch mit seiner Schülerin Gabriele Seils, dass es auch für ihn Arbeit und ständiges Bemühen bedeutete, dass er aber Lust darauf hatte und den Spaß daran behielt, weil es so wohltuend und ermutigend war, was er dadurch erhielt und an andere weiter geben konnte. Er erfuhr, dass es funktionierte, indem er es ausprobierte. Rosenberg vermittelt auch anschaulich, wie wichtig es ist, für sich selbst zu sorgen und für sich sorgen zu lassen, genauso, wie man für andere sorgen möchte. Um diese Aufgabe zu erfüllen, wieder die „Sprache des Lebens“ in die Welt zu tragen, benötigen wir viel Mitgefühl, auch für uns selbst.

Für das Zusammenleben der größeren Gemeinschaften und die politische Entscheidungsfindung empfiehlt Rosenberg auch ein anderes Vorgehen, als die einfache Anwendung des so genannten "demokratischen Prinzips" von "Mehrheitsentscheidungen". Er glaubt nämlich nicht, dass die Minderheiten falsch oder weniger wertvoll oder wichtig sind und möchte sich nicht damit begnügen, den Beitrag der unterliegenden Minderheiten darin zu sehen, nach Überstimmung die Mehrheitshandlungen als "gute Verlierer" sanktionierend mitzutragen. Rosenbergs Idee für die Entscheidungsfindung nach dem Konsenzprinzip basiert ebenfalls auf uralten Vorbildern. In manchen Gemeinschaften, z.B. in Afrika wird auch heute noch so lange "palavert", bis alle ihren Beitrag einbringen und sich gehört und gewürdigt sehen konnten. Während das Wort "Palaver" im Westen oft die negative Bewertung eines "sinnlosen" oder "langatmigen Geredes" erfährt, ist andererseits tatsächlich so sichergestellt, dass alle Bedürfnisse einfließen und niemand "unterliegt". Die dadurch erzielten Lösungen sind bedarfsgerechter und die Vereinbarungen haltbarer und sparen so wieder Zeit bei einem höheren Zufriedenheitsgrad für alle ein.

Literaturhinweise zu GFK und Marshall B. Rosenberg

Rosenberg, Marshall B., „Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens“, überarbeitete und erweiterte Neuauflage, aus dem Amerikanischen, Junfermann Verlag, Paderborn, 2005. Dieses dennoch nicht all zu dicke, gestalterisch gut aufgemachte und übersichtliche Paperback-Buch ist eine grundlegende Darstellung der Gewaltfreien Kommunikation durch Rosenberg selbst. Man könnte es als eine Art Lehr- und Arbeitsbuch bezeichnen, das „Original“ des „Erfinders“ der Methode sozusagen.

Rosenberg, Marshall B., „Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation – Ein Gespräch mit Gabriele Seils“, 7. Auflage im Herder Verlag Freiburg 2006 in der Reihe Herder spektrum als Taschenbuch erschienen. Dieses Buch basiert auf mehreren Gesprächen mit der freien Journalistin, Mediatorin, GFK-Trainerin und Rosenberg-Schülerin Gabriele Seils und ist in Interview-Form gehalten. Es wirkt dadurch sehr lebendig und hält durchaus humorvoll auch Rosenbergs eigenen Werdegang und seine mitunter auch erlebten Schwierigkeiten, GFK nicht nur zu lehren, sondern auch zu leben, fest.

Rosenberg, Marshall B., „Den Schmerz überwinden, der zwischen uns steht – Wie Heilung und Versöhnung gelingen, ohne faule Kompromisse einzugehen“, aus dem Amerikanischen, Junfermann Verlag Paderborn, 2005. Es ist ein relativ dünnes Arbeitsbuch zur Beziehungsarbeit und wird ebenfalls recht lebendig im Frage-Antwort-Stil dargeboten. Das Büchlein ist Teil einer Reihe, die im Junfermann-Verlag unter dem Titel „Gewaltfreie Kommunikation – Ideen & ihre Anwendung“ erschienen ist. Andere Rosenberg-Veröffentlichungen in dieser Reihe im ähnlichen Stil sind: „Das Herz gesellschaftlicher Veränderung – Wie Sie Ihre Welt entscheidend umgestalten können“ und „Das können wir klären! – Wie man Konflikte friedlich und wirksam lösen kann“.

Rosenberg, Marshall B., „Erziehung, die das Leben bereichert – Gewaltfreie Kommunikation im Schulalltag“, Junfermann Verlag Paderborn. Das Buch wendet sich an Lehrer, Schüler und Eltern gleichermaßen, durch konstruktiven, einfühlsamen Umgang miteinander im Gespräch Schule zu einer lebens- und liebenswerten Lernerfahrung für alle Beteiligten werden zu lassen, die dadurch wieder neu Lust auf Lernen und Zusammensein bekommen. In einer Schul- und Lernatmosphäre, die vom Geist der GFK beseelt ist, können sich nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer noch weiter entwickeln.

Holler, Ingrid, „Trainingsbuch Gewaltfreie Kommunikation – Abwechslungsreiche Übungen für Selbststudium, Seminare und Übungsgruppen“ mit einem Vorwort von Marshall B. Rosenberg, Junfermann Verlag Paderborn. Hier berichtet die zertifizierte GFK-Trainerin und Rosenberg-Schülerin Ingrid Holler über eine Fülle praktischer Anwendungen im Kommunikationsalltag, beim Lernen der GFK und beim Lehren.

Pásztor, Susann & Gens, Klaus-Dieter, „ Ich höre was, das du nicht sagst – Gewaltfreie Kommunikation in Beziehungen“, Junfermann Verlag, Paderborn. Die GFK-Schülerin und frei Journalistin Pásztor und der Sozialpädagoge und GFK-Trainer Gens schildern durch kommentierte Dialoge eines fiktiven Paares humorvoll und kurzweilig anhand konkreter Situationen aus dem Paaralltag die wölfischen Verwicklungen wie die giraffischen Entwicklungen nach den Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation.

Rust, Serena, „Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt – Vier Schritte zu einer einfühlsamen Kommunikation“, KOHA-Verlag Burgrain, 3. Auflage 2007. Das kleine Büchlein ist frisch, unterhaltsam und einfach geschrieben, bringt die wesentlichsten GFK-Prinzipien auf den Punkt und ist dennoch nicht vereinfachend. Neben anschaulichen Beispielen aus ihrer eigenen familiären und partnerschaftlichen Erfahrung bringt die Rosenberg-Schülerin und Schülerin des Rosenberg-Schülers Klaus-Dieter Gens Ihre Lehrerfahrung aus ihrer eigenen Praxis ein. Wunderschön unterstreichen köstliche Zeichnungen von Giraffen und Wölfen, die Stefan Stutz geschaffen hat, in humorvoller Weise das Anliegen der Autorin, die besonders das Thema „Dankbarkeit“ und „Feiern“ am Ende des Exkurses hervorhebt.

Kontakte und Links: Weiteres Material in verschiedenen, insbesondere auch englischer und deutscher Sprache, auch Lehrvideos von Marshall B. Rosenberg erhält man über verschiedene Bezugsadressen. Im Internet kann man einfach unter „GFK“ oder „Gewaltfreie Kommunikation“ oder „Marshall B. Rosenberg“ über Suchmaschinen (z.B. „google“) sehr viel finden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien genannt:

Center for Nonviolent Communication, Tel. 001-818-957-9393, Internet www.CNVC.org

Überregionale deutsche Internetseite: www.gewaltfrei.de

Zentrum Gewaltfreie Kommunikation Berlin e.V., c/o Hans-Dieter Gens, Elfriede-Kuhr-Str. 37, 12355 Berlin, 030-664 605 27, website www.gewaltfrei-berlin.de

Forum Gewaltfrei Frankfurt, c/o. Serena Rust, www.forum-gewaltfrei-frankfurt.de und www.serena-rust.de

Über Marshall B. Rosenberg selbst kann man Biografisches nachlesen im der englischsprachigen Internet-Enzyklopädie http://
en.wikipedia.org/wiki/Marshall_Rosenberg

Michael

Anmerkung: Claudia bat mich, dieses Posting aus einem anderen Forum (Quelle: http://ganzheitlichesicht.de/forum/thread.php?threadid=1037&sid= ) auch in diesem Forum einzustellen, was hiermit geschehen ist. Wegen der Länge hat das Posting 2 Teile.
« Letzte Änderung: 06. Januar 2008, 18:19:13 von Michael »
Zuhören ohne zu wissen, zu wollen, oder zu handeln. Handeln mit Umsicht.