Autor Thema: Wie bei uns Recht gesprochen wird  (Gelesen 34270 mal)

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Offline Claudia

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Wie bei uns Recht gesprochen wird
« am: 10. November 2009, 21:54:16 »
Diesen Artikel fand ich heute im Spiegel über den Prozess um die  Ägypterin, die in Dresden ermordet wurde.

Ich war über den Ton des Staatsanwalts echt erschüttert. Was glaubt der Mann, was er damit erreichen kann? Wen er damit erreichen kann?

Und ich habe eine ganz tiefe Sehnsucht gespürt, dass sich in unserem Rechtssystem etwas verändert.

C.



"Widerliches Selbstmitleid", "erbärmliches Auftreten" - scharf hat der Staatsanwalt im Marwa-Prozess mit Alex W. abgerechnet. Er fordert lebenslange Haft für den Mann, der die Ägypterin in einem Gerichtssaal erstochen hat. Doch das Urteil könnte sich verzögern: wegen eines neuen Dokuments aus Russland.

Dresden - Damit hatte der Angeklagte wohl nicht gerechnet. Schon in seiner Vorbemerkung zum eigentlichen Plädoyer machte Oberstaatsanwalt Frank Heinrich deutlich, was er von Alex W. hält, dem Mann, der selbst am Ende des Prozesses der Öffentlichkeit jeden Blick in sein Gesicht verwehrt: "Was unsere Gesellschaft nicht braucht, sind Menschen wie Sie, Herr W. Menschen, die mit kruden Vorstellungen hierherkommen, die für die Gesellschaft nichts leisten, dafür aber feige töten. Auch hier haben Sie sich feige gezeigt! Ihr ganzes Auftreten vor Gericht war erbärmlich! Ich bin gottfroh, dass ich Sie hier nur noch bis Mittwoch, den Tag des Urteils, ertragen muss!"


Doch ob sich diese Erwartung des Staatsanwalts erfüllt? Am späten Montagnachmittag traf überraschend beim Dresdner Landgericht, das gegen Alex W. wegen Mordes an der Ägypterin Marwa al-Schirbini verhandelt, die Antwort der russischen Behörden auf ein Rechtshilfeersuchen ein. Denn in einem Dokument heißt es, W. sei aus der russischen Armee aufgrund psychischer Probleme ausgemustert worden.

Psychische Probleme? W. wurde von dem psychiatrischen Sachverständigen Stephan Sutarski begutachtet, der keine Hinweise auf irgendwelche die Schuldfähigkeit betreffenden Besonderheiten bei W. fand. Der Angeklagte schweigt vor Gericht. In der Information aus Russland soll die Rede davon sein, dass ein gewisser "Aleksandr Igorewitsch N." am 1. Juli 2000 für ein Jahr "unter Beobachtung gestellt" worden sei, wegen einer "nicht differenzierten Schizophrenie". Was heißt das?

"Herr W., es ist Ihre Entscheidung!"

Die Vorsitzende Richterin der 1. Großen Strafkammer des Dresdner Landgerichts, wo sich am 1. Juli dieses Jahres die Tat ereignete, teilte am Montagnachmittag mit, jener "N.", bei dem es sich um den Angeklagten W. handeln könnte, der seinen Namen hatte eindeutschen lassen, habe sich bei den russischen Behörden nicht mehr gemeldet und sei daher aus der "Beobachtung" herausgenommen worden. Dokumente dazu gebe es nicht mehr. "N." sei wohl als wehrunfähig betrachtet und ausgemustert worden.

"Herr W.", sagte die Vorsitzende zum Angeklagten in leicht genervtem Ton, "Sie wissen schon, dass wir nicht alle denkbaren Varianten zu Ihren Gunsten berücksichtigen müssen! Wenn Sie die Tat in einem schizophrenen Schub begangen haben - dann sagen Sie es! Es ist Ihre Entscheidung!"

Jetzt muss erst einmal professionell übersetzt werden. Dann muss der Sachverständige Sutarski erneut gehört werden und den Angeklagten gegebenenfalls noch einmal untersuchen. Ob es also dabei bleiben wird, dass am Mittwoch das Urteil fällt, ist ungewiss.

Welche Strafe den Angeklagten erwartet, sollte er weiterhin als schuldfähig angesehen werden, daran ließ das Plädoyer der Staatsanwaltschaft keinen Zweifel. Heinrich forderte eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Und er beantragte, dass das Gericht bei diesem Angeklagten, der am 1. Juli im Dresdner Gericht eine Zeugin, die 31 Jahre alte Ägypterin Marwa al-Schirbini erstochen sowie ihren Ehemann Elwy Ali Okas mit demselben Messer lebensgefährlich verletzt hatte, die besondere Schwere der Schuld feststelle.
« Letzte Änderung: 10. November 2009, 23:02:44 von Claudia »
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Offline Kathrin Henrichs

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #1 am: 19. November 2009, 20:17:13 »
liebe Claudia,

wenn ich den Artikel lese, wird mir auch ganz anders.  Da fange ich innerlich an zu bibbern.

Gerichtsverfahren erzeugen selbst oft eine  so gewalttätige Atmosphäre, das man sie fast mit Händen greifen kann.
Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich mich dieser Art seine Mitmenschen zu beurteilen dauerhaft entziehen sollte, wenn ich beruflich in der Justiz zu tun hätte.

Nachdenkliche Grüße von
Kathrin

Offline Tilaka

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #2 am: 24. November 2009, 19:08:12 »
Hallo Leutz,
 
mal wieder *vorbei-schau* las ich mit Betroffenheit den von Claudia eingestellten Spiegel-Bericht hier heute. Ich hab wohl die Medien-Kampagne um den Prozess vor Wochen noch anfänglich verfolgt, aber dann auch frühzeitig frustriert und gelangweilt wieder weggeschaut.
 
Rosenberg erzählte auf einem Workshop mal eine passende Episode von einem Lehrer, der eine Besprechung verließ, weil er auf dem Schulhof sah, wie ein Großer einen Kleineren verprügelte. Der Lehrer schnappte sich dann unten angekommen den Großen und meinte zu diesem, wenn er damit nicht aufhört, würde er ihm mal zeigen, wie sich das anfühlt, geschlagen zu werden. --- Zurück, fragte Marshall den Lehrer, ob er sicher wäre, dass der Große was gelernt und verstanden hat? Und was genau er ihm damit beibringen wollte? Der meinte tatsächlich, dass der Große nun ganz sicher verstanden hat, Schwächere nicht mehr zu schlagen. Marshall frage ihn darauf hin, ob er denn nicht auch der Größere wäre, gegenüber dem großen Jungen? Und er hätte jetzt anstelle des Kleinen echt Angst, am Nachmittag alleine nach Hause zu gehen. Er befürchte eher, der Große hätte damit lediglich "gelernt", nun heimlich zu prügeln.
 
Was bedeutet eigentlich die Größe einer Staatsmacht, wenn Rosenberg schon allein Schwierigkeiten beim dem Wort "Straf-Recht" hat. Ich persönlich vermute sehr stark, dass Richterin und  Staatsanwalt als "Enkel-Kinder" einer faschistischen Vergangenheit aus "reiner" Angst, Scham und Schuld heraus handeln. Und ich sehe keine andere Chance für uns und unsere Gesellschaft, als dass wir fleißig üben, um erwachsene Giraffen zu werden und uns zeigen. Lassen wir uns durch diese scheinbaren Rückschläge nicht entmutigen. Die innere Revolution braucht Liebe, also auch Vertrauen, Hoffnung, Zuversicht, Kreativität  etc. - und eben auch Geduld,  einen langen Atem.
 
LG St.
"It`s simple but not easy"

Offline Tillmann

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #3 am: 25. November 2009, 00:01:45 »
Hallo St.

"Ich persönlich vermute sehr stark, dass Richterin und  Staatsanwalt als "Enkel-Kinder" einer faschistischen Vergangenheit aus "reiner" Angst, Scham und Schuld heraus handeln."

Mir verschlägt es wirklich die Sprache, so einen Satz hier  zu lesen und ich fühle mich verdammt unwohl dabei, weil ich wirklich ängstlich und unsicher bin, überhaupt darauf zu reagieren und ich gerne sicher gehen möchte, dass mein Schutz hier in diesem Forum gewährleistet ist, wenn ich mich zu deinen vermuteten Diagnosen  äußere und mein Unwohlsein hier zeige.
Ich bin selbst Mensch und dazu noch als "Jurist" tätig. Ich bin ängstlich, weil ich gerne als Mensch mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen gesehen werden möchte und bei deiner Äußerung verschwindet fast sämtliche Hoffnung, dass dieses gewährleistet sein könnte.

Deine Äußerung stellt für mich eine große Herausforderung dar und sie löst in mir auch Ärger aus, weil mir Klarheit, Bewußtheit und Bewußtsein in der Kommunikation sehr wichtig sind. Diese fehlt mir hier völlig.

Mir fehlt vor allem die Klarheit, wie du das tatsächlich gemeint hast, was ist dein Anliegen, welche Gefühle und Bedürfnisse stehen hinter deiner Diagnose u. Vermutung????
Ich sehe mich da wirklich im Moment nicht in der Lage, Übersetzungsarbeit zu leisten, weil ich als erstes mal Verständnis für mich brauche. Ich brauche wohl auch Unterstützung....

Etwas Mut finde ich wieder, wenn ich lese, dass es dir auch um Authentizität und sich zeigen geht.  Ist das so richtig verstanden?
Klar können wir hier üben, insofern sehe ich deinen Beitrag als Einladung dazu an, und wenn du in deinem letzten Absatz meinst, "erwachsene Giraffe" werden zu wollen, würde mich interessieren, was du darunter verstehst.
Ziemlich unsicher gerade unterwegs...

T.


Offline Tilaka

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #4 am: 25. November 2009, 01:58:24 »
Hallo Tillmann,
danke, dass du mir sagst, was du gelesen hast. Hmm - und doch wird mir nicht so ganz klar, was genau das ist und du von mir brauchst??? Du schreibst darin, etwas von Klarheit zu meinen Aussagen - und auch was von meinen Gefühlen und Bedürfnissen hören zu wollen.  

Auch ich möchte sehr gerne  "als Mensch mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen" gesehen und (für) wahrgenommen werden. Etwas iritiert ob deiner schwindenden Hoffnungen zu (meiner?) Menschlichkeit??? Siehst du in meinen Ausssagen Angriff, Not, Gefahr gegen die Menschlichkeit? Was nun die Gefühle und Bedürfnisse von Staatsanwalt und Richterin anbelang, bin ich unsicher, wenn ich solche Sachen wie die im oben zitierten Artikel lesen. Ich kann sie beide schlecht befragen, doch vlt. magst du mir / uns hier helfen, sie besser zu sehen? Hoffnungen und Vertrauen für weitersmögliche Objektivität, Neutralität oder sagen wir mal Gleichwertigkeit von dem deutschen Rechtssystem und Gesetz, ist da in mir schwer in Not.
 
Also keine Ahnung, was von meinen Aussagen bei und in dir diese Unsicherheit, Angst - ja sogar Ärger auslöst? Vlt. das Wort "faschistisch" im Zusammenhang mit" Enkelkinder", oder was konkret ist es? Nun, ich finde es schwierig, alles haarklein und bis ins Detail nun hier online zu klären, was genau ich nun damit meinte. Vertrauen, ja auch Sicherheit sprachst du an, das ist nat. alles schwierig, so basal also ohne dass wir uns nun persönlich kennen. Ich bin selbst etwas unsicher, wenn ich mich an deine Beiträge in unserer von Claudia eingerichteten Gruppe besinne. Ich gedachte dort eigentlich etwas mehr von mir gezeigt zu haben? Erinnerst du dich auch noch? Vielleicht unterstützt es dich ein Wenig, wenn ich sage, auch ich sehe mich als ein "Enkelkind" unserer deutschen "faschistischen Vergangenheit" und in einer diesbzgl. großen  Herausforderung oder Verantwortung, in der heutigen Zeit damit umzugehen. Und nur so nebenbei teile ich übrigens keinerlei radikales Gedankengut, egal ob Rechts oder Links.
 
Und denn - also trotz all dieser hier nun von mir auch noch eingebrachten Unsicherheiten und Irritationen, möchte ich getrost (im Vertrauen auf den GfK-Vorgang) gerne versuchen, etwas eingehender zu erläutern, wie meine Vermutungen zustande kommen. In der von mir dort angesprochenen Medienkampagne wurde von mir starker Sozialer Druck auf die Ermittlungs- & Justizbehörden beobachtet. Vielleicht bedarf es da zwischen uns beiden hier auch noch eines konkreten Abgleichs von Beobachtungen, was diesen Sozialen Druck und auch den deutschen Faschismus anbelangt? Was nun diese meine Beobachtungen betrifft, war mir die ungewöhnlich starke Präsenz ausländischer & muslimischer Staaten & Verbände, welche sogar öffentlich erklärten, am Beispiel "Dresdens" hiernun zu beweisen, dass Deutschland nun ein Rechtsstaat ist, und ein "gerechtes" angemessen hohes Urteil erwarten, sehr beängstigend. Mir sind auch die juristischen Hintergründe für solche Aussagen ziemlich unklar, was die "undenkbaren Varianten zu Gunsten" des Angeklagten anbelangt, zumal wenn auch nur ein so geringes Indiz für Unzurechnungsfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen da offenbar besteht. Alles sehr missverständlich und irritierend. Doch wie gesagt, war es ziemlich schnell irgendwann für mich nicht mehr von Belang,  Bedarf und Interesse.
 
Was das giraffische erwachsen-werden anbelangt, sehe ich mich da eher auf dem theoretischen baby-pfad, und ich möchte gern trotz all meiner Fehlerhaftigkeit im Ausdruck so sein dürfen, ohne Angst vor Schuld, Scham und Schande. Wo du dich selbst siehst, weiß ich nicht. Doch ich bin hier in meinen Aussagen ganz sicher weit davon entfernt, diesbzl. Urteile & Analysen über andere zu betreiben, was den Reifegrad des Giraffenbewusstseins anbelangt. Abschließend möchte ich noch ergänzen, dass die irritierenden öffentlichen Aussagen der Verteter von Gerichtsbarkeit und Staatsanwaltschaft sicher für einen tragischen Ausdruck der für mich nur sehr unklar zu fassenden Gefühle & Bedürfnisse steht. Eine Handlungsweise aus Angst, Scham und Schuld, nicht was die personelle Vergangenheit, sondern die Deutschands anbelangt. Die Personen kenne ich ja gar nicht.
 
Auch wenn ich dir hier nur ein paar wenige (mir wichtige) Details anbot, wurden dir meine Gefühle und Bedürfnisse etwas sichtbarer? Hilf dir das auch etwas weiter in deinem Verständnis um meine Aussagen?
 
Auf bald mit besten Grüßen
Stevie
« Letzte Änderung: 25. November 2009, 02:07:49 von Tilaka »
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Offline Claudia

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #5 am: 25. November 2009, 07:02:53 »
Hallo, Tillmann,


ich lese, dass Du wirklich in Not geraten bist, als Du das Statement von Stevie gelesen hast. Ich wüsste gern, was Du brauchst, um Dich (wieder) sicher zu fühlen?

Ich kann Deine Not (Irritation) ganz deutlich erkennen, aber bin total unsicher, welches Bedürfnis bei Dir unerfüllt ist. Du schreibst, dass Dir Klarheit, Bewusstsein und Bewusstheit in der Kommunikation wichtig sind und Du sie hier vermisst.

Ich würde gern besser verstehen, was Du konkret hier vermisst? Irgendwie fühle ich mich als fehle ein Puzzlestein und ich könne das Bild nicht erkennen...



Gruß


Claudia
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Offline Rübenigel

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #6 am: 25. November 2009, 12:36:53 »
Lieber Tillmann,

wenn ich lese, dass Du Dich beim Lesen dieses Satzes "Ich persönlich vermute sehr stark, dass Richterin und  Staatsanwalt als "Enkel-Kinder" einer faschistischen Vergangenheit aus "reiner" Angst, Scham und Schuld heraus handeln." unwohl und ängstlich fühlst und gleichzeitig lese, dass Du schreibst, Du seist auch Mensch und Jurist ... dann vermute ich, dass Du Dich betroffen fühlst. Du brauchst vielleicht Vertrauen, dass Dein Bemühen als Mensch und in Deiner Funktion als Jurist gesehen wird, Dich nicht in einem Schema zu bewegen, sondern nach bestem Wissen in jeder Situtation Dein Schönstes zum Leben anderen beizutragen. Kann das sein? Dass es Dir wichtig ist, dass Du in Deiner Einzigartigkeit gesehen wirst und Dir das auch für andere Menschen (und Juristen ;-)) wünschst? Dass wir aus den Schubladen "faschistisch" "Enkelkinder mit Folgeschäden" herauswachsen können und als das gesehen werden, was wir sind? Individuen von Schönheit und Vollkommenheit in jedem Moment unseres Seins?

Ich weiß nicht, ob es das trifft, was Du gefühlt hast und sich Deinen Bedürfnissen annähert, Tillmann. Wenn nicht, lass es beiseite. - Ich merke, dass diese Kategorisierungen, die für mich "früher" so hilfreich waren, weil sie mir halfen, die Dinge zu verstehen und einzuordnen heute schmerzhaft sind. Ich leide manchmal richtiggehend innere Not, wenn Schubladen aufgezogen werden, die den Schubladisierten nicht erlauben in "menschlichem Licht" mit offenem Herzen gesehen zu werden.

Herzliche Grüße

Cynthia
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Offline Tillmann

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #7 am: 26. November 2009, 00:40:26 »
Liebe Mitlesenden, Claudia, Cynthia u. Stevie,

ich freue mich über eure Resonanz auf meinen Beitrag.

Am meisten spricht mich deine Äußerung, Cynthia, bezogen auf die "Schubladen" an; ja es geht mir sehr ähnlich damit: für mich ist es tatsächlich schmerzhaft, solche niederschmetternden Urteile zu hören bzw. zu lesen. Das genau ist es, was mir regelrecht die Sprache verschlägt. Ich fühle mich dann ängstlich, weil ich befürchte, solche Festlegungen könnten auch mich - in meiner ganzen Person - treffen.

Und es hat natürlich damit etwas zu tun, dass dieser durch massive Beurteilungen ausgelöste Schmerz ein verdammt alter Bekannter ist und mir in diesen früheren Situationen Schutz und Selbstvertrauen gefehlt hat und ich mich nicht in der Lage sah, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.  Ich hätte damals wirklich viel Verständnis und Unterstützung gebraucht!!!! und habe verdammt darunter gelitten...

OK, jetzt habe ich langsam verstanden, warum mich die Äußerungen von Stevie so extrem berührt haben. Ich habe sie wirklich als "vernichtend" erlebt und es fehlte mir die Menschlichkeit und auch die Sensibilität dafür, was solche Urteile alles bewirken können.

Also, mein Bedürfnis nach Verständnis ist jetzt deutlich mehr erfüllt, was mich wirklich erleichtert. Und indirekt habe ich durch meine Reaktion auch das bekommen, was ich in dem Moment wohl am meisten brauchte: Empathie und in meinem Schmerz gehört werden!

So jetzt kann ich ganz entspannt ins Bett gehen...
Ich danke euch, das tat mir guuuuut!
Tillmann
 


Offline Tilaka

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #8 am: 26. November 2009, 05:39:50 »
@Tillmann, es beruhigt und erfreut mich ungemein,
wenn dein Bedürfnis für dein eigenes Verständnis jetzt deutlich mehr erfüllt ist. Sorry - meins leert sich immer weiter. Ich möchte dir die Fragen für meine Klärung zum Verständnis deiner Interpretationen gern noch einmal kurz zusammengefasst anbieten:
 
Bitte wie darf ich die Aussagen zu meinem Mangel oder gar gänzlichem Fehlen der Menschlichkeit und Sensibibität übersetzen? Wäre es dir vlt. auch möglich, deine Sicht zu meiner angeblichen Schublade zu erläutern, die du bei mir aufgetan und wg. dem angeblichen Urteil auch zugeschoben siehst?
 
Also das hab ich da zumindest herausgelesen und bin ziemlich ratlos und unbeholfen -
weiß auch nichts mehr weiter zu sagen ...
« Letzte Änderung: 26. November 2009, 05:47:14 von Tilaka »
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Offline Claudia

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #9 am: 26. November 2009, 06:36:29 »
Hallo, Tillmann,


ich habe verstanden, dass Dein Bedürfnis, als wertvolles Individuum wahrgenommen zu werden, jetzt besser eefüllt ist. Das erleichtert mich, und es entlastet mich auch. Ich bin froh. dass klarer geworden ist, was bei Dir ausgelöst wurde.



Vielleicht kann ich nicht richtig lesen, aber bei mir kommt es so an, als gebe es jetzt hier ein paar Urteile darüber, wie menschlich Stevie sich mit seinem Text gezeigt hat, und damit geht es mir gar nicht gut. Und wenn ich ganz ehrlich sein will, merke ich, dass ICH auch gern Empathie hätte für meinen Schrecken, wie hier der Staatsanwalt mir einem Angeklagten umgegangen ist. Das entspricht nicht meinem Bedürfnis nach Achtung und Respekt, auch nicht für einen Menschen, der unter diesen Umständen eine schwangere Frau getötet und beinahe ihren Mann noch dazu, vor den Augen ihres Kindes...



Bin heute den gazen Tag unterwegs, also daher bis heute Abend.


Claudia
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Offline Rübenigel

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #10 am: 26. November 2009, 08:39:42 »
Seltsam ... ich habe gar nicht gelesen, dass Tillmann Stevie Unmenschlichkeit oder mangelnde Sensibilität vorgeworfen hätte. Was ICH gelesen habe ist, dass Tillmann, wenn er sie erlebt, unter beidem leidet und ein tiefer Schmerz in ihm ausgelöst wird. - Irre ich mich?

@Claudia: mir ist nicht klar, ob Du die Empathie gerne hier hättest ... oder ob Du sie Dir selber geben möchtest. Magst Du da für Klarheit sorgen?

@Tillmann: Mein Herz hüpft, wenn ich dazu beitrage konnte, dass nun wieder mehr Leichtigkeit bei Dir ist und es mir gelungen ist, Dich zu sehen! Danke für diese Möglichkeit!
Ich bin froh, dass alles so ist, wie es ist. Wenn ich nicht froh wäre, wäre es auch so!

Offline Rübenigel

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #11 am: 26. November 2009, 08:55:35 »
"Was unsere Gesellschaft nicht braucht, sind Menschen wie Sie, Herr W. Menschen, die mit kruden Vorstellungen hierherkommen, die für die Gesellschaft nichts leisten, dafür aber feige töten. Auch hier haben Sie sich feige gezeigt! Ihr ganzes Auftreten vor Gericht war erbärmlich! Ich bin gottfroh, dass ich Sie hier nur noch bis Mittwoch, den Tag des Urteils, ertragen muss!"

Was empfinde ich, wenn ich diese Sätze lese ...

Ich empfinde Trauer. Trauer darüber, dass es dem Staatsanwalt nicht anders möglich war, seine Gefühle und Bedürfnisse zu äußern, als auf diese Art und Weise. Gleichzeitig empfinde ich auch Freude ... Freude darüber, dass ich so viel Authentizität sehe ... einen Menschen, der sich in der Öffentlichkeit mit seiner Befindlichkeit zumutet. Der schreit, wenn Schmerz und Wut in ihm ausgelöst wird ... der sich nicht hinter Paragraphen verschanzt und aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Der ganz laut sagt, was er braucht und welche Bedürfnisse er hat. Und welch wunderbare Bedürfnisse!

Ich lese die Bedürfnisse nach körperlicher Unversehrtheit, nach Schutz von Gemeinschaft und Individuum, nach Kraft, nach Selbstausdruck, Abgrenzung, nach Frieden, Integrität, Authentizität, zum Wohle aller beitragen wollen, Fürsorge, Aufrichtigkeit, Verantwortung und Entspannung.

Vielleicht erscheint Euch das schräg ... aber ich merke wirklich, wie in mir Frieden einkehrt, wenn ich all diese Bedürfnisse, die der Staatsanwalt geäußert hat, wahrnehme.  Es ist mir nicht möglich weiter "Wie kann er nur!" zu denken.
« Letzte Änderung: 27. November 2009, 08:13:26 von Rübenigel »
Ich bin froh, dass alles so ist, wie es ist. Wenn ich nicht froh wäre, wäre es auch so!

Offline Rübenigel

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #12 am: 27. November 2009, 08:16:45 »


Ich war über den Ton des Staatsanwalts echt erschüttert. Was glaubt der Mann, was er damit erreichen kann? Wen er damit erreichen kann?

Ich weiß nicht, ob der Mann das geglaubt oder erwartet hat ... MICH hat er erreicht. Und ich danke Dir, Claudia dass Du seine Worte mit uns geteilt hast. Ich lese schon seit Ewigkeiten keine Zeitungen mehr oder verfolge Nachrichten und die ganze Geschichte wäre mir, ohne Dein Zitat nie begegnet.
Ich bin froh, dass alles so ist, wie es ist. Wenn ich nicht froh wäre, wäre es auch so!

Offline Tilaka

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #13 am: 27. November 2009, 15:10:42 »
Hallo Claudia,
für den Mut deiner Erschütterung und Empörung hier öffentlich Ausdruck zu verleihen, dafür danke ich dir. Es ist wichtig, unsere Gesellschaft vor Gewalt zu schützen, eben gerade AUCH vor solcher, die in den Worten und Taten der Staatsanwaltschaft und Gerichtsbarkeit liegen.
 
Ein Mensch dessen Entrechtung soweit geht, dass er massiv-verbal auch noch dafür verurteilt werden soll, weil er die letzte ihm verbleibende beschützende Macht: nämlich den Blick vor der Öffentlichkeit zu verhüllen, nutzt, das hat mE. nichts - rein gar nichts mehr mit Recht oder Gerechtigkeit zu tun, und das ist niemandes Recht! Diese mE. vollkommen unverhältismäßige Entgleisung in Wut, Zorn und Hass gegen einen (selbstverständlich vollkommen) fehlgeleiteten Gewalttäter, der vorher vmtl. selber irgendwann und bis heute unbeachtetes Opfer war, ist für mich die erschütternde Bilanz eines missverstanden Gerechtigkeits-"Gefühls". Für diesen verbalen Ausbruch des Staatsanwalts habe ich zwar Verständnis. Doch ich bin nicht damit einverstanden, und kann & will es auch nicht tolerieren oder gar unterstützen.
 
Gandhi sagte dazu mal:
"Auge um Auge, macht die ganze Welt blind."
-  
Der Dalai Lama betonte anlässlich eines Terroranschlags:
"Mitgefühl ist die einzige Kraft, um dem Einhalt zu gebieten!"
 
(Euronews-Interview: http://de.euronews.net/2008/08/21/dalai-lama-speaks-to-euronews/)
 
An dieser Idee möchte ich mich gern langhangeln, um alle Art von Gewalt aus Angst, Scham, Schuld, Depression oder eben auch Rache u.ä. zu überwinden. Und insbes. die Gewaltfreie Variante Rosenbergs bietet da wundervolle und auch ganz praktische, kreative Möglichkeiten. Raum & Zeit bedarf es noch zu schaffen, daran möchte ich gerne arbeiten und mithelfen.
 
« Letzte Änderung: 27. November 2009, 16:09:34 von Tilaka »
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Offline Rübenigel

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Re: Wie bei uns Recht gesprochen wird
« Antwort #14 am: 28. November 2009, 09:10:05 »


@Claudia: mir ist nicht klar, ob Du die Empathie gerne hier hättest ... oder ob Du sie Dir selber geben möchtest. Magst Du da für Klarheit sorgen?

Liebe Claudia,

ich hätte gerne Klarheit, ob Du an dieser Stelle noch Unterstützung möchtest. Ich merke, wie bei mir Konzentration und Ressourcen gebunden werden, wenn ich aus dem Bedürfnis heraus, Dich vielleicht unterstützen zu können, hier seit vorgestern abend (Du hattest geschrieben, dann meldetest Du Dich wieder an dieser Stelle) immer wieder hereinschaue. Und ich fühle mich frustriert, wenn ich dann wieder unverrichteter Dinge abziehe.

Wärst Du bereit, Dich hier zu melden (oder bei mir per PN/E-mail), um zu meiner Entlastung beizutragen?

Herzliche Grüße
Cynthia
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